Es ist ein Medizinskandal, wie ihn die Schweiz wahrscheinlich noch nicht gesehen hat: die „Maisano-Affäre“. Im Universitätsspital Zürich kamen zwischen 2014 bis 2020 unter der Leitung von Herzchirurg Francesco Maisano Dutzende Patienten ums Leben, die nicht hätten sterben müssen, wenn die üblichen Qualitätsanforderungen erfüllt worden wären. So lautet das Fazit einer Untersuchungskommission, die kürzlich ihren Abschlussbericht über die Vorfälle vorgelegt hat.Im Bericht werden den Verantwortlichen an der Klinik für Herzchirurgie schwerwiegende Mängel und Verfehlungen nachgewiesen. Als Ursache gelten fehlende Kompetenzen, mangelnde Sorgfalt und Qualität sowie mangelnde Kontrolle und wirtschaftliche Eigeninteressen des Klinikchefs. Jahrelang haben demnach Maisano, aber auch die damalige Spitaldirektion und der damalige Spitalrat beim Patientenschutz versagt. Der Bericht zeigt auch auf, wie viele Menschen infolgedessen starben.Das Wohl der Patienten hatte nicht immer oberste PrioritätDie Verantwortlichen hingegen sagen, dass durch die Vorkommnisse kein Patient zu Schaden gekommen sei. Seit Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2020 versuchten sie, die Vorfälle herunterzuspielen. Infolgedessen verzögerte sich die Aufarbeitung. Bis jetzt.Drei unabhängige wissenschaftliche Berechnungsmethoden erhärten nun die erhöhte Sterblichkeit während der Amtszeit von Maisano. Im Vergleich mit anderen Universitätskrankenhäusern in der Schweiz ergab sich während der Amtszeit Maisanos am Züricher Herzzentrum eine Übersterblichkeit von 68 bis 74 Patienten. Die gängigen Qualitätsstandards wurden nicht eingehalten, das Wohl der Patienten hatte nicht immer höchste Priorität.In einer weiteren Berechnungsmethode, die die Sterbefälle nach medizinisch-wissenschaftlichen Kriterien untersuchte, stieß die Kommission bei 307 Todesfällen in der Zeit von 2016 bis 2020 auf ähnliche Zahlen: Sie kam auf 64 „eher nicht zu erwartende Todesfälle“ und elf „nicht zu erwartende Todesfälle“. Ein weiterer Hinweis auf Unregelmäßigkeiten lieferte der Vergleich der Sterblichkeit am Spital Zürich selbst: Vor und nach Maisanos Zeit in Zürich starben deutlich weniger Patienten.Das umstrittene Cardioband im HerzmuskelDas Ausmaß der Maisano-Affäre nimmt damit erstmals klare Konturen an – und die Kommissionsmitglieder zeigten sich bei der Präsentation der Ergebnisse sichtlich erschüttert. Der Herzchirurg René Pretre, Mitglied der Untersuchungskommission, sagte, dass jeder vierte Todesfall hätte vermieden werden können, wenn die Patienten sich an einer anderen Klinik hätten operieren lassen. Maisano weist in einer Stellungnahme alle Vorwürfe zurück.Zudem berichtet die Kommission von einem umstrittenen Medizinprodukt, das bei einem Teil der Patienten eingesetzt wurde. Im Untersuchungszeitraum seien 1550 technische Medizinprodukte am Herzen eingesetzt worden, darunter 59 neuartige, noch nicht validierte Produkte wie das Cardioband, das Maisano mitentwickelt hatte. Er war an den Erlösen dieses Produkts finanziell beteiligt.Das Band, das im Herzmuskel verschraubt wird, sollte defekte Herzklappen reparieren. Bei 13 der 59 Fälle beurteilte die Kommission den Einsatz als unangemessen. Ein konventioneller chirurgischer Eingriff hätte für die Patienten vermutlich zu besseren Ergebnissen geführt, heißt es im Bericht.Ein Herzchirurg als WhistleblowerWer wie genau von dem Einsatz des Medizinprodukts profitierte, das auch in Deutschland hundertfach eingesetzt wurde, beleuchtet der Untersuchungsbericht nicht. Ob der Einsatz des Bandes an deutschen Kliniken ebenfalls zu Komplikationen oder Todesfällen führte, wurde bislang nicht untersucht.Welche Folgen der Skandal juristisch hat, ist unklar: Der Spitalrat hat die 13 unangemessenen Eingriffe und die elf festgestellten außergewöhnlichen Todesfälle der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich gemeldet. Ob Strafverfahren eröffnet werden, ist noch nicht entschieden.Der Whistleblower André Plass hatte die Aufklärung des Medizinskandals ins Rollen gebracht. Der Herzchirurg berichtete schon früh von fragwürdigen Vorkommnissen, beschönigten Ergebnissen und verheimlichten Komplikationen an der Züricher Herzklinik. Kurze Zeit später wurde der Chefarzt entlassen. Maisano musste erst später gehen, heute arbeitet er an einer Klinik in Mailand.
Maisano-Affäre nimmt Konturen an: Aufklärung der Todesfälle nach Herzband-OP
Am Universitätsspital in Zürich hat ein Herzchirurg Patienten mit defekten Herzklappen sogenannte Cardiobänder eingesetzt. Einige von ihnen sind vorzeitig gestorben.












