Hannibal auf dem Julier, Hip-Hop mit Gitarre und das Zürcher Grossmünster als Kunstwerk: Die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag»Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben - und was eher nicht?Frank Heer, Hans ten Doornkaat, Martina Läubli, Peer Teuwsen,05.07.2026, 05.31 Uhr4 LeseminutenFreilichtbühne: Hannibal tanzt auf dem JulierSophie Larson und Dmitro Borodai tanzen auf dem Julierpass für die Liebe und gegen den Krieg.Stefan Kaiser / Nova Fundaziun OrigenDas Origen-Festival in Riom bringt Hannibals legendäre Alpenüberquerung vor der Kulisse des Julier Passes auf die Bühne. Lesen Sie hier die Rezension von Peer Teuwsen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Konzert: Raye schmachtet für MontreuxVor allem live von emotionaler Wucht: Die britische Pop-Sängerin Raye.Mario Anzuoni / ReutersEigentlich kann sich das Montreux Jazz Festival diese Sängerin nicht mehr leisten. Seit ihren beiden bisherigen Auftritten am Genfersee ist die britische Pop- und R&B-Sängerin Raye zu gross geworden. Ihre Stimme, in der man sich verlieren kann, die einen gefangen nimmt und gleichzeitig Trost spendet, mit dieser Stimme hat Rachel Agatha Keen, wie Raye eigentlich heisst, die Stadien erobert. Aber mit Hilfe einer luxuriösen Uhrenmarke wurde der 28-Jährigen und ihrem Orchester zur 60. Festivaleröffnung diesen Freitagabend eine Bühne bereitet, die sie nicht nicht erklimmen konnte. Ein Oktagon, rundherum einseh- und auch noch drehbar. Überdies konnte sie Gäste einladen. Und so kamen der Brite Mark Ronson und die Amerikanerin Alicia Keys im frisch renovierten und übervollen Auditorium Strawinsky zu Gastauftritten.Während der Erste blass blieb, war das Duett von Keys und Raye mit «Oscar Winning Tears» von explosiver Eleganz. Für Montreux hat sich der Abend mehr als gelohnt, sang Raye doch ein Programm, das als Werbefilm auch prima auf die Marke einzahlt. Als Reverenz an die grossen Frauen und Männer, auf deren Schultern sie steht (und die alle schon in Montreux aufgetreten sind), sang sie die grossen Hits von James Brown, Ray Charles, Ella Fitzgerald oder Prince. Am stärksten aber war sie, wenn sie ganz nah bei sich selbst war, bei ihrer ganz eigenen Art der Verschwendung: den überbordenden Ansagen, den ausladenden Balladen und ihren einfachen, aber ehrlichen Botschaften: «Music is medicine.» Eine Frau, die wie Medizin wirkt. Peer Teuwsen★★★★✩ Raye and Guests am Montreux Jazz Festival 2026.Hip-Hop: Der Rapper als PunkNatürlich ist das neue Album von Vince Staples politisch, das war seine Musik schon immer. Aber diesmal ist die Lage düster. Dabei sieht das Cover ganz lustig aus: ein plärrendes weisses Baby mit gelber Haarlocke, als Windel tut es die amerikanische Flagge. Unschwer ist in diesem «Cry Baby» (wie das Album heisst) der gegenwärtige Präsident der Vereinigten Staaten zu erkennen, und die zehn neuen Songs des kalifornischen Rappers sind eine Dekonstruktion des amerikanischen Traums, der sich pünktlich zum 250. Geburtstag der Nation gerade selbst abzuschaffen droht.Von einem Wut-Album kann trotzdem keine Rede sein. «Cry Baby» ist von einer analytischen Schärfe und Abgeklärtheit, die sich auch musikalisch manifestiert: Schlagzeug, Bass und eine verzerrte Gitarre bilden das punkige Grundgerüst, hier und dort eine Orgel oder ein surrender Synthesizer – das war’s auch schon. Kaum Effekte auf der Stimme, keine Angebereien, nichts ist in Watte gepackt, stattdessen: nackter Realismus aus der Perspektive eines schwarzen Mannes in Trumps Amerika. Frank Heer★★★★✩ Vince Staples: Cry Baby. Loma Vista/Universal.Literatur: Gibt es Anstand in der Anarchie?Atemloser Erzähler: Schrifsteller Jo Nesbos.ImagoDieser Text ist fünf Jahre alt. Geschrieben hat ihn der Norweger Jo Nesbø während der Corona-Pandemie – offenbar mit einem starken Gefühl vom nahenden Ende der Zivilisation. In «Insel der Ratten» ist die Welt nach einer Pandemie in die Anarchie gestürzt. Der Staat hat die Kontrolle verloren, die Gefängnisse wurden geöffnet, auf den Strassen kämpfen Banden um Nahrung, Waffen und Benzin. Selbstjustiz ist die Regel. Auf dem Dach eines Hochhauses an der amerikanischen Westküste warten 15 Menschen auf einen Helikopter, der sie zum Flugzeugträger «New Frontier», einer Arche Noah für Superreiche, bringen soll. Unten dringen Menschen ins Haus. Oben warten unter anderen Colin und Will, zwei Jugendfreunde.Seit der verrohte Sohn von Colin die Tochter von Will umgebracht hat, hat die Freundschaft tiefe Risse bekommen. Ein atemlos geschriebener, mit grösster Geschicklichkeit konstruierter Roman, der mit einer brutalen Genauigkeit die Frage stellt: Wie kann man ein zivilisierter Mensch bleiben in einer Welt, in der alle um ihr Überleben kämpfen? Peer Teuwsen ★★★★✩ Jo Nesbø: Insel der Ratten. Übersetzt von Günther Frauenlob. Ullstein 2026, 308 Seiten.Kunst: Die Leichtigkeit des GrossmünstersGerüstnetze müssen nicht immer Werbefläche sein: Shirana Shahbazi hat das Grossmünster mit ihrer Kunst verhüllt.Andreas BeckerDas Wahrzeichen Zürichs ist derzeit verhüllt. Die Fassade des Grossmünsters wird saniert, ein Gerüst verdeckt die markanten zwei Türme in der Altstadt. Doch das ist nicht schlimm: Die Stadt nutzt den massigen Baukörper, der dadurch entsteht, für eine hinreissende Kunstinstallation. Die Fotokünstlerin Shirana Shahbazi hat eine riesige, farbige, aus allen Richtungen sichtbare Collage geschaffen. Shahbazi überblendet knalliges Rot, Blau und Gelb mit eigenen Fotografien. Die sich bewegenden Menschen, dazwischen eine Schlange, ein Totenkopf, ein Schmetterling: Sie alle scheinen zu fliegen. So viel Lebensfreude und Leichtigkeit waren hier noch nie. Martina Läubli★★★★★ Grossmünster Zürich, bis 2028.Kinderbuch: Lass uns einen Comic machen!Zeichnen, kleben, falten, binden: Ein Sach-Comic darüber, wie Graphic Novels entstehen.PDDer amerikanische Comic-Künstler Scott McCloud hat immer wieder gezeigt, dass Graphic Novels mehr können als Heldenstorys erzählen. Jetzt legt er zusammen mit der Zeichnerin Raina Telgemeier, auch sie Amerikanerin, einen Sach-Comic nach: Darin tun sich vier Kinder zusammen, um Comic-Hefte zu entwickeln, unterstützt von der Schulbibliothekarin. Sie lernen, dass es dabei nicht nur um Zeichnen, Texten und Bildfolgen geht, sondern auch um Teamarbeit. Die beiden Starautoren verraten technische Tricks, um junge Zeichner zu ermutigen, stets mit den komplexen Möglichkeiten des Mediums vor Augen. Hans ten Doornkaat★★★★★ Raina Telgemeier und Scott McCloud: Der Comic-Club. Carlsen 2026. 288 Seiten. Ab 8 Jahren.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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