Stets überlagerten sich bei Ingeborg Bachmann Kunst und Leben. Am 25. Juni wird sich ihr Geburtstag zum hundertsten Mal jähren. Aus diesem Anlass bemühen sich etliche Bücher, sie in neuem Licht zu zeigen. Eines davon stammt aus der Feder von Andrea Stoll, die 2013 bereits mit ihrer Bachmann-Biographie „Der dunkle Glanz der Freiheit“ Erfolg hatte. Teile davon sind in eine um hundert Seiten erweiterte Fassung eingeflossen, die jetzt unter dem ‚Titel „‚Zwei Menschen sind in mir‘“ erscheint. Doch der Zugriff hat sich gewandelt. Die seit 2017 in der „Salzburger Bachmann Edition“ veröffentlichten Dokumente aus dem Nachlass und Briefwechsel unter anderem mit Hans Werner Henze, Paul Celan und Max Frisch prägen Stolls neue Überlegungen ebenso wie die langjährigen Beziehungen der Biographin zu den jüngeren Geschwistern Bachmanns und das Zusammentreffen der Filmemacherin Stoll mit empathischen Zeitzeugen wie Henry Kissinger. So wird Ingeborg Bachmann zugleich als kompromisslose Dichterin, passionierte Schwimmerin, liebevolle Tante, systematisch ihre Karriere Planende und Suchtkranke menschlich fassbar.Andrea Stoll: „Zwei Menschen sind in mir“VerlagDer Anspruch der 1973 jung gestorbenen Schriftstellerin auf ein autonomes und genussvolles Autorinnenleben ist brandaktuell. Damals indes kontrastierte er scharf mit den Männern ihrer Zeit, die Förderung von Frauen systematisch an sexuelle Gegenleistungen knüpften und ganz selbstverständlich von ihren Ehefrauen Sekretärinnen- und Hausfrauendienste erwarteten. Die ersten Kapitel in Stolls Biographie grundiert die Unterstützung des NS-Regimes durch Bachmanns Vater, der bereits 1932 in die NSDAP eintrat. Das zweite Leitthema bildet die „hundertköpfige Hydra Armut“. Bachmanns Lebensentscheidungen – darunter die gegen „das mit der Shoah unfassbar gewordene Leben“ mit Celan – waren auch ökonomische, sollten ein Schreiben ermöglichen, von dem allein sie nicht leben konnte. Die mit einer burlesken Verführung begonnene Beziehung zu Max Frisch endete jedoch buchstäblich „senza casa“, ohne eigenes Dach über dem Kopf, und zusammengebrochen über der Abhängigkeit von Männern, die nach Belieben aufnehmen und wieder abstoßen können. Doch Stoll schreibt gerade keine Opfererzählung, sondern zeigt, wie Ingeborg Bachmann an einem in ihrer Zeit unlebbaren Anspruch zerbrach.Spaziergänge im Grenzland der AusgeliefertenBachmanns wahrhaft universelles Werk reicht vom Höhenkamm der Philosophie, Sprachtheorie und Lyrik über pragmatischen Hörfunk und flotten Journalismus zu Libretti, Hörspielen und musiktheoretischen Texten, um in langwierigen Transformationen zu einer Prosa zu finden, die alles beinhaltet. „Wer je ihren literarischen Nachlass in den Händen hielt, weiß, dass nichts davon einfach so entstand“, stellt Stoll fest. Dank komprimierter Werkanalysen ist „Zwei Menschen sind in mir“ auch als Einführung lesbar, die biographische Fülle und historische Kontexte in mitunter literarischer Sprache verbindet: „Die Bedeutung der Liebesqual als Aphrodisiakum der Künste ist so alt wie die Menschheit selbst, doch der Preis, den Bachmann für solche Spaziergänge im Grenzland der Ausgelieferten und der sich selbst Ausliefernden zu zahlen hatte, war hoch und ließ sie mitunter verzweifeln.“ Unverständlich bleibt einzig, warum der Verlag das Personenverzeichnis nur über einen QR-Code zugänglich macht.Eine zweite Lebensanalyse stammt von Dieter Burdorf. „Dieses unruhige Ich“ ist aber ungeachtet des Untertitels gerade keine Biographie, sondern beschreibt „Ein Leben in Korrespondenzen“. Es „verzichtet weitgehend auf die Analyse der kanonischen Werke“, da „zusätzliche Kapitel die Kohärenz der Darstellung ebenso gesprengt hätten wie den gerade eben noch möglichen Umfang des Buches“ – von immerhin 764 Seiten. Burdorf, ein für Lyrik und Poetik der Moderne ausgewiesener Germanist, verwendet die Briefwechsel der „Salzburger Bachmann Edition“ für eine „multiperspektivische Darstellung“, der es nicht allein „um den Informationsgehalt der Briefe, sondern immer auch um ihre literarische Qualität“ geht. Diese Darstellung überzeugt unmittelbar, weil Bachmanns Briefe nicht erst in ihrem Roman „Malina“ amalgamieren, sondern bereits in der Frühschrift „Briefe an Felician“, wie Burdorf feststellt, „die literarische Technik der Aufspaltung einer Persönlichkeit sowohl die Briefschreiberin als auch ihre miteinander konkurrierenden Liebesobjekte betrifft“.Dieter Burdorf: „Dieses unruhige Ich“VerlagDie chronologisch bis ins Jahr 1953 führenden Anfangskapitel bündeln Briefe, autobiographische und autofiktionale Texte. Danach werden die Briefwechsel nach Personen beziehungsweise Paaren separiert, der betreffende Lebensabschnitt also „multiperspektivisch“ mehrfach und komplementär geschildert. Das ist ebenso ergiebig wie historisch plausibel, denn Bachmann hielt ihre Freundeskreise derart voneinander getrennt, dass sie erst im römischen Krankenhausflur vor ihrem Sterbezimmer zusammentrafen – mit dramatischen Folgen. Vor allem aber präsentierte Bachmann sich mit großer Wandelbarkeit in unterschiedlichen Schreibpersönlichkeiten. Mit solcher „Rollenprosa“ stellte sie sich Henze beim ersten Treffen als „Heimatschriftstellerin“ vor, grenzte sich von der „Asphaltliteratur“ der Gruppe 47 ab und eröffnete mit diesen Begriffen der NS-Literaturdoktrin ein komplex mehrfach codiertes und ironisch gebrochenes Gespräch.Das Ringen um eine Lyrik nach der SchoaHenze, Frisch und Celan sind die bekanntesten Briefpartner Bachmanns, und Celan und Bachmann bilden zweifellos das bedeutendste Lyrikpaar des zwanzigsten Jahrhunderts, weshalb Burdorf ihnen sein umfangreichstes close reading widmet. Und das mit überraschenden Ergebnissen zu Celan, der vor und nach seiner Heirat parallel zu Bachmann weitere Geliebte hatte, denen er teilweise dieselben Gedichte sandte. Dass er allein aufgrund seines Opferstatus von Bachmann als unfehlbare moralische Instanz akzeptiert zu werden verlangte, zeigt ein gutes Quantum Narzissmus, der vielleicht noch mehr als beider finanzielle Bedrängnis ein gemeinsames Leben verhinderte.Frisch entpuppt sich bei Burdorf als aufrichtig Liebender und Androzentriker, der von einer derart großzügig ausgehaltenen Bachmann erwartete, dass sie ihn „trägt“. Auch „Dieses unruhige Ich“ zeigt, wie verschlungen der Weg vom Leben in die Literatur ist, wenn ein Briefsatz von Frisch („Ich stand von Anfang an unter Dir“) in „Malina“ diametral gewendet wiederkehrt: dort vom Erzählerinnen-Ich an ihr Alter Ego Malina gerichtet. Die Briefwechsel mit den Lyrikerinnen Ilse Aichinger, Nelly Sachs und Hilde Domin dokumentieren das gemeinsame Ringen um eine Lyrik nach und mit der Schoa, aber auch das partielle Misslingen der Kommunikation zwischen den Überlebenden des Holocausts und der „Tätertochter“ Bachmann. An Marie Luise Kaschnitz zeigt sich die Bedeutung von Frauenfreundschaften für Bachmann, mit Hans Magnus Enzensberger erörterte sie poetologische Fragen, mit Heinrich Böll praktische. Von Kissinger über die unerotischen Freundschaften zu Günter Grass und Uwe Johnson bis zu den skandalumwitterten letzten Jahren gelingt Burdorf eine empathische, doch immer ausgewogene Darstellung, die reich ist an Zwischentönen und korrigierenden Details – nicht nur zur Biographie Bachmanns – vor dem Hintergrund eines enzyklopädischen Wissens auch zu den Briefpartnerinnen und Partnern und unter Einbezug der Forschung.Der verlorene Traums von der FamilieBurdorfs und Stolls Darstellungen gehen überwiegend konform. Auseinander fallen sie jedoch bei der Perspektivierung von Bachmanns Hysterektomie 1962, in der Stoll einen ärztlichen Übergriff konstatiert, Burdorf dagegen Bachmanns Einverständnis. Die Folgen für Selbst- und Körperbild der Dichterin waren in jedem Fall katastrophal: Sie fühlte sich „kastriert“. Mit der Gebärmutter verlor ihr im Kern durchaus konservatives Frauenbild die Utopie, noch einmal „etwas Ganzes, Kompromissloses mit Mann und Haus und Kind“ zu haben.Die vierzehn Jahre jüngere italienischsprachige Schweizer Autorin Fleur Jaeggy lernte Ingeborg Bachmann in Rom kennen. Gemeinsam reisten beide zu Bachmanns Familie nach Klagenfurt und verbrachten 1971 vier Spätsommerwochen in der Toskana. Auf nicht einmal fünfzig Seiten gleitet die heute sechsundachtzigjährige Jaeggy zurück in ihre damals mindestens protoerotische Schwärmerei für Bachmann, der sie die Ermutigung zu eigenem Schreiben verdankte. Das von zwei schattenhaften Zeuginnen Jehovas geführte Gästehaus in der Toskana wird zu einer paradiesisch-utopischen Kapsel, in der die beiden Frauen „sich genug sind“.Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg“VerlagMit dem titelgebenden Kapitel „Die letzten Tage von Ingeborg“ wechselt der elegische Tonfall abrupt in ein schroffes Stakkato. Tagebuchartig, durchsetzt mit Vor- und Rückblenden, Wiederholungen und Eingeklammertem überschlagen sich die Ereignisse von dem traumatisch genau auf den 1. Oktober 1973 datierten Anruf „Die Ingeborg hat sich verbrannt“ bis zum nur noch „eines Morgens bei Tagesanbruch gegen sechs Uhr“ bestimmbaren „Sie ist tot“. Das „Wir haben es schön gehabt“, mit dem die Sterbende sich verabschiedet, wird zur letzten Verbindung und Formel, an die der Text einen Rest Sinnhaftigkeit knüpft. Die Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert zerrinnt in Jaeggys furioser Anklage gegenüber Bachmanns Geschwistern und Freunden, tagelang nichts unternommen zu haben, um der Schwerverletzten zu helfen, gegenüber angeblich mangelnder Versorgung des römischen Krankenhauses und dem behandelnden Professor, einem ehemaligen Faschisten, der Auskunft über die Behandlung verweigerte, sowie gegenüber einem weiteren Arzt, der sich mehr dafür interessierte, ob Bachmann die Unfallnacht mit einer Frau verbracht habe. Detailrealistisch klebt der traumatisierte Blick an einer durch das angeblich aseptische Zimmer summenden Fliege.Dass Bachmann nicht an ihren Verbrennungen, sondern an Entzugserscheinungen ihrer schweren Beruhigungsmittelabhängigkeit beziehungsweise einer damit konfligierenden Medikamentation starb, gilt als Konsens. Dass der Arzt Fred Auer und dessen Ehefrau Heidi, die Bachmann mit Medikamenten versorgt hatten und dies den Klinikärzten gezielt verschwiegen, nie zur Verantwortung gezogen wurden, ist in der Tat skandalös. Dennoch wirkt Jaeggys Anklage aus der Zeit gefallen, wenn sie 53 Jahre nach den Ereignissen die Namen der heute überwiegend verstorbenen Beteiligten so unsystematisch zu Initialen der Vor- oder Nachnamen verkürzt, dass sich die Zusammenhänge erst aus biographischen Parallellektüren erschließen. Und selbst dann bleibt unklar, ob „C. Sheila“ nur Bachmanns Schwägerin meint oder zu einer weiteren Person das abtrennende Komma fehlt. In jedem Fall bedürfte es hier eines verlegerischen Nachwortes. Doch alle drei Neuerscheinungen belegen sowohl Ingeborg Bachmanns Bedeutung als kanonische Autorin des zwanzigsten Jahrhunderts wie die fortdauernde Aktualität ihres Werks und Lebens.Andrea Stoll: „Zwei Menschen sind in mir“. Ingeborg Bachmann – Die Biografie. Piper Verlag, München 2026. 480 S., Abb., geb., 26,– €.Dieter Burdorf: „Dieses unruhige Ich“. Ingeborg Bachmann – Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2026. 764 S., Abb., geb., 28,– €.Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 44 S., geb., 16,– €.
Neue biographische Bücher über Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag
Zu Ingeborg Bachmanns hundertstem Geburtstag erscheinen gleich drei gewichtige, wenn auch unterschiedlich umfangreiche Bücher über ihr Leben und Sterben. Verfasst haben sie Andrea Stoll, Dieter Burdorf und Fleur Jaeggy.







