PfadnavigationHomeGeschichteBicentennial 1976Die USA feiern einen runden Geburtstag in schwierigen Zeiten – nicht zum ersten MalStand: 07:51 UhrLesedauer: 7 MinutenEin Festwagen bei der Parade in Washington im Jahr 1976Quelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Harvey GeorgesAmerika begeht seinen 250. Jahrestag, doch nach Feiern ist vielen nicht zumute. Zu groß sind die aktuellen Probleme, von explodierenden Lebenshaltungskosten bis zur unsicheren geopolitischen Lage. Beim letzten runden Geburtstag der USA war das ähnlich.Ein runder Geburtstag will groß gefeiert werden. Auch wenn dem Jubilar danach gar nicht so sehr zumute ist. Zu beobachten ist dies aktuell in den USA, wo mit viel Pomp der 250. Jahrestag der Geburt der Nation begangen wird.US-Präsident Donald Trump hat dazu ein Festprogramm entworfen, das seinem Naturell als extrovertiertem Showman entspricht – eine gewisse Hemmungslosigkeit inklusive, wobei er die Etikette wie immer ignoriert, munter polarisiert und sich selbst ganz vorn auf die Bühne stellt. So gab es bereits am 14. Juni (Trumps 80. Geburtstag) anlässlich des US-Jubiläums Käfigkämpfe des Mixed-Martial-Arts-Veranstalters „Ultimate Fighting Championship“ direkt vor dem Weißen Haus, wofür eine gigantische Arena auf den Rasen gestellt wurde. Einwände, dass dies ans alte Rom erinnere und der Würde des Ortes und Anlasses wenig angemessen sei, kümmerten Trump nicht. Am 24. Juni folgte eine Trump-Kundgebung zum Start des gut zwei Wochen dauernden Jubiläumsfestivals „Great American State Fair“ in Washington D.C., die eigentlich als großes Konzert geplant war. Aber viele Musiker sagten ihre Teilnahme unter Protest ab, sie sei politisch zu einseitig.Und so überschattet der schier allgegenwärtige Kulturkampf zwischen Progressiven und Konservativen, zwischen Linken und Rechten, „Woken“ und „MAGA“-Anhängern in den USA auch den nationalen Geburtstag. Und viele Amerikaner, egal aus welchem Lager, sind ohnehin nur wenig in Feierlaune. Zu groß sind die aktuellen Probleme, von explodierenden Lebenshaltungskosten bis zur unsicheren geopolitischen Lage, in welcher die USA zuletzt eher glücklos agierten. Stichwort: Iran. Das drückt auf die Stimmung. Dennoch stehen jetzt landesweit viele weitere patriotische Veranstaltungen und große Feiern mit enormen Feuerwerken auf dem Programm. Viele hoffen, das möge dazu beitragen, die zerstrittene, verunsicherte Nation wieder zu vereinen und neuen Optimismus zu entfachen.Lesen Sie auchBei Amerikas letztem runden Geburtstag war das ähnlich. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich manchmal: Auch das „Bicentennial“, die 200-Jahresfeier von 1976, fand zu einer Zeit statt, in der die USA eine schwierige Phase durchmachten, in der die Stimmung bei vielen gedrückt, geradezu niedergeschlagen war. Etliches hatte sich aufgestaut: Die vorangegangene Dekade, die 1960er-Jahre, war eine turbulente Zeit, geprägt von den Spannungen des Kalten Krieges (etwa die Kuba-Krise 1962, als die Welt 13 Tage lang am nuklearen Abgrund stand) und gesellschaftlichen Umbrüchen. Die Bürgerrechtsbewegung begehrte gegen die Rassentrennung in den US-Südstaaten auf, und die Gegensätze zwischen den politischen und kulturellen Lagern entluden sich wiederholt in Gewalt. Mehrere Attentate erschütterten die Nation: 1963 wurde Präsident John F. Kennedy ermordet, 1968 dessen jüngerer Bruder Robert F. Kennedy. Im selben Jahr wurde der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen. Währenddessen waren die USA in den sich immer weiter hinziehenden Vietnamkrieg verstrickt, und TV-Bilder von den Schrecken des Krieges entsetzten und entzweiten die Nation, es kam zu Massendemonstrationen und Ausschreitungen.Lesen Sie auchIn den 1970ern wurde die Lage nicht rosiger, die Ölkrise 1973 beschleunigte ein Ende des Wirtschaftsbooms, die Inflation legte zu, es gab mehr Arbeitslosigkeit. Und schließlich erschütterte die Watergate-Affäre die USA, die Richard Nixon 1974 als ersten US-Präsidenten in der Geschichte zum Rücktritt zwang und eine Atmosphäre der Paranoia und Enttäuschung hinterließ. 1975 fiel die südvietnamesische Hauptstadt Saigon, die USA zogen sich gedemütigt aus Vietnam zurück.Lesen Sie auchIn dieser düsteren Gemengenlage feierten die USA 1976 den 200. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Schon seit Mitte der 1960er hatte es in einer vom Kongress dafür eingerichteten Kommission hitzige Debatten gegeben, auf welche Art dies geschehen solle. Man einigte sich schließlich darauf, statt etwa nur einer zentralen Großveranstaltung viele kleinere wie größere Events an vielen Orten quer durch das Land zu organisieren. Möglichst viel Volksnähe sollten diese bieten, traditionelle Werte und einen Geist des Aufbruchs in den Vordergrund stellen. Zur Einstimmung darauf fuhr bereits 1975 ein blau-weiß-roter „American Freedom Train“ monatelang quer durchs Land.Unzählige Feiern im ganzen Land sowie Paraden bildeten dann am Unabhängigkeitstag des 4. Juli 1976 den Höhepunkt der Veranstaltungen, die als Lichtblick in schwierigen Zeiten in Erinnerung blieben; vielen Amerikanern gelang es wie erhofft, die Sorgen wenigstens für den Moment zu vergessen und ausgelassen zu feiern. Auch im Ausland wussten die aufwendigen Feierlichkeiten zu beeindrucken. So resümierte WELT am Folgetag unter der Überschrift „Amerika, andauerndes Abenteuer“, das Ganze sei ein „Spektakel ohnegleichen“ gewesen: Im Kapitol konnte die Unabhängigkeitserklärung, Amerikas wertvollstes Dokument, von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Im New Yorker Hafen, wo sich mehr als 30.000 kleine und große Schiffe drängten, erstrahlte die Freiheitsstatue im neuen Lichterglanz. Zum ersten Höhepunkt des „Bicentennial“ wurde die Washingtoner Parade. Vizepräsident Nelson Rockefeller führte den Zug an, bei dem die Farben des Sternenbanners – Blau-Weiß-Rot – überwogen. Nie zuvor waren so viele Menschen im Zentrum der Stadt zusammengeströmt. In einer offiziellen Botschaft an die Nation begrüßte Präsident Gerald Ford, dass die Gesellschaftsform infrage gestellt, geprüft und kritisiert werde, da das amerikanische Abenteuer ein fortdauernder Prozess sei. „Wenn ein Meilenstein passiert ist, kommt der nächste in Sicht“, sagte der Präsident. „Wenn wir ein Ziel erreicht haben – eine längere Lebensspanne, eine gebildete Bevölkerung, eine Führerschaft in den Weltangelegenheiten – erheben wir den Blick. Wenn wir unser drittes Jahrhundert beginnen, gibt es noch so viel zu tun.“Ford sprach von der zunehmenden Unabhängigkeit und Entfaltungsmöglichkeit für alle Amerikaner, von der Sicherung des Rechts auf Privatleben, der Schaffung eines schöneren und sichereren Amerika und von der Förderung einer stabilen internationalen Ordnung. Im Rückblick auf die Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 sagte der Präsident, dieses Dokument sei „kein Protest gegen die Regierung, sondern gegen die Exzesse der Regierung“ gewesen. In einer modernen Gesellschaft könne kein allein handelnder Einzelner seine eigenen Rechte sichern und allein für seine Sicherheit und sein Wohl sorgen. „Daher ist eine Regierung nicht ein notwendiges Übel, sondern ein notwendiges Gut“, setzte er hinzu.Die Urheber der Unabhängigkeitserklärung hätten nicht eine starke Zentralregierung gefürchtet, wie das viele Bürger des Landes zu Recht täten, sondern eine, die zu schwach sei. Jede Generation von Amerikanern müsse die Bestrebungen der damaligen Gründerväter aufs Neue zu erreichen suchen. „Freiheit ist eine lebendige Flamme, die genährt werden muss, keine tote Asche, die man verehrt. Selbst in einem Zweihundertjahr ist es angebracht, dass wir harte Fragen stellen, selbst an einem ruhmreichen Tag wie heute“, sagte Ford. „Eben die Tatsache, dass wir diese Fragen stellen, dass wir unsere Gesellschaft prüfen und kritisieren können, ist Grund zum Vertrauen auf sie.“Erst unter Reagan tankte die Nation neues SelbstbewusstseinIn seinem Glückwunschtelegramm würdigte Bundespräsident Walter Scheel die Geschichte und die „verantwortliche Stellung“ der USA in der Welt. „An diesem Ehrentag, der für die Ausbreitung der Demokratie, die Freiheit der Person und die Herrschaft des Rechts so viel bedeutet, können die USA mit Stolz und Dankbarkeit auf 200 Jahre einer großen Geschichte zurückblicken“, hieß es in dem Telegramm. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hob die Partnerschaft mit den USA als ein stabilisierendes und den Frieden förderndes Element der Weltpolitik hervor. An die „wesentliche Wende zum Besseren“ im bilateralen Verhältnis erinnerte das sowjetische Staatsoberhaupt Nikolai Podgorny. Für die USA sollte eine tatsächliche, umfassende Wende zum Besseren, herbeigesehnt und heraufbeschworen beim „Bicentennial“, noch auf sich warten lassen. Präsident Ford brachten die Feierlichkeiten keinen Popularitätsschub, sodass der wenig charismatische Republikaner die Wahl im November 1976 gegen den Demokraten Jimmy Carter verlor. Unter diesem folgten weitere eher glücklose Jahre.Erst mit dem deutlichen Wahlsieg des Republikaners Ronald Reagan im Jahr 1980 tankte die Nation neues Selbstbewusstsein, ging der lang ersehnte Ruck durch das Land. In der von vielen als „Konservative Revolution“ oder „Reagan Revolution“ bezeichneten Wende gelang dem charismatischen „Great Communicator“ in den Jahren darauf die Ankurbelung der bei seinem Amtsantritt rezessionsgeplagten Wirtschaft durch die „Reaganomics“: angebotsorientierte, neoliberale Reformen mit weniger staatlichen Eingriffen.Lesen Sie auchDer Staat sei nicht die Lösung von Problemen – sondern sei vielmehr selbst das Problem: zu ausufernd, zu übergriffig. Eine Abkehr vom moderaten Kurs des einstigen Parteiestablishments um Gerald Ford, den dieser auch in seiner „Bicentennial“-Rede formuliert hatte. Reagan hatte Ford bereits im August 1976 auf einem dramatischen Parteikonvent herausgefordert, war damals aber noch knapp daran gescheitert, die republikanische Nominierung für die Präsidentschaft zu erlangen. Seinen Wirtschaftskurs verband Reagan außenpolitisch mit einem Kurs der Stärke. Sein robuster Antikommunismus führte dazu, dass der Westen am Ende der 1980er als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorging und das im Wettrüsten überforderte „Reich des Bösen“, wie Reagan die UdSSR nannte, schließlich implodierte.Reagans Wahlkampfslogan von 1980 wurde Jahrzehnte später vom heutigen republikanischen Amtsinhaber wiederverwertet, auf dessen politische Ideen und Methoden umgemünzt – und natürlich auch zum 250. Jahrestag wieder vielfach skandiert: „Let’s make America great again“.Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, (Pop-)Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.
Bicentennial 1976: Die USA feiern einen runden Geburtstag in schwierigen Zeiten – nicht zum ersten Mal - WELT
Amerika begeht seinen 250. Jahrestag, doch nach Feiern ist vielen nicht zumute. Zu groß sind die aktuellen Probleme, von explodierenden Lebenshaltungskosten bis zur unsicheren geopolitischen Lage. Beim letzten runden Geburtstag der USA war das ähnlich.













