Ein Iran-Film, komplett mit KI gemacht, das neue Buch eines «Papierli-Schweizers»: Die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag»Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben - und was eher nicht?Peer Teuwsen, Jens Balkenborg, Anna Kardos, Frank Heer14.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFilm: Wenn jeder zum Regisseur wirdFilmbilder, die wirken, als seien sie aufgeklebt: Szene aus «Dreams of Violets».Ash KooshaAm New Yorker Tribeca-Filmfestival läuft ein Film zweier iranischer Filmemacher über die niedergeschlagenen Aufstände diesen Januar in ihrem Heimatland, die bis zu 30000 Tote gefordert haben sollen. Der Film ist komplett mit künstlicher Intelligenz hergestellt. Eine neue Stufe von Propaganda ist erreicht. Lesen Sie hier die Rezension von Peer Teuwsen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.★✩✩✩✩ Dreams of Violets. UK 2026. 75 Min.Film: Wenn Angst und Faszination sich küssenWas für Wesen lauern und töten hier? Chiwetel Ejiofor in «Backrooms».A24 via AP«Backrooms» ist ein Phänomen. Was 2019 als «Creepypasta», als Internetgruselgeschichte, begann und 2022 vom damals 16-jährigen Kane Parsons als «The Backrooms (Found Footage)», der erste Teil seiner Webserie, weiterentwickelt wurde, grätscht jetzt als Film ins gegenwärtige Kinojahr. Parsons eignet sich, gut ausgestattet vom sehr erfolgreichen Hipster-Studio A24, das Horrorgenre an und debütiert mit einem so beängstigend-effektiven wie tiefsinnigen Film.Die Idee der «Backrooms»-Mythologie: Es gibt eine Welt neben der unseren, ein scheinbar unendliches Labyrinth aus oft gelblichen, meist spärlich möblierten Räumen und Fluren, in die man durch einen Glitch, einen Fehler in der Wirklichkeit, gelangt. Eine Parallelrealität, als würde jemand, wie es im Film heisst, versuchen, einen Hund zu malen, obwohl er noch nie einen gesehen hat: alles etwas schief.Im Film gerät ein Möbelverkäufer (Chiwetel Ejiofor) durch die Kellerwand seines abgerockten Möbelhauses in die Backrooms. Angetrieben durch Neugier und Einsamkeit, findet er dort Unheimliches, bald darauf folgt ihm seine Psychotherapeutin (Renate Reinsve) in die Welt, in der auch Mitarbeiter der windigen Firma Async und seltsame Wesen unterwegs sind.Der Film zieht eine unfassbare Kraft aus dem philosophisch grundierten Möglichkeitsraum der Backrooms. Sind sie verzerrter Spiegel der Welt oder introspektive Seelenlandschaft oder beides? Und was für Wesen lauern und töten dort? Angst und Faszination küssen sich in unendlichen Räumen. Eine Fortsetzung folgt bestimmt. Jens Balkenborg★★★★★ Backrooms. USA 2026. 105 Min. Im Kino.Sachbuch: Ein «Papierli-Schweizer» hat da ein paar Fragen an unsHier und Jetzt VerlagMarkus Freitag, aus Deutschland eingewanderter Professor für Politologie an der Uni Bern, durchlief vor etlichen Jahren den Einbürgerungsprozess. Doch eine gute Freundin beschied ihm danach: «Schweizer bist du jetzt, aber Eidgenosse wirst du nie!» Nun beweist Freitag, dass er wohl viel mehr über unser Land weiss als die meisten seiner Genossen. In 52 Texten, die als Fragen getarnt sind, legt er ein faktenreiches Psychogramm der Schweiz vor, das man gelesen (und verstanden!) haben muss, wenn man es hier zu etwas bringen will. Oder wussten Sie, dass sich hierzulande nur 70 Prozent zur Demokratie bekennen? (PT.)★★★★★ Markus Freitag: Wie viel Schweiz steckt in Ihnen? 52 provokante Fragen zu Ihrer Swissness. Hier und Jetzt 2026, 176 S.Film: Scheitern mit Witz und SelbstironieDie Sonnenbrille macht noch keinen Pop-Star: Musiker, Filmemacher und Social-Media-Profi Rob Holub.PDEigentlich wollte Rob Holub Rockstar werden. Nicht irgendein Rockstar, sondern «the first Swiss rockstar» – was ungleich schwieriger ist, denn tatsächlich fällt einem niemand ein, dem das gelungen wäre (es sei denn, wir gewähren Chris von Rohr den Titel). Holub hatte einen Plan: ein paar Songs aufnehmen, die Zahl der Follower steigern, nach New York fliegen und einen Plattenvertrag unterschreiben. Natürlich ging das komplett in die Hose. Und so beschloss Holub, eine Doku-Satire darüber zu drehen, wie es ist, erfolglos Rockstar werden zu wollen. Das Resultat ist eine so selbstironische wie witzige Karikatur der Unterhaltungsindustrie und ihrer Mechanismen – und eine Auseinandersetzung mit den eigenen geplatzten Träumen. Für Fans von «The Office» und «Spinal Tap». Frank Heer★★★✩✩ First Swiss Rockstar. 2026. 100 Min. Im Kino.Literatur: Das 20. Jahrhundert in 30 RomanenC. H. BeckEdwin Frank zählt zu jenen Menschen, die als Vermittler den Literaturbetrieb so diskret wie nachhaltig prägen. Im Verlag New York Review Books hat er eine Klassikerreihe etabliert, die den Kanon der Moderne zumindest teilweise neu definiert. Frank ist Lektor und Herausgeber, aber auch selbst ein brillanter Essayist. In seinem neuen Buch, «Stranger than Fiction», führt er das 20. Jahrhundert in 30 Romanen vor. Natürlich dürfen da Proust und Joyce, Musil und Kafka, Gertrude Stein und Virginia Woolf nicht fehlen. Frank nimmt aber auch die Colette und Elsa Morante, Chinua Achebe, Italo Svevo und W. G. Sebald in den Blick. Zum Glück geht er weder streng historisch noch systematisch vor. Er langweilt uns auch nicht mit Inhaltszusammenfassungen. In eleganter, pointierter Prosa deutet er die ausgewählten Werke als Ausdrucksformen ihrer Zeit. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Auflösung des auktorialen Erzählens. Der «unzuverlässige» Autor erscheint ihm als Seismograf einer Epoche, die jegliche Gewissheit verloren hat. Manfred Papst★★★★★ Edwin Frank: Stranger than Fiction. Ü: Andreas Wirthensohn. C. H. Beck, 600 S.Klassik: 20 gesungene AnrufungenDie französisch-dänische Sopranistin Elsa Dreisig.PDEs gibt Arien und Arien. Die einen dienen der emotionalen Innenschau einer Figur, die anderen sind eine direkte Anrede an eine Person: an den Geliebten, der ausgezogen ist, um die weite Welt zu erkunden («Solveigs Lied» von Grieg), an eine Göttin, um den Zorn der Krieger zu besänftigen («Casta Diva» von Bellini) oder an den eigenen Vater, damit er erlaube, den Mann, den man liebt, zu heiraten («O mio babbino caro» von Puccini). Die französisch-dänische Sopranistin Elsa Dreisig, die auf den grössten Bühnen unterwegs ist, versammelt auf ihrem vierten Album sämtliche solche Arien, die sich an jemanden richten. «Invocation» heisst es, auf Deutsch «Anrufung». Elsa Dreisig sagt: «Eine Anrufung ist auf der Bühne immer ein magischer Moment. Es ist ein Augenblick voller Tiefe, sehr persönlich und mit einem Geheimnis.» Auf ihrem Album erkundet sie zwanzig solcher Augenblicke mit ihrer hellen und grosszügigen Stimme, deren flirrendes Vibrato zwar Geschmackssache ist, die aber viele wunderbare Nuancen hat, und mit einer samtenen Orchesterbegleitung unter der Leitung des Dirigenten Massimo Zanetti. Anna Kardos★★★★✩ Elsa Dreisig: «Invocation». Erato.
Ein Iran-Film, komplett mit KI gemacht, das neue Buch eines «Papierli-Schweizers»: Die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag»
Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben - und was eher nicht?









