InterviewHeinz Bachmann, der Bruder von Ingeborg Bachmann, sagt: «Ich habe mir ‹Stiller› besorgt, um etwas über Max Frisch zu erfahren. Das Buch hat mir nicht gefallen»Der 87-jährige Heinz Bachmann ist der Bruder der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Er kennt ihr Werk so gut wie ihr Leben. Und spricht im Interview auch über ihre Beziehung zu Max Frisch.Paul Jandl13.05.2026, 05.30 Uhr9 Leseminuten«Mit ihr ist die Welt zu uns gekommen, und Ingeborg war offen für die Welt», sagt Heinz Bachmann.Heinz Bachmann1962 hat Heinz Bachmann in Rom Fotos von seiner Schwester Ingeborg gemacht. Man sieht die Schriftstellerin strahlend und voll Vertrauen in die Kamera schauen. Ohne Zweifel war die Beziehung zu ihrem dreizehn Jahre jüngeren Bruder eine besondere. Erst gab es Ingeborg Bachmanns Fürsorglichkeit, später musste er ihr in Krisen zur Seite stehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer jetzt mit Heinz Bachmann spricht, erlebt einen bald 87-Jährigen, der sich nach einer Karriere als Geologe in der Ölindustrie weiterhin um den Nachlass seiner Schwester kümmert. Vor drei Jahren hat er seine Erinnerungen in Buchform festgehalten, er selbst ist in seiner Reiselust nicht zu bremsen. Nach Stationen in Washington und an seinem Wohnsitz London ist er in Wien per Video-Call zu erreichen. Die Veranstaltungsvorbereitungen zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann am 25. Juni laufen an.Herr Bachmann, es gab lange Gerüchte um die letzten Tage Ihrer Schwester Ingeborg. Der Brandunfall mit einer Zigarette in der römischen Wohnung in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 und ihr Tod drei Wochen später im Ospedale Sant’Eugenio sind fast mythisch aufgeladen. Wie haben Sie es damals erlebt?Ich habe für eine internationale Ölfirma gearbeitet und war gerade in den Niederlanden, als der Unfall passierte. Davon noch nichts wissend, habe ich zu Hause angerufen und war vollkommen versteinert, als ich am Telefon von meiner Nichte die Umstände erfahren habe. Ich habe mich gefragt: Wie kann Ingeborg das überstehen? Dann die Situation im Krankenhaus in Rom. Meine Schwester war wegen der Infektionsgefahr in Quarantäne, aber auf dem Gang gab es Telefone. Man konnte hineinsprechen, aber es kam keine Antwort mehr. Unsere Hoffnung war natürlich trotzdem, dass alles gut ausgeht.PrivatSie mussten dann aus beruflichen Gründen von Rom wieder nach Dakar?Ja, ich war sehr gebunden, und alles war sehr kompliziert. In Rom tauchten unterdessen Gerüchte darüber auf, wie es zum Unfall gekommen war. Nach dem Tod Ingeborgs am 17. Oktober hatte eine Freundin von ihr namens Heidi Auer sogar schon den Namen eines Mörders parat. Jahre später änderte sie die Geschichte und behauptete, Drogen und Mafia wären dahinter.Welcher Name war das denn?Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.Max Frisch war es nicht?Nein. Aber diese absurden Ideen haben den Freundeskreis augenblicklich gespalten. Es wurde von Mord gesprochen und davon, dass man zur Polizei gehen müsse. Es war alles absurd. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld war da und hoffte auf ein römisches Begräbnis. Er sagte: Das muss Stil haben!Also ein grosses Begräbnis?Ja, so meinte er das. Für uns war das ein Albtraum. Was, wenn dann auch noch jemand bei der Trauerfeier «Mord!» schreit? Wir haben dann gesagt: Das geht nicht. Wir bringen sie nach Hause, nach Klagenfurt.Die damals so tragisch öffentliche Schriftstellerin wurde also ganz bewusst der Öffentlichkeit entzogen?Ja.Nicht direkt ursächlich für Ingeborg Bachmanns Tod war ein jahrelanger Medikamentenmissbrauch. Man sagt, sie habe den Ausbruch des Feuers vielleicht nicht bemerkt, weil ihre Schmerzmittel so hoch dosiert waren. Ist da etwas dran?Das ist belegt. Einer ihrer Freunde, der Hoteldirektor Freddy Grisel, hat erzählt, wie er sie auf Malta getroffen hat. Einmal ist ihr die Zigarette bis in die Fingerspitzen heruntergebrannt, aber sie hat es nicht bemerkt. Grisel sagte, dass so ein Brandunfall eigentlich nur eine Frage der Zeit gewesen sei.Im Roman «Malina» imaginiert Ingeborg Bachmann einen Tod durch Feuer. Es scheint, als hätte man ihr Leben immer auch literarisch lesen können. Wie hat das nicht literarische, das echte Leben mit ihr ausgesehen?Ich war ja dreizehn Jahre jünger als sie und erinnere mich, dass Ingeborg in meiner frühesten Kindheit immer sehr um mich bemüht war. Ihr Leben ist mir schon früh sehr bewegt und interessant erschienen. Wegen des Krieges und auch noch danach haben wir nicht in unserem Klagenfurter Haus gelebt, sondern im Dorf Obervellach. Als ich so sieben oder acht Jahre alt war, habe ich dort gehört, dass meine Schwester eine Dichterin sei. Das war unglaublich. Mit ihr ist die Welt zu uns gekommen, und Ingeborg war offen für die Welt.Das Geräusch, wie Ihre Schwester auf der Schreibmaschine tippt, war ein Teil Ihrer Kindheit?Ich erinnere mich, dass sie oft stundenlang an der Schreibmaschine war, die ihr ein Onkel geliehen hatte. Schon als Gymnasiastin ist sie mit ihren Sachen nach Wien gefahren, um sie an den Mann zu bringen. Der Literaturbetrieb bestand damals ja nur aus Männern. Schon die Fahrt war ein Abenteuer. In Wien ist sie zumindest an Papier gelangt und konnte weiterschreiben. Das Papier war ja streng rationiert.Ingeborg Bachmann beim Schachspielen.Heinz BachmannIngeborg Bachmann hat nicht nur das glamouröse Leben nach Hause gebracht, sondern sicher auch eine Ahnung davon vermittelt, wie gefährlich es da draussen sein kann. Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass es im Leben Ihrer Schwester Brüche gibt?Das war auf jeden Fall schon in den frühen fünfziger Jahren. Es gab damals den Bruch mit ihrem Freund Hans Weigel, dem Wiener Schriftsteller und Kritiker, der plötzlich mit einer anderen Frau verheiratet war, ohne Ingeborg das überhaupt zu sagen.Eine wirkmächtige Beziehung Ihrer Schwester war die zu Paul Celan, mit dem sie 1948 eine Liaison beginnt. Sie haben ihn aber nie kennengelernt?Nein. Aber wenn sie uns besucht hat, gab es immer dieses Hintergrundrauschen. Diese Sorge um sein Wohlbefinden. Das hat sich über viele Jahre hingezogen. Wenn man Celans Briefe an Ingeborg liest, wirkt er nicht immer sympathisch. Er war leicht zu kränken, und die Beweise der Zuneigung waren ihm nie genug.Sie haben Ingeborg Bachmann im Sommer 1958 in Paris besucht und dort ihren damals aktuellen Freund Pierre Burk kennengelernt. Er hat unter dem Namen Pierre Evrard als Journalist für «Paris Match» gearbeitet. Noch während Sie in der Stadt waren, hat sich Ihre Schwester heimlich mit Max Frisch getroffen.Pierre mochte ich sehr, und zwei Tage nach unserem Treffen sagt mir Ingeborg, dass es mit ihm zu Ende sei, weil sie Frisch kennengelernt habe. Es kamen da eher so Andeutungen, aber für mich war es eine sehr drastische Situation. Ingeborg hat mir dann Geld gegeben und gesagt, ich soll mir Paris alleine anschauen.Sie wollte Sie loswerden, weil sie Wichtigeres zu tun hatte?Ja. Es waren dramatische Momente, obwohl man natürlich noch nicht wusste, welche verhängnisvolle Affäre das werden würde. Ich habe Max Frisch später natürlich immer wieder getroffen, wir sind aber immer beim Sie geblieben.Haben Sie denn am Anfang etwas mit diesem Namen verbunden?Ich habe mir dann den Roman «Stiller» von Max Frisch besorgt, um ein bisschen etwas über ihn zu erfahren. Das Buch hat mir nicht gefallen. Mich hat die Beschreibung der weiblichen Hauptfigur gestört. Natürlich habe ich das Ingeborg nicht gesagt, aber ich hätte es wohl tun sollen.Sie hatten, vorsichtig ausgedrückt, ambivalente Gefühle gegenüber Max Frisch?Ja, am Anfang sicher unbewusst. Auch wegen «Stiller». Ein paar Monate später haben wir uns zu dritt getroffen, und ich habe Frisch gefragt, ob im Roman seine eigene Frau beschrieben sei. Die Antwort war ausweichend und unbefriedigend.Was genau hat Sie irritiert?Ich finde, dass man in der Literatur die eigenen Beziehungen nicht auf diese Weise verwerten sollte. Das war mir damals schon bewusst.Am dramatischen Ende der Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch wird das auch ein Thema sein. Ihre Schwester fühlte sich in der Figur Lila in «Mein Name sei Gantenbein» verraten und blossgestellt. Haben Sie mit ihr darüber geredet?Wir waren sehr vorsichtig miteinander und haben eher in Bildern gesprochen. Es gab ironische Bemerkungen. Ich habe sie gefragt: Warum hast du dich nicht schon viel früher von Frisch getrennt? Als Aussenstehender kann man solche Fragen natürlich leicht stellen. Als wir in den siebziger Jahren der Österreichischen Nationalbibliothek den Briefwechsel mit Frisch übergeben haben, hat mich eines sehr überrascht: Die Briefe, die Ingeborg von ihm bekommen hat, waren bis auf acht Ausnahmen Durchschriften. Er hat also mit Kohlepapier geschrieben. Wieso schickt man jemandem, den man angeblich liebt, nur die Kopien?«Ich habe Max Frisch später immer wieder getroffen, wir sind aber immer beim Sie geblieben.», sagt Heinz Bachmann über den Schweizer Autor. Im Bild: Max Frisch, 1986.APVielleicht war die Selbstliebe bei Max Frisch grösser, und er wollte in seinem Archiv die Originale haben?Möglicherweise. Für mich war das alles sehr befremdlich.In ihrem Buch «Ingeborg Bachmann, meine Schwester» erzählen Sie, wie eifersüchtig Max Frisch war. Er war sogar eifersüchtig auf die Zuneigung der Eltern zu ihrer Tochter. Einmal soll er nach einem Besuch in Klagenfurt irritiert ausgerufen haben: «Die lieben dich ja!» War Frisch ein zutiefst unsicherer Mensch?Ja, wahrscheinlich. Es ist etwas Seltsames, wie besitzergreifend Menschen sein können.Frisch und Bachmann waren zwei Menschen, die im jeweils anderen etwas gesucht haben, das der oder die andere nicht geben konnte. Was wollte Ihre Schwester von der Beziehung?Ich glaube, sie wollte ein echtes Gespräch. Sogar noch nach dem Bruch. Das ist völlig danebengegangen.Was hat es mit Ingeborg Bachmanns Hang zu Vaterfiguren auf sich?Es gab oft ältere Männer in ihrem Leben, das stimmt. Mit ihrem eigenen Vater hat sie sich sehr gut verstanden. Sie hatten den gleichen literarischen Geschmack und haben Balzac oder Hesse gemeinsam gelesen.Es gibt eine politische Tatsache, die von den Biografen oft ausgeschlachtet wurde. Matthias Bachmann war ab 1932 Mitglied der bald danach vorübergehend verbotenen NSDAP in Österreich. Ingeborg war eine sehr strikte Kämpferin gegen solche Ideen. Wie heftig waren die Konflikte?Das Thema hat sie unglaublich beschäftigt, und sie hat es in ihrer Arbeit immer wieder aufgegriffen. Zum Beispiel in der Erzählung «Unter Mördern und Irren». Zur Ehrenrettung des Vaters muss man sagen: Da wurde nichts verschwiegen. Seine Parteimitgliedschaft war immer bekannt. Anders als bei Günter Grass, der erst 2006 zugegeben hat, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Von der Parteimitgliedschaft Siegfried Unselds hat man erst lange nach seinem Tod erfahren. Ingeborg hat sehr mit der Vergangenheit des Vaters gekämpft und ihn auch gebeten, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Er hat daran noch gearbeitet, als er starb. Aber es gibt ein Zitat von ihm: «Ich verfluche diese Zeit.»Wie fliessend sind die Übergänge zwischen Ingeborg Bachmanns privatem Leben und ihrer Literatur?Vollkommen fliessend. Wenn man ihre Aufzeichnungen kennt, versteht man auch ihr Schreiben sehr viel besser. Das Leben steckt in ihrer Literatur, und das ist das Schöne bei Ingeborg.Im Band «Male oscuro» der Bachmann-Werkausgabe gibt es viele höchst private Aufzeichnungen ihrer Schwester aus der Zeit der Krise mit Max Frisch. Es war eine Phase der Krankheit und hoher psychischer Belastungen. Wie sind Sie mit diesem Teil des Nachlasses umgegangen?Es war schwer zu verkraften. Auch wegen der Todesumstände in Rom. Wir konnten jahrelang darüber nicht reden und liessen die Dokumente für die Öffentlichkeit sperren, als wir sie dem Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek übergeben haben. Allerdings war das alles auch sehr wichtig, um Ingeborg Bachmanns Werk zu verstehen.Man hat der Familie und den Herausgebern des Werks vorgeworfen, die Privatsphäre der Schriftstellerin nicht geschützt zu haben. Wie sehen Sie das?Die Frage war: Soll die Familie das alles vernichten? Die intimen Briefwechsel mit vielen Autoren. Mit Paul Celan, Ilse Aichinger, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch. Und die Aufzeichnungen? Wir konnten das nicht entscheiden. Wir fanden, das stehe uns nicht zu. Ausserdem bliebe ja bei den Korrespondenzen das Material der jeweiligen Briefpartner übrig und hätte das Bild verfälscht. Also wurde alles ans Archiv übergeben. Wir hatten manches auf fünfzig Jahre sperren lassen. Diese Frist ist abgelaufen. Dazu kommt: Wenn das Urheberrecht siebzig Jahre nach dem Tod Ingeborg Bachmanns aufgehoben ist, herrscht völlige Freiheit. Dann kann man mit ihren Texten machen, was man will. Deshalb wollten wir eine gute Werkausgabe machen, die alle Hintergründe erklärt und sich allen widersinnigen Spekulationen verweigert.Würden Sie sagen, dass Ingeborg Bachmann heute allen gehört? Ihr tragisches Leben und ihre dramatisch ehrliche Kunst? Ist sie nicht fast eine Parabel ihrer selbst?Ja, das beschreibt es sehr präzise. Und wie es eben ist bei Parabeln: Man muss sie enträtseln.Passend zum Artikel
«Mit ihr ist die Welt zu uns gekommen, und Ingeborg war offen für die Welt», sagt Heinz Bachmann
Der 87-jährige Heinz Bachmann ist der Bruder der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Er kennt ihr Werk so gut wie ihr Leben. Und spricht im Interview auch über ihre Beziehung zu Max Frisch.









