Wo ist all die Gewalt geblieben, nach der totalen Niederlage, der Befreiung, dem Jahr 1945? Wo ist das hin, diese Lust der Menschen, zu foltern, zu töten, zu vergasen? Die Lust, Menschen auszusondern, die anders sind, anders sein sollen, sie in Viehwaggons einzupferchen und in den Tod zu schicken?

Diese Frage hat Ingeborg Bachmann ein Leben lang angetrieben. Und die Furcht vor der Antwort darauf. Denn sie wusste es ja, dass diese Mordlust der Menschen nicht einfach verschwunden ist. »Seit ich begreifen musste, dass 1945 kein Datum war, was wir so gern glauben möchten, um uns beruhigt schlafen zu legen.« Dieses Begreifen und die Furcht davor waren der Antrieb für ihr Schreiben. Das Unbegreifliche war vor ihren Augen geschehen. Die Doppelgesichtigkeit des Lebens, sie hatte sie aus nächster Nähe erfahren. Der geliebte, strenge, liebevolle Vater war ein überzeugter Nationalsozialist gewesen. Sie hat diese Spaltung, diesen Riss in sich selbst erlebt, hat bewusst erlebt und benannt, was die deutsche, die österreichische Gesellschaft nach dem Krieg beherrscht hat. Dieses Weiterleben nach dem Menschheitsverbrechen, als wenn nichts geschehen wäre. Diese Abspaltung der Schuld. Irgendjemand da draußen muss diesen Völkermord begangen haben. Wir nicht. Ich nicht. Mein Vater nicht. »Es ist wohl möglich, die fremden Familien ihrer Verbrechen und Defekte zu zeihen«, hat sie geschrieben, »aber die eigene, mit ihren schwärenden Eiterbeulen, nie, die werde ich nie verraten. Und doch ist mir mehr erlaubt, an unserer Familie zu sehen als an jeder anderen.« Das ist der Schwebebalken der Schuld, auf dem sie – und viele Millionen Menschen mit ihr – ein Leben lang balancierte.