Ein politischer Patchwork-Roman, eine abgeklärte Olivia Rodrigo und das Lebenswerk eines Schweizer Fotografen: Die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag»Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben - und was eher nicht?Peer Teuwsen, Frank Heer, Manfred Papst, Dario Veréb21.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenLiteratur: Moderner FamilienromanUngeschönte Darstellung eines modernen Paars: Jessica Stanley, Autorin von «Wir in zehn Jahren».Sophie DavidsonDuMontWas machen die turbulente Weltlage und die Erwartungen ans Leben mit einer Patchworkfamilie? Das zeigt der neue Roman von Jessica Stanley ganz hervorragend. Sie beschreibt eine Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs im politisch aufgeladenen England von 2013-2023. Lesen Sie hier die Rezension von Peer Teuwsen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.★★★★✩ Jessica Stanley: Wir in zehn Jahren. Übersetzt von Claudia Voit. Dumont 2026, 368 Seiten.Serie: Rafael Nadal, Schmerz als LebenszweckGeboren aus dem Schmerz: Rafael Nadal nach einem Turniersieg in Paris.NetflixTennis ist, cinematographisch gesehen, zu einem scheinbar unendlichen Quell für Heldenepen geworden. Gefühlt hat jeder, der mal ein paar grosse Turniere gewonnen hat, seine mehr oder minder langweilige Netflix-Serie bekommen. In diesem Fall aber ist alles besser, tiefer, widersprüchlicher. Die Serie «Rafa» erzählt das Siegen und Leiden von Rafael Nadal, einem der besten Spieler, die die Welt je gesehen hat. Zum Ereignis wird die Serie wegen Nadals Onkel Toni, der seinen Neffen zum Spitzenspieler geformt hat – mit scheinbar unerbittlicher Härte. In der ersten Stunde des Trainings gab es jeweils kein Wasser, und als sich der junge Nadal während eines Turniers einen Finger brach, sagte sein Trainer: «Weiterspielen.» Nadal gewann das Turnier. Durch die Figur von Toni, der so gar nicht sympathisch wirkt, bekommt die Serie eine Fallhöhe, die den Zuschauer körperlich erleben lässt, welchen Preis einer zahlt, der so lange an der Spitze seiner Branche steht. Vergangenes Jahr, bei seinem Abschied in Paris, dem Ort seiner grössten Triumphe, bedankte sich Rafael Nadal zuerst bei Toni. Für all die Schmerzen. Peer Teuwsen★★★★★ Rafa. Vier Folgen. Auf Netflix.Pop: Leiden mit Olivia RodrigoWo ist der alte Leichtsinn geblieben, Olivia Rodrigo?PDOlivia Rodrigo fällt nicht mit der Tür ins Haus. Da wird erst mal artig angeklopft und sich vorgestellt: Hallo, ich bin Olivia, von der manche sagen, sie sei die neue Taylor Swift. Sie führt keine Tänze auf, muss nicht gleich zeigen, was sie alles kann, sondern setzt sich erst mal ans Klavier und spielt eine hübsche Ballade, zum Beispiel «Stupid Song», das zweite Stück auf ihrem neuen Album mit dem programmatischen Titel «You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love». Und dann, wenn man schon denkt, na ja, halt wieder so ein Lied für traurige Mädchen, verpufft der Einhorn-Zauber, und Rodrigo schraubt sich in einem herzerdrückenden Refrain dem gleissenden Licht der Liebe entgegen, an dem sie sich, so viel sei verraten, im Verlauf dieser dreizehn Songs verbrennen wird wie an einer bis zum Filter heruntergerauchten Zigarette.Natürlich weiss die 23-jährige Kalifornierin um die Wirkung einer guten Dramaturgie, schliesslich hatte sie sich schon als Disney-Star in einer TV-Soap in Teenage-Angst geübt. Und so folgt auch ihr drittes Studioalbum einem erzählerischen Faden durch die Gefühlsmetamorphosen einer gefährlichen Hingabe. Die Lieder sind kontemplativer, kammermusikalischer, schön arrangiert, reifer als auf den Vorgängeralben, wo auch mal die Gitarren krachen durften. Damit rückt Rodrigo näher an den grossen klassischen Pop-Song heran. Das ist okay, wenn auch manchmal etwas beschaulich, und man wünschte sich, nebst abgeklärter Reife, noch etwas mehr vom alten Leichtsinn auf der Überholspur. Frank Heer★★★✩✩ Olivia Rodrigo: You Seem Pretty Sad for a Girl so In Love. Universal.Rock: Verrückt, aber sexyJon Spencer hat ein Protestalbum gegen den Zerfall herausgebracht.PDIn den Neunzigern waren The Jon Spencer Blues Explosion aus New York die Verkünder des einzig wahren Rock’n’Roll, für den es zwei Gitarren, ein Schlagzeug und einen ausser Kontrolle geratenen Elvis-Wiedergänger am Mikrofon brauchte – verrückt, aber sexy. Nun hat Spencer eine neue Band um sich geschart, mit der er sich durch einen Trümmerhaufen aus Lower-East-Side-Punk, Drei-Akkorde-Rockabilly, Delta Blues und No-Wave-Noise wühlt und das, was er findet, zu neuem Leben erweckt. Künstlich, nah an der Karikatur, aber auch cool, verschwitzt und gefährlich. Ein Protestalbum gegen den Zerfall und das Ende von allem. Frank Heer★★★★★ Jon Spencer: Songs of Personal Loss And Protest. Shove.Fotografie: Andri Pol-RetrospektiveAndri Pol / Fotostiftung SchweizLinks: Bauer Arnold beim Heuen auf dem Urnerboden, Schweiz, 1994. Rechts: Pensionierter Knecht Ruedi Buerki, Koppigen, Schweiz, 1992.Gross vorstellen muss man Andri Pol nicht mehr. Der Fotograf prägt die Schweizer Medienlandschaft schliesslich seit vierzig Jahren. Zu seinem 65. Geburtstag widmet ihm die Fotostiftung Schweiz in Winterthur jetzt eine grosse Retrospektive. Unter dem Titel «Poliversum» bespielt die Ausstellung ab dem 27. Juni alle drei Ausstellungsflächen der Institution. Zu sehen bekommt man Werke eines visuellen Anthropologen, der verlässlich das Besondere im Alltäglichen sucht. Ob am Cern oder in Tuvalu, Pol dokumentiert unsere Welt detailliert und mit viel Ironie. Da wird man sich beim Rundgang unweigerlich fragen: Spinnen wir eigentlich? Dario Veréb★★★★✩ Andri Pol: Poliversum. Fotostiftung Schweiz.Literatur: Pizza mit allemKiWiMax und Anna begegnen sich auf einem Sommerfest an der Ostsee, und es funkt sofort zwischen ihnen. Beide sind Anfang sechzig, er hat erwachsene Kinder und ist geschieden, sie ist kinderlos und langweilig verheiratet. Was mit einem Zufallstreffen beginnt, ist nicht bloss eine Affäre, sondern die ganz grosse Liebe. Sie ereignet sich zu Beginn der Corona-Pandemie. Listig und lüstern sucht sie sich ihre Wege: in ausführlich zitierten SMS-Botschaften, in heimlichen Treffen in Hotels oder an entlegenen Ferienorten. Sie entlädt sich in heftigem Sex wie in pathetischen Beteuerungen.Beides missrät dem Autor, den wir von anderen Büchern her als souveränen Erzähler kennen: Die philosophischen Exkurse über die Liebe, bei denen unentwegt eine Schrift von Hegel zitiert wird, wirken aufgeblasen, die aphoristischen Aperçus erinnern an Kalendersprüche, und oft gleitet die Sprache ins Kitschige ab. Dass Max zudem Okularist ist, also Glasaugen herstellt, lässt den prätentiösen Text über das «Augenspiel der Liebe» vollends unter seiner Symbolik zusammenbrechen. Manfred Papst★★✩✩✩ Thomas Hettche: Liebe. Kiepenheuer & Witsch 2026, 176 S.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel