Eine strahlende «La Traviata» auf der Bregenzer Seebühne, Charlie XCX und die Hildegard von Bingen der Schweiz: Die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag»Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben?Denise Bucher, Anna Kardos, Martina Läubli, Manfred Papst26.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer venezianische Regisseur Damiano Michieletto versteht es, selbst aus einer grossen Oper eine noch grössere Oper zu machen.Anja KoehlerOper: «La Traviata» an den Bregenzer FestspielenDer italienische Regisseur Damiano Michieletto zeigt mit einer strahlenden Inszenierung von «La Traviata», wie schillernde Oberflächen ein brüchiges Dasein kaschieren. Bei Verdi - und in der heutigen Gesellschaft. Lesen Sie die Rezension hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Biografie: Die Hildegard von Bingen der SchweizHell wie der Mond scheine sie unter kleineren Himmelslichtern, schrieb der Humanist und Renaissance-Gelehrte Glarean über sie. «In der Kenntnis der Heilkraft der Kräuter» gleiche sie gar Hippokrates. Die Rede ist von Barbara von Roll, die im bewegten 16. Jahrhundert in Solothurn lebte. Unter Zeitgenossen war sie wegen ihrer Heilkunde hoch angesehen, sie behandelte sogar auswärtige Patienten. 1532 erhielt Barbara von Roll die Vollmacht, ihr Geld und Gut selbst zu verwalten, eine ausserordentliche Befugnis für eine Frau ihrer Zeit. Ihren Einfluss machte von Roll auch gesundheitspolitisch geltend: 1560 stellte der Solothurner Rat auf ihre Empfehlung eine Stadthebamme an.All das erfährt man aus der Romanbiografie «Der Trost der Pflanzen». Die Autorin und wissenschaftliche Bibliothekarin Mara Meier arbeitet von Rolls Leben auf historischer Basis auf, verleiht ihm aber eine erzählerische Form und schafft so Dramaturgie und Nähe zu jener aussergewöhnlichen Persönlichkeit, die Barbara von Roll gewesen sein muss. Jedes Kapitel ist einer Heilpflanze gewidmet. Pflanzen wie Dost, Engelwurz oder Mädesüss waren damals das wichtigste medizinische Behandlungsmittel. Die Autorin vermutet, dass von Rolls Heilkunst auch deshalb so erfolgreich war, weil sie neben dem Studium von medizinischer Literatur mit Kräutermischungen experimentierte und deren Wirkung an sich selbst ausprobierte. Martina Läubli★★★★✩ Mara Meier: Der Trost der Pflanzen. Barbara von Roll. Zytglogge 2026, 202 Seiten. Erhältlich bei Ex Libris.Pop: Me, myself und die SelbstironieDie britische Sängerin Charli XCX macht Pop mit Brüchen.Connor Terry / ImagoMit dem Album «Brat», unverblümter Selbstironie und kantigem Hyper-Pop schrieb sich Charli XCX vor zwei Jahren in die Pop-Kultur ein. Auch ihr neues Album spielt wieder mit allerlei Brüchen. Die Britin umgarnt etwa ein Genre, das sie nie wirklich zu imitieren versucht («Rock Music»), windet Grunge und Gesellschaftskritik in Humor («Card Declined») und tunkt Identitätskrisen in Glitch-Pop («Camera»). Charli XCX verbindet musikalische Unschärfen einmal mehr mit entwaffnenden Punchlines und präzisester Produktion, darin liegt ihr Genie. Als Künstlerin macht sie sich damit angreifbar. Auf der Tanzfläche funktioniert das grossteils unverschämt gut. Melanie Biedermann★★★★✩ Charli XCX: Music, Fashion, Film. Atlantic.Fotografie: Wie Emil Brunner den Blick der Kinder einfingMädchen in Lumbrein, Bündner Oberland, fotografiert 1943/44.Fotostiftung Schweiz Emil BrunnerAls Reportagefotograf reiste Emil Brunner (1908–1995) weit herum und fotografierte die Welt gerne auch aus dem Flugzeug. Doch während des Zweiten Weltkriegs war Reisen schwierig, also erkundete der Glarner eine näher gelegene Realität: In den Dörfern des Bündner Oberlands porträtierte er Kinder. Er fotografierte sie stets frontal, aus der Nähe, direkt. Es entstanden 1700 ausdrucksstarke Porträts. Einige davon sind nun in Braunwald zu sehen, wo Brunner lebte. Überall im Dorf blicken einem die Kinder grossformatig entgegen; an Hörstationen in alten Ställen erfährt man Witziges und Hartes über die früheren Lebensumstände. Martina Läubli★★★★★ Emil Brunner: Berg Kind Welt. Braunwald, Kulturbar Bsinti und ganzes Dorf, bis 18. 10.Jugendbuch: Fünf Freunde in der PubertätEigentlich hätte der 15-jährige Koray mit seiner Pubertät und seiner alleinerziehenden Influencerinnen-Mutter schon genug um die Ohren. Doch dann wird auch noch der Insta-Account der Mutter gesperrt. Und wo kein Insta, da kein Geld. Von einem Tag auf den anderen findet sich Koray samt der Mutter im Haus der Oma im Dorf Rottloch wieder. Immerhin sind in der dortigen Klasse auch die Jugendlichen Nico, Nina, Nasrin und Josh. Die fünf werden bald Freunde. Und eines Tages hat Koray die rettende Idee, wie seine Mutter und er ganz legal, ganz schnell zu ganz viel Geld kommen können.Die Abenteuer in Sarah Welks «Frei»-Trilogie sind aus dem heutigen Leben gegriffen und so unprätentiös erzählt, dass auch Wenigleserinnen und -leser den Zugang finden. Die Romane tangieren Handykonsum, Kopftuchtragen, das Erwachen von homosexuellen Gefühlen oder die Unerträglichkeit der Eltern – und allem voran: das Thema Freundschaft. Das Konzept «Fünf Freunde» hat schon bei Enid Blyton funktioniert. Bei Welk stellt jeder Band eine oder einen der fünf Freunde in den Mittelpunkt. Anna Kardos★★★★✩ Sarah Welk: Frei. Band 3. Bester Anfang. Ars Edition 2026.Erhältlich bei Ex Libris.Jazz: Joe Lovanos Quartett ist tatsächlich überragendWer sein Quartett als «Paramount», also als «überragend», bezeichnet, wird vermutlich nicht von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Tatsächlich ist der 1952 in Cleveland, Ohio, geborene Saxofonist Joe Lovano ein selbstbewusster Musiker. Er darf es aber auch sein: Mit verschiedenen Formationen hat er Jazzgeschichte geschrieben. In seinem neuen Quartett dominiert er jedoch weniger als sonst. Vielmehr lässt er dem kalifornischen Gitarristen Julian Lage (*1987) viel Raum.