Ich habe mich einmal mit Maxim Biller zum Mittagessen getroffen. Ich trug keine Jeans, keine Turnschuhe und auch keine Salz-und-Pfeffer-Strickjacke. Ich habe ein Avocadobrot gegessen, aber ich habe vieles von dem nicht oder nicht so gesagt, wie es in der Kolumne „Über den Linden“ von einem Treffen einer Person namens Maxim Biller mit einer Person namens Steffen Martus erzählt wird.Diese sonderbare Geschichte ist am 23. April in der „Zeit“ unter dem Titel „Und die Juden?“ erschienen. Die direkte Rede, die nicht autorisiert wurde, ist eine verführerische Perfidie. Auch Biller hat bei diesem Treffen vieles nicht oder nicht so gesagt, wie es dort steht. Vor allem aber war ich nicht wegen seines Vorwurfs ratlos, dass in meinem Buch „Erzählte Welt: Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute“ (Rowohlt Berlin, 2025) zu wenige jüdische Schriftsteller thematisiert würden. Ratlos war ich, weil mir Billers Kategorie „die Juden“ in diesem Kontext rätselhaft geblieben ist.Der Vorwurf, jüdische Stimmen zu marginalisierenBillers Artikel ist ein eine strategische Fiktion. Aber so wird sie nicht wahrgenommen. Auch nicht von Jan Süselbeck in der Süddeutschen Zeitung vom 13. Mai. Er stellt zwar zunächst eine „rein subjektive, Fakten und Fiktionen vermischende publizistische Form“ fest, behandelt die Ausführungen dann aber so, als würde Biller „berichten“.Die Anregung von Markus Steinmayr, die literarische Machart in Betracht zu ziehen, greift Süselbeck nicht auf. Stattdessen bringt der in Trondheim lehrende Literaturwissenschaftler wieder einmal Auslands- und Inlandsgermanistik gegeneinander in Stellung. Entsprechend pauschal bleiben leider die Vorwürfe: Jüdische Stimmen würden von „der“ deutschsprachigen Literaturwissenschaft anders als in „der“ englischsprachigen Forschung marginalisiert.Der Schriftsteller Maxim BillerPicture AllianceDas Treffen mit Biller kam zustande, weil er sich darüber beklagt hat, in meinem Buch an wichtigen Gelenkstellen nur als Literaturkritiker, nicht aber als bedeutender Romancier und Erzähler vorzukommen. Ich schätze Billers Prosa (wenngleich ich sie nicht „liebe“, wie dem Steffen Martus seiner „Zeit“-Kolumne in den Mund gelegt wird). Ich fand es interessant, über seinen Einspruch nachzudenken, darüber also, ob und vor allem inwiefern, für wen und mit welchen Folgen in meinem Buch eine „Lücke“ klafft – in einem Buch, das Werke nicht wegen ihrer literarischen Qualität erwähnt, sondern dann, wenn sie strukturelle Veränderungen erhellen.Ich habe einen Thematisierungsvorschlag für Entwicklungen der vergangenen dreißig Jahre gemacht, beginnend beim Mauerfall, über den 11. September, die Finanzkrise bis zu den politischen Verwerfungen der Zehnerjahre und der eskalierenden Öffentlichkeit im Zeichen von „Corona“. Das Verhältnis zur deutschen Vergangenheit ist dabei ebenso ein Dauerthema wie der Vibe-Shift in Richtung Rechtspopulismus. Der grassierende Antisemitismus zählt für mich zu den besonders beunruhigenden Zeitzeichen.Entscheidend ist nun: Das alles wird vom Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit aus entwickelt. Wie also sieht die Sozial-, Medien-, Wirtschafts- oder Ereignisgeschichte aus, wenn wir sie mittels literarischer Quellen und mit Blick auf die Vielfalt literarischer Aktivitäten rekonstruieren? Wie erzählt man eine „Literaturgeschichte der Gegenwart“ im Unterschied zu einer Geschichte der Gegenwartsliteratur, die als „Lexikon“ taugen würde? Aufmerksamkeitskonkurrenzen spielen dabei eine zentrale Rolle. Wann etwa nimmt der Literaturbetrieb Herkunft wichtig, wann nicht und welche Folgen hat das für den literarischen Status von Autoren und Texten? Texte von Max Czollek, Fatma Aydemir oder Hengameh Yaghoobifarah markieren in meinem Buch den Stand der Debatte. Auf dieser Grundlage müsste man auch über „jüdische Gegenwartsliteratur“ nachdenken, statt einfach nur von einem wie selbstverständlich gegebenen Thema auszugehenGibt es „die Juden“ der deutschen Gegenwartsliteratur?Neben Biller werden von mir weitere jüdische Autorinnen und Autoren einbezogen. Einige würde er gar nicht zu „den Juden“ zählen. Bereits hier beginnen die Probleme. Im Café Einstein lautete die für mich interessante Frage an ihn: Wenn wir literarische Texte der in meinem Buch erwähnten Autoren wie Eva und Robert Menasse, Elfriede Jelinek, Benjamin Stein, Sasha Marianna Salzmann, Wladimir Kaminer, Olga Grjasnowa, Max Czollek oder von Biller selbst nehmen, wenn wir zudem die wenigen von ihm als hochrangig anerkannten Autoren wie Robert Schindel und schließlich noch Texte nicht-jüdischer Autoren dazulegen und eine Lektüreblindverkostung machen: Wie würden sich die Texte verteilen? Welche Schriftsteller teilen Themen, Stilformen, Fragen, Erkenntnisse, Erzählweisen, Bedrohungen oder Zumutungen? Und würden dabei „die Juden“ der deutschen Gegenwartsliteratur eine Gruppe bilden?Biller führte Werke an, die er – genauso wie ich – sehr gut findet. Aber solche Exempel helfen nicht weiter, denn die literarische Qualität, auf die er so vehement pochte, kann nicht der ausschlaggebende Punkt sein – für mich aus rein konzeptionellen Gründen nicht, für Biller nicht, weil er einige der von ihm genannten Autoren schlicht für literarisch unbegabt und ihre Erzählungen und Romane für unerheblich erklärte. Ich habe seine Anregung trotzdem aufgenommen und wollte mich noch einmal eingehend mit den Texten befassen, um weiterzudenken. Das war mein Abschied. Biller hat diese Zurückhaltung offenbar ratlos gemacht.Ein produktives Gespräch wurde übrigens erheblich dadurch erschwert, dass Biller, wie er offen bekannte, mein Buch gar nicht gelesen hat.
Steffen Martus wehrt sich gegen Maxim Biller
Wie man über ein Buch urteilt, ohne es überhaupt gelesen zu haben: Warum Maxim Billers Text in der „Zeit“ über unser Gespräch und gemeinsames Mittagessen für mich rätselhaft geblieben ist.







