Am New Yorker Tribeca-Filmfestival läuft ein Film zweier iranischer Filmemacher über die Aufstände in ihrem Heimatland. Der Film ist komplett mit künstlicher Intelligenz hergestellt. Eine neue Stufe von Propaganda ist erreicht.14.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAnstatt die bestmögliche Variante der Wahrheit auf den Bildschirm zu bringen, macht man husch, husch einen Film.Ash KooshaWer für das Gute kämpft, kennt kein Pardon. Dieser Satz verfolgt einen, wenn man sich «Dreams of Violets» und die dazugehörigen Berichte und Interviews zu Gemüte führt, welche die Brüder Ash und Pooya Koosha gegeben haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der 75-minütige Film der beiden, die 2009 Iran verlassen und seitdem eine Firma für künstliche Intelligenz aufgebaut haben, ist das erste Dokudrama, das komplett mit KI hergestellt wurde, also ohne Schauspieler, Kamerafrau und die Hilfe von Bildmaterial und Augenzeugenberichten. Quellen? Fehlanzeige. Der Streifen, der schon als die Zukunft des Filmemachens gefeiert wird, lief diese Woche am bedeutenden New Yorker Tribeca-Festival. Er erzählt die Geschichte von fünf Menschen, die sich während der Proteste im vergangenen Januar, die bis zu 30 000 Leben gekostet haben sollen, zufällig begegnen und am eigenen Leib erleben müssen, was es heisst, wenn die islamische Diktatur brutal zuschlägt. Das wollten die Koosha-Brüder, die sagen, sie seien durch die Proteste «politisiert worden», zeigen. So hart, eingängig und schnell wie möglich. Wo ein Wille ist, ist heute die KI nicht weit.Da gibt es etwa einen Jungen im Rollstuhl, der vom Balkon aus beobachtet, wie die fünf Leidensgenossen in einer Sackgasse um ihr Leben bangen. Dabei laufen dem Jungen die Tränen herunter. Aber irgendetwas ist falsch an diesem schwarz gefärbten Augenwasser, es zieht sich wie zähflüssiger Honig. Sowieso, die Gesichter, die Augen vor allem, sie sehen aus wie Faksimiles eines menschlichen Antlitzes, seltsam leer, obwohl man doch das Maximum an Emotion herausholen wollte. Es gibt auch sonst eigenartige Vorgänge. Da läuft etwa ein Mann seelenruhig eine Strasse hinunter, während Schwaden von Tränengas in Zeitlupe hinter ihm wabern. Und eine Augenbinde wird einem schluchzenden Mann falsch umgebunden. Viele Bilder wirken montiert, wie aufgeklebt. Vor allem aber: Was man sieht, lässt einen völlig kalt – weil es eben so künstlich erscheint.Die Filmemacher rühmen sich, ihr Werk in gerade einmal zwei Monaten rausgehauen und dabei bloss knapp 2000 Dollar ausgegeben zu haben. Abgesehen davon, dass dies natürlich falsch ist, weil KI Unmengen an Ressourcen wie Strom, Wasser und seltenen Erden verbraucht, sind die immateriellen Kosten viel höher. Es ist die Billigversion agitatorischen Kinos. «Ich würde sagen, 80 Prozent des Films bestehen aus der Nachstellung von Ereignissen, die auch so passiert sind», lässt sich Ash Koosha im «Guardian» zitieren. Wenn es den Konjunktiv nicht gäbe. Anstatt sorgfältig zu recherchieren und die bestmögliche Variante der Wahrheit auf den Bildschirm zu bringen, macht man husch, husch einen Film, der wohl zweierlei Zielen dienen soll: der Aufmerksamkeit für die Iranerinnen und Iraner – sowie derjenigen für die eigene Firma. «Ich garantiere, dass unsere Firma mindestens 200 Jobs bieten wird, die vorher nicht existiert haben», sagt Koosha. Schade, gibt sich ein Filmfestival für solche Werbung her.Fakt aber bleibt: Die künstliche Intelligenz verändert das Kino von Grund auf. Die Zeiten der riesigen Budgets von 200 bis 300 Millionen Dollar sind vorbei. Jeder kann heute einen Film machen. Ein teuflischer Satz.Dreams of Violets. UK 2026. 75 Min.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel