Herbert List / MagnumAls Schriftstellerin war sie eine Meisterin der Mehrdeutigkeit. Aber ihr Leben war auf einen unerfüllbaren Wunsch ausgerichtet: dass es klare Verhältnisse gibt. Vor 100 Jahren wurde Ingeborg Bachmann geboren.Paul Jandl25.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDa sassen sie, die Herren der Gruppe 47, und konnten ihr Glück kaum fassen. Eine junge, aufgeregte Dichterin, die mit brechender Stimme liest und dann auch noch in Ohnmacht fällt. Sie war schön, aber nicht auf die klassische Art. Und sie wirkte unschuldig. Der Auftritt Ingeborg Bachmanns im Mai 1952 beim Treffen der Gruppe in Niendorf an der Ostsee war eine Initialzündung literaturbetrieblicher Imagebildung. Und ein Testfall für das selbstherrliche kulturelle Patriarchat. Würden die alten Männer in die Falle tappen? Sie tappten, und sie sollten nicht die Letzten bleiben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im August 1954 bringt der «Spiegel» von der Newcomerin ein nachmals berühmtes Coverfoto, dem das Kunststück gelingt, Intellekt und wollüstige Unterbelichtetheit gleichzeitig zu suggerieren. Bis heute ist das Bild Ingeborg Bachmanns in der Öffentlichkeit nicht weit von fetischhafter Verklärung entfernt, auch wenn sich die Vorzeichen geändert haben. Je mehr Texte aus dem Nachlass, je mehr Briefwechsel und private Aufzeichnungen der Schriftstellerin veröffentlicht werden, umso klarer scheinen die Konturen ihres Lebens zu werden.Aber es gibt ein seltsames biografisches Paradox. Auch wenn man jetzt viel über die Bachmann weiss, weiss man, dass man nichts weiss. Der hundertste Geburtstag der Dichterin wird von neuen empathischen Biografien und Erinnerungsbüchern begleitet, aber bei der grossen Rätsel- und Selbstverrätselungsgestalt der Literatur bleibt jede behauptete Linie hoffnungslos hypothetisch.Testfall für das selbstherrliche kulturelle Patriarchat: Bachmann mit Martin Walser und Heinrich Böll bei einem Treffen der Gruppe 47.Ullstein/GettyFatale KontinuitätenDie alten Recken von früher wussten es noch genau: «Geniales Frauenzimmer (25 Jahre!). Gehört in eine Anstalt», notierte der österreichische Autor Heimito von Doderer, als ihm der weibliche Nachwuchs vor das altadelige Auge tritt. Hans Weigel, Förderer und Geliebter Ingeborg Bachmanns in ihren frühen Wiener Jahren, hat sie in seinem Schlüsselroman «Unvollendete Symphonie» nach Herrenart gezeichnet, das heisst: von oben herab. Nicht anders später Marcel Reich-Ranicki. Bachmanns Wechsel von der Dichtung zur Prosa missfiel dem Kritiker. «Die Erzählerin Ingeborg Bachmann ist und bleibt eine gefallene Lyrikerin.» Der freudianische Anklang an die Wendung vom gefallenen Mädchen war Reich-Ranicki vielleicht gar nicht bewusst, aber eines steht fest: Hätte sie auf seinen väterlichen Rat gehört, wäre sie nicht in der literarischen Gosse gelandet. Was für ein Irrtum.Da arbeitete jemand bis zur Verzweiflung an dem Versuch, Gewalterfahrungen erzählbar zu machen. Bachmanns «Todesarten»-Projekt, dieses Mammutwerk schreibender Selbstzerfleischung, ist am Rande des Wahnsinns angesiedelt. Es wurde auf Tausenden Seiten immer wieder neu konzipiert, verworfen und weiterbearbeitet, bis schliesslich 1971, noch zu Lebzeiten Bachmanns, ein Teilstück daraus erscheint, der Roman «Malina».Das Werk Ingeborg Bachmanns entsteht aus fatalen Kontinuitäten und Vertrauensbrüchen. Lesend holt sich die Lehrerstochter die Welt in die Kärntner Provinz. Schon als junges Mädchen entwickelt sie einen kosmopolitischen Intellekt, wie Andrea Stoll in ihrer im Piper-Verlag erschienenen Biografie «Zwei Menschen sind in mir» sehr genau beschreibt. Die dreissiger Jahre und ihre nationalsozialistischen Vorboten brechen im Stechschritt in das Idyll aus Familie und Lektüre ein. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Deutschland geht das Rumoren in der nahe dem Elternhaus gelegenen Kaserne richtig los.Ausbruch aus der Kärntner Provinz: die jugendliche Bachmann beim Rudern auf dem Pressegger See im Gailtal.© Heinz Bachmann / Familienarchiv BachmannDie knapp Sechzehnjährige hat das Aufmarschgebiet neuer Zeiten direkt vor Augen und wehrt sich erfolgreich gegen den Druck, dem Bund Deutscher Mädel, dem weiblichen Zweig der Hitlerjugend, beizutreten. Wogegen sie sich nicht wehren kann: zu erfahren, dass der eigene, hochverehrte Vater schon 1932 in die damals noch verbotene österreichische NSDAP eingetreten war. Im Krieg wird er Offizier, aber danach dauert es mit seiner Entnazifizierung. Ein Arbeitsverbot wird verhängt.Der biografische Schatten, dass der Vater ein Täter war, liegt auf allem, was Ingeborg Bachmann schreibt. Von den frühen Gedichten bis zu den «Todesarten». Die berühmten Formeln «Es kommen härtere Tage» und «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar» entstehen als dunkelhelle Nachbilder eines Vertrauensbruchs, der kollektiv und zugleich persönlich ist. Die Figur des Mörders wird im Werk, in den Briefen und in den privaten Aufzeichnungen zur Chiffre. Es gibt den tatsächlichen Mord und das, was fast noch schwerer wiegt: den psychischen Todesstoss. Den Schlag, der das Ich als leere Hülle zurücklässt.Private Sprengsätze«Es war Mord», so steht es ganz am Ende von «Malina», diesem privaten und zugleich enorm politischen Sprengsatz der Nachkriegsliteratur. Anklagen gegen eine Vaterfigur bei gleichzeitig inzestuösen Anspielungen sind Metaphern für Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, aus denen sich die Autorin kaum befreien kann. Auf ihren Lehrer und Mentor, den völkisch-nationalsozialistischen Schriftsteller Josef Friedrich Perkonig, schrieb Ingeborg als Schülerin heimlich schwärmerische und bis ins Erotische gehende Elogen. Dagegen steht später das Kapitel einer sehr persönlichen Aufarbeitung. Den Vater versucht sie mit sanftem Druck dazu zu bringen, seine Erinnerungen an Krieg und Nazizeit niederzuschreiben. Ein Unternehmen, bei dem Matthias Bachmann nur sehr allmählich weiterkommt.Das nur wenige Seiten umfassende «Kriegstagebuch» der Tochter wurde aus dem Nachlass veröffentlicht und enthält auch Reminiszenzen an die unmittelbare Nachkriegszeit. So zum Beispiel an Jack Hamesh, den ursprünglich aus Österreich stammenden jüdischen Soldaten der britischen Besatzungsarmee. «Ich werde mit ihm zehnmal auf und ab durch Villach und durch Hermagor gehen, und wenn alles Kopf steht, jetzt erst recht», schreibt Bachmann im Teenager-Ton über die kleine private Revolution, mit der sie dem immer noch virulenten Antisemitismus in Kärnten begegnet. Dass viele ihrer wichtigsten Lebensmenschen jüdisch sind, zum Beispiel Paul Celan, Ilse Aichinger und Hans Weigel, hat seine Gründe. Sie kommen aus einer dem Nazitum komplementären Kultur.© US Information Service / Familienarchiv BachmannUllstein/GettyIn unüberwindlichen Sensibilitäten gefangen: Ingeborg Bachmann und Paul Celan.Ingeborg Bachmann hat ganz in den Widersprüchen zwischen Ambivalenz und Wahrheit gelebt. Als Schriftstellerin war sie eine Meisterin der Mehrdeutigkeit, aber ihr Leben war auf einen unerfüllbaren Wunsch ausgerichtet: dass es klare Verhältnisse gibt. In den Briefwechseln mit den ihr wichtigsten Menschen wird oft viele Jahre hindurch über subjektiv divergierende Wirklichkeiten und Verrat diskutiert. Es ist ein «she said, he said», das noch dadurch erschwert wird, dass die Briefpartner in unüberwindlichen Sensibilitäten gefangen sind.Paul Celans Wahrheiten haben sich durch Kränkungen, die ihm der Literaturbetrieb zugefügt hat, allmählich ins Paranoide verselbständigt. In seinen Angriffen gegen die Welt nahm er auch die Geliebte nicht aus. Hans Werner Henze, der schwule Komponist, war ein Stratege des Beziehungslebens. Auf der Insel Ischia und in Neapel entfaltet sich zwischen ihm und Bachmann Mitte der fünfziger Jahre ein eheähnliches Verhältnis, bei dem sich die Autorin laut Brief wie ein Möbelstück fühlt: nach Henzes ästhetischen Prinzipien hin- und hergeschoben und immer wieder ganz verräumt, wenn Herrenbesuch da ist.In ihrem Werk und in ihrem Leben ist die Liebe auf lebensferne Weise mit dem Begriff der Wahrheit verknüpft: Ingeborg Bachmann, fotografiert von ihrem Bruder Heinz im Jahr 1962.© Heinz Bachmann / Familienarchiv BachmannApropos Möbel: Auch aus der Zeit mit Max Frisch gibt es ein sprechendes Foto. In der Zürcher Wohnung sieht man Bachmann an einen blank polierten Flügel gelehnt. Versonnen schaut sie in den Raum, ein aufgeschlagenes Buch vor sich. Das gerade gemeinsam errungene kleinbürgerliche Idyll der beiden Grossschriftsteller ist durch eine Schale mit Zierkürbissen und einen grosszügig dimensionierten Heizkörper im Hintergrund höchst ironisch illustriert.Gefühlsbuchhalter FrischMit Max Frisch verbindet Ingeborg Bachmann eine berüchtigte Liebe, die vielleicht aber auch nur ein intimer Kampf um Wahrheit war. Versöhnung war möglich, wenn man kurz einmal meinte, sich auf dem Boden der Tatsachen zu treffen. Beide haben allerdings tatkräftig dafür gesorgt, dass der Boden in den nur fünf Jahren der Beziehung ausreichend schwankte. Sie mit Affären und ausgedehnten Reisen, die Frisch in einem Zustand selbstquälerisch-phantasievoller Eifersucht zurückliessen. Er durch ein doppeltes Spiel.Neben allen Leidenschaftsbekundungen in Frischs Briefen gibt es die Kälte des Ingenieurs, der zufällig auch Schriftsteller ist. Das Leben der Menschen kann gegen sie verwendet werden. In «Mein Name sei Gantenbein» und «Montauk» wird die Beziehung mit Bachmann später zu Literatur. Auch die persönlichsten Briefe hat Max Frisch nur in Durchschlägen an die Geliebte geschickt. Sie sollten nicht verlorengehen, waren schon vor ihrer postalischen Versendung Archivalien. So arbeiten Gefühlsbuchhalter.© Heinz Bachmann / Familienarchiv Bachmann.Photopress/KeystoneIn «Mein Name sei Gantenbein» und «Montauk» wird Max Frischs Beziehung mit Bachmann zu Literatur.Täuscht man sich beim Gefühl, da hätten zwei Menschen schon immer um die Erzählbarkeit ihrer Geschichte gerungen, um finale Deutungshoheiten? Im Werk Ingeborg Bachmanns und in ihrem Leben ist die Liebe auf lebensferne Weise mit dem Begriff der Wahrheit verknüpft. In der Zugluft des Beziehungsalltags zieht das Misstrauen durch die Ritzen, eine Verunmöglichung von Liebe, die die Schriftstellerin ganz fundamental erlebt hat. «Ihre Ortlosigkeit, der ständige Wechsel zwischen Ländern und Städten, zwischen Zürich, Rom, Berlin und New York, war Ausdruck eines prinzipiellen Unvermögens: nicht mit jemand, nicht dauerhaft bei jemand sein zu können.»Die vielen Affären waren heftig. An Plänen, sich mit Männern dauerhaft an gemeinsamen Wohnadressen einzurichten, hat es nicht gemangelt. Manchmal wurden auch Luftschlösser gebaut, wie mit Hans Magnus Enzensberger, dem vielleicht heimlichsten aller Geliebten, wie Dieter Burdorf in seiner äusserst materialreichen, an manchen Stellen aber auch übergenauen neuen Bachmann-Biografie «Dieses unruhige Ich» (Verlag C. H. Beck) zeigt. Am Ende blieb immer der Kokon des solitären Lebens. «Ich kann nur gut allein sein, alles andere kann ich nicht», schreibt die Autorin einmal an Hans Werner Henze.Ingeborg Bachmanns Ende, der Brandunfall in ihrer römischen Wohnung und der Tod am 17. Oktober 1973, war einsam. Als wäre es eine fast filmische Metapher, standen Freunde und Verwandte der Dichterin an deren letzten Tagen am Krankenhausflur des Ospedale Sant’Eugenio und sprachen durch einen Telefonhörer ins Zimmer der Schwerverletzten. Eine Antwort kam nicht mehr, aber das Schwirren der Gerüchte, wer Ingeborg B. war, hat bis heute nicht aufgehört.Rom als Wahlheimat einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann auf der Spanischen Treppe, Aufnahme zwischen 1969 und 1972.Garibaldi Schwarze / Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek, ZürichPassend zum Artikel