Kommentar250 Jahre USA: Wir sollten wieder uramerikanischer werdenViele Europäer regen sich über die Amerikaner auf. Doch deren ökonomischer Leistungsausweis ist beneidenswert. Auch wenn Donald Trump manches infrage stellt: Der bisherige Erfolg kommt nicht von ungefähr.04.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenUnabhängig von Herkunft und Haltung: Aufwärts muss es gehen, und Erfolg zählt. Amerikaner vor dem Independence-Day-Wochenende am Times Square in New York.Ron Adar / Sopa Images / ImagoDie Vereinigten Staaten von Amerika haben dieses Wochenende auch ökonomisch gesehen allen Grund, auf ihren 250. Geburtstag als unabhängiger Staat stolz zu sein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit 1776 hat sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf in den USA zu Preisen von 2011 vervierundzwanzigfacht. Das einstige Mutterland Grossbritannien vermochte sein Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf laut den Daten des Maddison Project derweil nur zu verdreizehnfachen. Heute ist der durchschnittliche Wohlstand in den Vereinigten Staaten um die Hälfte höher als im Vereinigten Königreich.Woher kommt diese 250-jährige, seit 1946 akzentuierte Erfolgsgeschichte?Es ist erstens der manchmal fast schon etwas naiv optimistisch wirkende Glaube der Amerikaner an die eigene Stärke und den Erfolg des «American Dream»: Wer ehrgeizig ist und sein Schicksal in die eigene Hand nimmt, kann es unabhängig von seiner Herkunft und seiner Haltung schaffen. Und wer fällt, steht wieder auf. In diesem Glauben sind schon Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Hunderttausende von Schweizern und Deutschen nach Amerika ausgewandert. Seither ist es den USA immer wieder neu gelungen, die besten und leistungswilligsten Köpfe aus aller Welt anzuziehen und zu integrieren.Zweitens braucht es auch die richtigen Rahmenbedingungen. In ihrer Geschichte waren die USA nicht immer gleich erfolgreich. Herausragendes gelang ihnen, wenn die freiheitliche Marktwirtschaft und ein freier Kapitalmarkt dem Unternehmertum viel Raum gaben und wenn ein harter, offener Wettbewerb die Wirtschaft zu Spitzenleistungen zwang. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich die USA zum Vorreiter einer liberalen Weltordnung gemacht, und prompt hat sich ihr BIP pro Kopf vervierfacht.Wie sehr sich Marktwirtschaft und Offenheit auszahlen, zeigt sich auch im internationalen Vergleich. Mitzuhalten vermochte die Schweiz, weil sie von den Weltkriegen nicht versehrt wurde und danach auf Offenheit und Bildung setzte – und auf eine teure Industriepolitik verzichtete. Grossbritannien und Deutschland gelang das mit mehr Vergewerkschaftung und Bürokratie weniger gut.Chinas wirtschaftliche Aufholjagd seit dem Ende der maoistischen Planwirtschaft ist zwar eindrücklich, aber ebenfalls der Öffnung und marktwirtschaftlichen Reformen zu verdanken. Das chinesische System ist dabei insgesamt nicht so effizient, wie es viele fürchten: Das BIP pro Kopf ist in China erst ein Drittel so hoch wie in den USA.Drittens haben die USA eine beeindruckende Fähigkeit, sich von Krisen rasch zu erholen. Das haben sie auch nach der grossen Finanzkrise 2007/08 mit der Sanierung ihres Bankensystems gezeigt.Seither allerdings sind die USA bei den Staatsausgaben europäischer geworden: Diese sind im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung auf gegen 40 Prozent gestiegen. Weil die Einnahmen unter einem Drittel des BIP blieben, explodieren die Staatsschulden. Dennoch haben sich die Wohlstandsunterschiede in der Gesellschaft verschärft.250 Jahre nach ihrer Gründung stehen die USA deshalb mit zunehmenden Ungleichgewichten und einem ganz auf künstliche Intelligenz und Technologie abstellenden Börsenboom vor neuen Herausforderungen. Donald Trumps Tendenz, darauf mit gesellschaftlicher Polarisierung, Abschottung und Günstlingswirtschaft zu antworten, verschärft diese noch. Amerika sollte sich wieder auf seine ursprünglichen Stärken besinnen.Die EU und die Schweiz haben andere Probleme. Mit einer gut ausgebildeten Bevölkerung, funktionierender Infrastruktur und einem Sozialsystem, das für gesellschaftlichen Ausgleich sorgt, hätten sie eigentlich gute Voraussetzungen für weiteren Erfolg. Doch sie haben es mit der Bürokratie, Regulierung und dem Sozialstaat übertrieben. An die Stelle des Glaubens an den individuellen Erfolg tritt zu oft der Ruf nach dem protektionistischen Staat.Dabei zeigt gerade die Geschichte Amerikas: Es sind das Unternehmertum, die freiheitliche Marktwirtschaft und der leistungsorientierte Wettbewerb, die Wohlstand schaffen. Europa kann auf eine Marktwirtschaft mit Herz stolz sein, aber es täte gut daran, etwas ur-amerikanischer zu werden.Passend zum Artikel