Taufrische Lieder von Brahms, scharfe Striche von Chappatte, Gitarren aus Nashville und Romeo umtanzt Julia am Opernhaus.Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben - und was eher nicht? Das sind die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag.»Martina Läubli, Anna Kardos, Frank Heer, Manred Papst, Hans ten Doornkaat07.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFlurina Badel kehrte nach sechzehn Jahren ins Unterengadin zurück und hat einen Roman über ihre Heimat geschrieben.Maurice HaasDie rätoromanische Autorin Flurina Badel diskutiert in ihrem neuen Roman «Nebelflüchtige» den Ausverkauf des Engadins. Unterländer kaufen die alten Häuser auf, die Einheimischen verdienen daran mit. Lesen Sie die Rezension von Martina Läubli hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.★★★★✩ Flurina Badel: Nebelflüchtige. Übersetzt von Ruth Gantert. Rotpunkt 2026, 220 Seiten.Klassik: Taufrische LiedkunstJohannes Brahms hat sich in seinem Schaffen immer wieder mit dem Volksliedgut auseinandergesetzt – wohl wissend, dass es sich dabei oftmals um bearbeitete oder gar erfundene Traditionen handelte, jedenfalls um Hybride aus mündlicher Überlieferung und schriftlicher Verfeinerung. Zu seinen schönsten Schöpfungen zählen die 49 «Deutschen Volkslieder» (WoO 33) für zwei Singstimmen mit Begleitung. Sie verbinden Schlichtheit, Anmut und Humor, und sie sind so eingängig, dass man leicht darüber hinweghört, wie subtil sie gearbeitet sind.Theresa Pilsl, Jonas Müller und Leonard Becker haben Brahms «Volkslieder» neu vertont.Fritz BielmeierIn dieser neuen Aufnahme tritt die Gitarre, meisterhaft gespielt von Leonard Becker, als Begleitinstrument an die Stelle des gewohnten Klaviers. Dadurch wird der gesellige Charakter der Lieder noch betont. Die Sopranistin Theresa Pilsl und der Bariton Jonas Müller überzeugen mit ihren klangschönen jungen Stimmen ebenso wie mit ihrer gestalterischen Kraft. Ihre Auswahl von 25 Liedern muss den Vergleich mit der Referenzaufnahme von Peter Schreier, Edith Mathis und Karl Engel aus dem Jahr 1975 nicht scheuen. (pap.)★★★★★ Johannes Brahms: Da unten im Tale. Prospero.Karikatur: Ihr Strich entlarvt die MächtigenLes ArènesCartoonisten überzeichnen, verzerren, bringen Politik auf den Punkt. Patrick Chappatte tut dies u. a. für die «NZZ am Sonntag», Ann Telnaes tat es für die «Washington Post» – bis sie 2025 Jeff Bezos zeichnete, der mit einem Sack voller Dollars vor einer Trump-Statue in die Knie geht. Ihr Cartoon wurde abgelehnt, Telnaes kündigte. Auch Chappatte war 2019 von der «New York Times» entlassen worden. In einem Buch mit aktuellen Karikaturen sprechen die beiden über ihre Arbeit, die den Mächtigen nicht passt, und über Pressefreiheit. Um diese war es in den USA schon besser bestellt. (läu.)★★★★★ Patrick Chappatte & Ann Telnaes: Zensur in Amerika. Splitter-Verlag 2026, 224 Seiten.dtvJugendbuch: Showdown auf dem RasenRechtzeitig zur WM! Aber das psychische Drama ist packender als die Frage, wer wie viele Tore schiesst. John und Kyle waren seit je beste Freunde. Waren! Denn kaum ist Kyle zum jüngsten Spieler der ersten Liga aufgestiegen, spannt er John dessen grosse Liebe aus. Doch auch die Dreiecksgeschichte wird getoppt. Kevin Brooks, der seine Romane stets üppig mit Problemen bestückt und zu rasanten Thrillern ausgestaltet, lässt den jungen Shootingstar an seinem Erfolg zerbrechen. Kyle beginnt Drogen zu konsumieren. Aber die grossen Deals laufen anderswo, mit gekauften Spielern, in den Sportwetten von Fussball-Tycoons. Gekonnt steuert Brooks die Handlung zwischen stillem Drama und spektakulären Konfrontationen, wobei er die Spannung mit Anspielungen und Fetzenszenen fast beiläufig steigert . . . um dann den nächsten Twist zu servieren: Stürzen auch John und seine Freundin in den Abgrund der Wettskandale? Kein Wunder sind Brooks’ Komplotte so erfolgreich wie Topkrimis, in England wie im deutschsprachigen Raum. (htd.)★★★★✩ Kevin Brooks: Part of the Game. Aus dem Englischen von Knut Krüger. DTV 2026, 352 S., ab 14 JahrenRock: Klagelieder im TrockeneisnebelÜber gute Rockmusik schreibt man inzwischen viel zu wenig. Klar, das Genre hat etwas aus der Zeit Gefallenes. Dabei stehen die Zeichen auf Sturm, und E-Gitarre, Schlagzeug, Bass waren schon immer wirkungsmächtige Instrumente, um dem Weltgeschehen etwas entgegen zu pusten. All Them Witches aus Nashville haben die bluesrockige Schwere, die es braucht, um Groove zu erzeugen, aber auch eine Eleganz in der Spielart, mal melodiös, mal doomig. Das neue Album «House of Mirrors» taumelt zwischen Inferno und Katharsis, die Gitarren türmen sich zu prächtigen Kathedralen, bis sie krachend in sich zusammenfallen und sich aus dem Trockeneisnebel ein neues Klagelied erhebt. (fh.)★★★★✩ All Them Witches: House of Mirrors. BMG.«Romeo und Julia» am Opernhaus Zürich.Carlos QuezadaBallett: Im Sterben nochmals lebenDie Geschichte von Romeo und Julia wurde millionenfach erzählt. Doch so wie bei Cathy Marston noch nie. Klar, auch bei der Ballettchefin des Opernhauses ist da die Gang der herumlungernden Montagues und der Capulets. Da ist die grossartige Musik von Prokofjew und auch das Fest im Haus Capulet, wo Julia und Romeo sich zum ersten Mal begegnen. Und auch hier scheint die urplötzliche und intensive Liebe nicht nur das junge Paar zu verzaubern, sondern auch die Welt um sie herum: Alles wird farbiger, blumiger, voller Intensität.Aber Cathy Marston gelingt noch etwas anderes. Sie schafft es mit ihrer Choreografie, das Leben mit dem Sterben zu verweben. Etwa, wenn Romeo mit der vermeintlich toten Julia ein herzzerreissendes Pas des Deux tanzt. Oder wenn Mercutio – Romeos Freund - bei einem Streit vom gegnerischen Tybalt tödlich verletzt wird. Eine zeitlang scheint Mercutio seine Verletzung gar nicht zu spüren. Er zündelt und kämpft weiter mit Tybalt und schäkert mit den anwesenden Mädchen. Doch allmählich, mitten im Zündeln und Schäkern, geben seine Knie nach. Wieder fängt er sich und schäkert. Es ist, als ob hier ein junger Mensch so übervoll von Lebenslust sei, dass er noch im Tod jede Sekunde des Leben auskoste.Es ist eine der beklemmend-schönsten Szenen in diesem grossartigen Ballettabend. Dem es durch dieses Amalgam aus Leben Tod, die konsequente Formsprache und nicht zuletzt durch die starken Frauenfiguren – bei Martson stehen sie zahlreicher auf der Bühne als im Original – gelingt, die alte Geschichte neu zu erzählen. Anna Kardos.★★★★★ Romeo und Julia., Musik von Sergej Prokofjew, Choreografie von Cathy Marston. Opernhaus Zürich. Noch bis 26. 6.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel