Ingeborg Bachmann scherte sich nicht um Zuschreibungen und doch entkam sie ihnen nie. Bis heute ranken sich Ruhm, Klatsch und Erotik um ihre Person.

Die Primadonna Assoluta spaziert durch Rom, neben ihr strömt der Tiber, schlammgrün oder blond. Auf dem Campo de’ Fiori wird sonntags, wenn der Gestank von Fisch, Chlor und verfaultem Obst nachlässt, der Abfall des Marktes auf einem großen Haufen angezündet. Eine der umherstehenden Blumenfrauen schreit, vermutlich wegen der hohen Flammen und der dunklen, nach Plastik riechenden Rauchschwaden, und die anderen Frauen schreien gleich mit. – So erzählt es Ingeborg Bachmann in ihrem Essay „Was ich in Rom sah und hörte“.

Von ihr selbst, der Primadonna Bachmann, hört man bis heute so einiges, zumindest ist sich die Literaturwelt nicht so ganz sicher, auf was man sich da einigen sollte. Neben Frau Bachmann, die sich darauf verstand, die Welt mit ihren Gedichten „flüsternd zu umarmen“, finden sich noch Personenbeschreibungen, die weniger mit ihrem Beruf und mehr mit ihrer „gewissen“ Ausstrahlung zu tun haben. Da spricht man von der Diva im Paillettenkleidchen! Oder der First Lady der Gruppe 47, die nach ihren Lesungen in Ohnmacht fällt.

Mag sein, dass ihre Undurchdringlichkeit und vagen Antworten in Interviews diese Zuschreibungen provozierten. Oder unter neidvollen Blicken einer Frau nachgesagt wurden, die sich als eine der wenigen Frauen in der Männerdomäne 47 behauptete und siegessicher als bahnbrechendste Lyrikerin der Nachkriegsgeneration etablierte – man erinnere sich nur an das Spiegel-Cover 1954, auf dem die 28-Jährige unter dem Titel „Gedichte aus dem deutschen Ghetto“ zu sehen war. Die Lyrik bekam damit endlich ein Gesicht.