Auf der Seebühne zeigt Damiano Michieletto das Drama der Kurtisane Violetta Valéry als bildgewaltiges, aber weitgehend unkritisches Spektakel.25.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAlfredo (Julien Behr, Mitte) sehnt sich inmitten einer feuchtfröhlichen Pool-Party nach seiner Geliebten Violetta: Szene aus der Neuproduktion von «La Traviata» auf der Bregenzer Seebühne.Gian Ehrenzeller / KeystoneEine der berühmtesten Figuren der Operngeschichte hat wirklich gelebt. Als Giuseppe Verdi 1853 das Schicksal der Kurtisane Violetta Valéry in seiner Oper «La Traviata» auf die Bühne brachte, war deren Vorbild, die Modistin Alphonsine Plessis, erst wenige Jahre tot – gestorben mit nur 23 Jahren, eines der zahllosen Opfer der Tuberkulose. Unter dem Namen Marie Duplessis hatte sie zuvor unter anderem Théophile Gautier, Franz Liszt und Alexandre Dumas dem Jüngeren den Kopf verdreht. Dumas fils machte sie und ihr Schicksal bald darauf als «La Dame aux camélias» zu einem Stück Weltliteratur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass dies seinerzeit ein Wagnis war, nicht zuletzt weil viele ehemalige Liebhaber der «Kameliendame» sich wiedererkennen konnten, muss man heutigen Opernbesuchern in Erinnerung rufen: Verdis Sujet erschien nicht nur delikat, sondern auch brandaktuell, es stand mit seinen Kolportageelementen und der Kritik an der Doppelmoral der Bourgeoisie im starken Kontrast zu herkömmlichen Opernthemen. Die Uraufführung in Venedig war denn auch ein Flop – ganz im Gegensatz zur heutigen Beliebtheit der «Traviata», die seit Jahrzehnten zu den zehn meistgespielten Opern überhaupt gehört und zuverlässig für volle Häuser sorgt. In diesem Sommer nun auch wieder bei den Bregenzer Festspielen.Projektionsfigur für andereDer Ansturm auf die Neuproduktion anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Festspiele ist so gross, dass alle fast dreissig Aufführungen auf der Seebühne mit jeweils über 6000 Besuchern ausverkauft sind. Was aber fasziniert die Menschen so am Schicksal einer Frau, die ihren Körper verkauft, um ein selbstbestimmtes, besseres Leben führen zu können? Das Phänomen beschäftigt Kulturwissenschafter nicht erst seit dem Welterfolg der Hollywood-Variante «Pretty Woman» (in der Julia Roberts und Richard Gere nicht zufällig eine Aufführung der Verdi-Oper besuchen). Unsere Gegenwart blickt inzwischen freilich viel unromantischer auf das Thema, stellt Fragen nach der Abhängigkeit und dem rechtlichen Status von Prostituierten. Gibt die Neuinszenierung von Damiano Michieletto darauf eine Antwort?Der vielbeschäftigte Italiener, der jüngst mit seinem sehenswerten Vivaldi-Biopic «Primavera» auch als Filmregisseur debütierte, versucht es mit einer allegorischen Herangehensweise. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive Violettas, die am Ende ihres kurzen Lebens erkennen muss, dass sie immer nur Projektionsfigur für die Wünsche und Gelüste anderer gewesen ist. Das Bühnenbild von Paolo Fantin symbolisiert dies mit einem bewährten Theaterrequisit, nämlich einem bühnenfüllenden Spiegel, der just im Moment des Zersplitterns in den Bodensee zu stürzen scheint.Während der folgenden zwei – ohne Pause durchlaufenden – Stunden verteilen sich die Spiegelscherben mithilfe einer aufwendigen Hydraulik immer weiter in alle Richtungen, einige dienen als Spielflächen im Wasser, andere als schwebende Podien in luftigen Höhen. Eindrucksvoller als dieser bald etwas vorhersehbare Effekt ist die zentrale szenische Metapher, die Michieletto und Fantin für Violettas Schicksal finden: Auf dem Kipppunkt des Dramas fliegt aus der Mitte des zerbrechenden Spiegels wie in Zeitlupe ein schwarzes Etwas auf die Zuschauer zu – die alles Licht absorbierende Kugel ist ein Sinnbild für die Krankheit, die die Kameliendame schon bald dahinraffen wird.Der Rest ist, wie oft bei Michielettos Produktionen, souverän beherrschtes Handwerk: mit elegant synchronisierten Massenszenen (Choreografie: Thomas Wilhelm), in denen das bunte Treiben der Demimonde sinnigerweise zur Pool-Party ausufert; mit farblich geschmackvoll aufeinander bezogenen Kostümen (Carla Teti) und stimmungsvollem Licht (Alessandro Carletti), das die wechselhafte Naturkulisse von Himmel und See geschickt einbindet. Aber reicht das bei diesem so abgründigen Stoff?Immerhin deutet die Inszenierung in Videoprojektionen von Roland Horvath an, dass die ganze rauschhafte Illusion auch auf Drogenmissbrauch beruhen könnte. Doch insgesamt könnte man sich den Blick in die sozialen (und medizinischen) Abgründe des Themas deutlich schärfer und schonungsloser vorstellen. Umso mehr, als Verdi mit seiner Musik schon seit 170 Jahren gerade nicht für Überhöhung oder gar Verklärung sorgt.Melancholie, die um das Ende weissEntsprechend legt die überragende Finnin Marjukka Tepponen die Titelrolle an: als entwaffnend ehrliches Selbstporträt einer Desillusionierten, die den Zauber der letzten Liebe bloss noch wie im Zerrspiegel erlebt, als skizzenhafte Projektion ihrer zerbrechenden Erinnerung. Immer schwingt deshalb in Tepponens bis in die Extremhöhen makellos geführtem Sopran ein wehmütiger Tonfall mit – eine Melancholie, die selbst im ausgelassensten Feiern und Schwärmen immer um das Ende weiss. Sie ist das Geheimnis aller grossen «Traviata»-Interpretinnen von Maria Callas bis Anna Netrebko.Mit dem französischen Tenor Julien Behr ist Violettas Liebhaber Alfredo Germont auffällig hell, fast jugendlich besetzt. Behrs Leidenschaftlichkeit kontrastiert ideal mit dem nostalgischen Unterton von Violettas Lebensrückblick. Vladimir Stoyanov gibt dem Vater Germont, der die beiden Liebenden auseinandertreibt, angemessen salbungsvolle Töne. Er ist bei Verdi ja wider Erwarten nicht der typische Bariton-Intrigant, hat vielmehr einige der schönsten Nummern der Oper zu singen und erscheint als eine Art moralisches Gewissen der Entstehungszeit. Wie doppelzüngig die Epoche mit dem Thema Prostitution umging, liesse sich gerade an dieser Figur zeigen. Doch die Regie bleibt auch hier sehr dezent mit ihrer Kritik.Das Publikum stört sich nicht daran, es feiert die Sänger und das Produktionsteam einhellig. Der Jubel schliesst auch die Chöre aus Prag und Bregenz ein sowie die Wiener Symphoniker, die das Bühnengeschehen unter dem Dirigenten Kirill Karabits mit Verve und punktgenau aus dem nahen Festspielhaus begleiten. Mit ihrer Übertragungs- und Verstärkungstechnik setzen die Festspiele wie gewohnt die Massstäbe für alle anderen Open-Air-Festivals. Nach der Wiederaufnahme der «Traviata» im Sommer 2027 lässt die Bregenzer Intendantin Lilli Paasikivi 2028 und 2029 Wagners «Fliegenden Holländer» im Bodensee Anker werfen.Der zerbrechende Spiegel von Violetta prägt die Szenerie der Neuproduktion von «La Traviata» auf der Seebühne. Die Bühnenaufbauten wiegen rund 300 Tonnen.Anja Koehler / Bregenzer FestspielePassend zum Artikel