„Malina“ heißt Ingeborg Bachmanns Klassiker, der den Verstand herausfordert wie kaum ein anderes Werk der österreichischen Autorin. Nichts darin besänftigt. 1971 von der Kritik zunächst zwiespältig aufgenommen, avancierte der Roman bald zum Bestseller. Er erzählt vom inneren Zerfall einer Schriftstellerin in Wien, die zwischen pathologischer Liebe, der Gewalt einer von Nationalsozialismus und Schweigen geprägten Gesellschaft und der Unmöglichkeit weiblicher Autonomie buchstäblich in der Wand verschwindet.Bachmann, die vor hundert Jahren in Klagenfurt zur Welt kam, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Was aber ist das Faszinosum dieser Autorin, die bis heute Generationen von Lesern animiert, ihr literarisches Geheimnis zu ergründen? Ihre politische Sensibilität wurde geschärft durch die Zeitzeugenschaft des Nationalsozialismus und der Schoa. In einer Gegenwart, die aufs Neue lernt, was Schweigen kostet und was Sprache vermag, klingt Bachmann bestürzend aktuell. Ihre literarischen Figuren stehen fast immer im Konflikt mit der Gesellschaft, durch Liebesbeziehungen, die die Ordnung herausfordern, durch die quälende Suche nach Wahrheit oder die Weigerung, sich einzurichten in dem, was ist.Ihre Kompromisslosigkeit konnte verstörend wirkenVon einem radikalen Freiheitsentwurf, der sich in Leben und Werk gleichermaßen artikuliert, spricht ihre Biographin Andrea Stoll. Seit ihrem ersten Gedichtzyklus „Die gestundete Zeit“ bis zu späten Werken wie „Simultan“ oder „Malina“ begreift Bachmann Sprache nie rein ästhetisch, sondern immer auch politisch. Die Worte werden bei ihr zum Instrument, um Macht- und Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen. Bei ihr beginnt Gewalt dort, wo zwei Menschen miteinander sprechen oder auch schweigen. Der dichte, poetische Bachmann-Sound, der sich aus rätselhaften Monologen, gestörten Telefonaten und Albträumen zusammensetzt, lässt die Gegenwart nur noch zerrissener erscheinen.Ihre moralische Entschiedenheit hat Bachmanns Zeitgenossen schon früh herausgefordert. Hinzu kam die Provokation, als Frau ein ungebundenes Leben zu führen, in verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Lebensgefährten. Jede Einmischung in ihre Art zu leben verbat sie sich. Von der Öffentlichkeit und den Medien wurde sie vereinnahmt wie ein Popstar, bewundert und geschmäht. Doch auch sie wusste, ihre Waffen einzusetzen.Den Chef der „Gruppe 47“ manipulierte sie erfolgreichAls die angehende Lyrikerin von einem Termin des Chefs der „Gruppe 47“ in Wien erfuhr, richtete sie es so ein, dass er eine halbe Stunde zu früh in ein Büro kam, das leer war – bis auf ein paar scheinbar absichtslos herumliegende Gedichte. Hans Werner Richter begann zu lesen. Die Einladung zum Treffen der legendären Literatengruppe erfolgte prompt. Auch wenn sich die Autorin der Wirkmacht ihrer Auftritte bewusst war, hatte sie zugleich eine fast übergroße Menschenscheu, die erratisch wirken musste. Auch das entsprach ihrer Vorstellung von Autonomie. Freiheit war für sie immer auch die Freiheit, sich anderen zu entziehen.Ingeborg Bachmann wurde nur 47 Jahre alt. Sie starb 1973 nach einem Brand in ihrer Wohnung. Während ihres kurzen Lebens war sie ruhelos zwischen Klagenfurt, Wien, Paris, Rom, Neapel, Zürich und Berlin hin- und hergependelt. Dabei folgte sie keinem anderen Kompass als dem eigenen, was nicht nur sie selbst überforderte, sondern auch ihre großen Künstlerlieben Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch. Die Öffentlichkeit hatte sie dabei stets in dem Glauben gelassen, dass privat Erlebtes in ihren Texten kaum zu finden sei. Auch das war für sie Freiheit: das eigene Bild zu kontrollieren.Umso heftiger waren die Reaktionen, als sich dieses Bild zuletzt dramatisch veränderte. Nicht zuletzt dank der 2017 begonnenen Salzburger Bachmann-Edition können Leser und Biographen wie Andrea Stoll heute viel fundierter zwischen Legende und Wirklichkeit unterscheiden als zuvor. Die Briefwechsel mit Frisch, aber auch mit Marie Luise Kaschnitz oder Ilse Aichinger legen offen, wie sehr Bachmanns Leben in ihr Werk einging. Der Freiheitsbegriff ist in diesen Briefen und den Tagebüchern oft schmerzhaft konnotiert. Im Roman „Malina“ stirbt das Ich zuletzt symbolisch in der Ritze einer Hauswand.Zeit ihres Lebens hatte sich Bachmann gegen eine Ästhetik der Beschwichtigung und des Verschweigens gewandt. Die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen steht auch im Zentrum von „Malina“. Der letzte Satz – „Es war Mord.“ – macht dabei klar, dass die Erzählerin nicht einfach verschwindet, sondern zum Verschwinden gebracht wurde. Bachmanns Roman ist überaus dicht und komplex. Dass er mit einem so kurzen und juristisch präzisen Satz endet, kann kein Zufall sein. Es ist vielmehr, als ob die Sprache erst in dem Moment ihre volle Klarheit findet, in dem sie erlischt. Die Wahrheit kommt immer zu spät. Für Ingeborg Bachmann war sie dem Menschen trotzdem zumutbar.
Ingeborg Bachmanns Werk ist heute aktueller denn je
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar: Vor hundert Jahren wurde Ingeborg Bachmann geboren. Auch nach ihrem Tod vor gut fünfzig Jahren animiert sie Generationen von Lesern.










