Bregenzer Festspiele: Das Bild im Spiegel sind auch wir selberMit «La Traviata» zeigt der Regisseur Damiano Michieletto, wie schillernde Oberflächen ein brüchiges Dasein kaschieren. Bei Verdi – und in der heutigen Gesellschaft.26.07.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenDer venezianische Regisseur Damiano Michieletto versteht es, selbst aus einer grossen Oper eine noch grössere Oper zu machen.Anja KoehlerUmworben, umschwärmt und umringt steht sie da. Im Zentrum aller Aufmerksamkeit – und trotzdem allein. Violetta Valéry, die «Kameliendame», wie sie im gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas heisst, bei Verdi dann «La Traviata». Nur die Geschichte ist immer die gleiche: Eine begehrte Kurtisane verlässt die schillernde Pariser Gesellschaft für die Liebe eines jungen Adeligen. Mit ihm lebt sie fortan in trauter Zweisamkeit ein einfaches Leben auf dem Land.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch der Vater des Adeligen stöbert die beiden auf und bedrängt die junge Frau, aus Gründen der Familienehre seinen Sohn zu verlassen. Schliesslich gibt die Frau ihre einzige wahre Liebe preis und kehrt als Kurtisane in die Pariser Gesellschaft zurück, wo sie verarmt an Tuberkulose stirbt – gerade in dem Augenblick, als der junge Adelige mit seinem Vater in ihr Zimmer kommt, um für immer mit ihr zusammenzuleben.Gestorben wird bekanntlich immer. Aber selten so melodramatisch wie bei Violetta. Ihre Geschichte ist der Stoff, aus dem grosse Opern gemacht sind. Und der venezianische Regisseur Damiano Michieletto versteht es, selbst aus einer grossen Oper eine noch grössere Oper zu machen. Indem er die Handlung in die Roaring Twenties versetzt, mit all den opulenten Cabarets, den ornamentalen Tanzeinlagen, mit Federschmuck sowie glitzernden Paillettenroben – und Tausenden von Lichtern, die die riesige Bregenzer Seebühne in ein gigantisches Variété verwandeln und mit den Wellen des Bodensees um die Wette glänzen. Mehr Glitzern war an den Bregenzer Festspielen noch nie.Es ist ein Glitzern, das sich akustisch auch im musikalischen Zugriff der Wiener Symphoniker unter der Leitung des ukrainischen Dirigenten Kirill Karabits zeigt. Und nicht zuletzt in der strahlenden Dramatik der finnischen Sopranistin Marjukka Tepponen als Violetta (sie wechselt sich im Turnus mit zwei anderen Sopranistinnen ab).Doch da ist noch eine zweite Ebene, um die es dem Regisseur Damiano Michieletto geht: die der schieren Einsamkeit von Violetta. Als unheilbar an Tuberkulose Erkrankte und als unverheiratete Frau, die sich Männern hingibt, lebt sie ein Leben am Rande jener Gesellschaft, die sie gleichzeitig Abend für Abend feiert. Wobei ihre Einsamkeit noch trostloser wirkt inmitten all des Glitzerns. Wohl darum stellt auch die 6400 Quadratmeter grosse Bühne einen gigantischen, zerborstenen Spiegel dar, der sich auf das Ufer richtet. Alle oberflächliche Schönheit ist in Wahrheit nur das schillernde Abbild eines brüchigen Daseins.Meint der Spiegel wirklich nur die Protagonistin Violetta? Oder wirft er auch das Abbild der heutigen Gesellschaft ins Publikum zurück, das an diesem Abend am Ufer des Bodensees in Festkleidern wunderbaren Opernklängen lauscht – und auch im Alltag gern mit Selfies, Instagram und Tiktok dem schönen Schein huldigt? Es ist ein Schein, der schillernd die Volkskrankheit Einsamkeit verdeckt, die immer flächendeckender um sich greift.★★★★✩ «La Traviata». Bregenzer Festspiele. Noch bis 23. August 2026.Passend zum Artikel