Jetzt spricht Francesco Maisano: «Die Universität selbst erhielt einen Anteil an den Einnahmen aus meinen Kooperationen mit der Industrie»In seinem ersten Interview seit Bekanntwerden des Herzchirurgie-Skandals am Universitätsspital Zürich weist der frühere Klinikleiter Francesco Maisano alle Vorwürfe zurück: Er betont, man habe ihn wegen seiner innovativen Verfahren nach Zürich geholt – und droht dem Herzchirurgen Thierry Carrel mit rechtlichen Schritten.Alessandro Politi16.05.2026, 21.45 Uhr9 Leseminuten«Es herrschte völlige Transparenz»: Der Herzchirurg Francesco Maisano.Karin Hofer / NZZNZZ AM SONNTAG: Herr Maisano, Sie haben in der Öffentlichkeit jahrelang geschwiegen. Warum verspüren Sie heute das Bedürfnis, zu reden?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.FRANCESCO MAISANO: Ich habe geschwiegen, weil ich glaubte, dass dies die richtige Entscheidung sei. Alle formellen Verfahren, die mich betrafen, wurden zu meinen Gunsten abgeschlossen. Heute spreche ich, weil sich die Darstellung so weit von den Tatsachen entfernt hat, dass ich es nicht länger ignorieren kann. Was in vielen Schlagzeilen erzählt wird, entspricht nicht dem, was der Untersuchungsbericht des Universitätsspitals Zürich (USZ) tatsächlich aussagt. Ein komplexes Dokument mit all seinen Grenzen wird auf einen persönlichen Skandal reduziert. Und dann gibt es ein Schweigen, das mich noch schwerer belastet.Welches ist das?Das Schweigen von Dutzenden von Kollegen und ehemaligen Mitarbeitern, die die Fakten kennen und schweigen, um nicht unter die Räder zu kommen. Wenn diejenigen, die Bescheid wissen, frei sprechen könnten, würden wir alle mehr erfahren – im Interesse der Patienten und von Institutionen wie dem USZ, das ich nach wie vor zutiefst schätze.Was ist Ihrer Meinung nach denn das Unzutreffendste, was die Schweizer Presse über Sie geschrieben hat?Meine Darstellung als «skrupelloser Innovator». Ich habe Techniken und Geräte so entwickelt, wie es jeder Arzt tun sollte, dem das Wohl seiner Patienten am Herzen liegt: auf der Suche nach sichereren, weniger invasiven Instrumenten, mit denen Menschen erreicht werden können, die mit der traditionellen Chirurgie nicht behandelt werden könnten. Die andere Ungerechtigkeit ist der Vorwurf der Intransparenz. Alle unsere innovativen Eingriffe wurden vollständig auf Video aufgezeichnet. Hunderte von Fachleuten aus aller Welt sind nach Zürich gekommen, um unsere Techniken zu beobachten. Wir haben die Ergebnisse veröffentlicht. Es herrschte völlige Transparenz.Der Herzchirurg Thierry Carrel erklärt in einem Interview mit der NZZ, es habe sich gezeigt, dass diese Videopräsentationen «so geschnitten worden waren, dass negative Ergebnisse und Komplikationen nicht gezeigt wurden. Das ist Betrug der schlimmsten Art.»Mir ist nicht klar, auf welches Video Herr Carrel Bezug nimmt. Die Aufzeichnungen der Eingriffe werden vollständig auf einem Server des USZ gespeichert: Ich habe dieses System der lückenlosen Aufzeichnung selbst zum Zweck der Qualitätskontrolle eingerichtet. Ich bitte Herrn Carrel, sich genauer zu äussern und sensationelle Töne zu vermeiden.Herr Carrel wirft Ihnen öffentlich Betrug vor.Wer falsche Behauptungen verbreitet, ohne über konkrete Beweise zu verfügen, wird sich vor den zuständigen Stellen dafür verantworten müssen. Meine Anwälte prüfen seit dem Erscheinen seines Interviews die Einreichung einer Klage wegen Verleumdung.Fühlen Sie sich als Hauptverantwortlicher für das, was in Zürich beanstandet wird – oder glauben Sie, zum Gesicht für umfassendere Probleme geworden zu sein?Der Direktor einer Klinik ist auf administrativer Ebene verantwortlich für das, was in der von ihm geleiteten Einrichtung geschieht. Ich weiche dieser Verantwortung nicht aus. Aber diese Angelegenheit als die Geschichte eines einzelnen Individuums darzustellen, entspricht nicht der Funktionsweise einer Universitätsklinik. Vom ersten Tag an wurde ich auf Beschluss der Spitalleitung von einem Schweizer Herzchirurgen unterstützt, der die formelle Verantwortung für die Qualität und das Personalmanagement trug. Die Einrichtung hatte also ein dezentrales Kontrollsystem aufgebaut – ein System, das aber nicht so funktionierte, wie es hätte funktionieren sollen.Welche Fehler haben Sie selber gemacht?Es ist mir nicht immer gelungen, meine klinische Vision in einen kulturellen und institutionellen Kontext zu integrieren, der sich von meinem eigenen unterschied. Die sprachliche und kulturelle Barriere spielte eine Rolle. Ich habe nicht immer alle notwendigen internen Allianzen aufgebaut. Aber dies zuzugeben, bedeutet nicht, den Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber den Patienten zu akzeptieren: Das bestreite ich entschieden.Der Untersuchungsbericht spricht von einer geschätzten Übersterblichkeit von 68 bis 74 Patienten während Ihrer Zeit am USZ.Man muss verstehen, woher diese Zahl stammt. Alles begann, als ein ehemaliger Kollege behauptete, unter meiner Leitung seien etwa zweihundertfünfzig vermeidbare Todesfälle eingetreten. Nach zwei Jahren Analyse hat die Kommission die Zahl auf etwa siebzig reduziert. Von diesen siebzig wurden elf der Staatsanwaltschaft vorgelegt, wobei jedoch erklärt wurde, dass keine vorsätzlichen Aspekte als Ursache für die Todesfälle erkennbar seien. Elf Fälle in fünf Jahren bei insgesamt etwa 4500 Einsätzen. Ich sage das nicht, um den Schmerz der Angehörigen herabzusetzen – für diese Familien gibt es keine passenden Worte. Entscheidend ist aber: Die Sterblichkeit konzentriert sich auf konventionelle chirurgische Eingriffe, nicht auf innovative oder kathetergestützte Verfahren. Dies ist der klinisch relevanteste Punkt, der in der Medienberichterstattung jedoch am meisten fehlt, da diese eine falsche Verbindung zwischen innovativen Eingriffen und Sterblichkeit hergestellt hat.Wie beeinflusst die Behandlung schwierigerer Patienten die Sterblichkeitsdaten?Es gibt Patienten, die mit einer Sterbewahrscheinlichkeit von bis zu 50 Prozent in den Operationssaal kommen: Jeder Zweite überlebt nicht. Ältere Menschen, mit mehreren Erkrankungen, mit komplexer Anatomie, die bereits zuvor operiert wurden. Patienten, die viele Zentren ablehnen, weil eine Operation die Statistiken verschlechtert. Ich frage mich: Ist es wirklich die richtige Entscheidung, sie nicht zu operieren und ihrem Schicksal zu überlassen? Ein Chirurg steht vor der Alternative: Operieren und diesem Patienten die Chance auf Überleben bieten. Oder nicht operieren, die eigenen Zahlen schützen und diese Person sterben lassen. Wer nur die einfachsten Fälle operiert, wird hervorragende Statistiken haben, aber viele schwerkranke Patienten bleiben ohne Behandlung. In Zürich haben wir die Tür auch für die komplexesten Fälle offen gehalten. Und gerade durch die innovativen Verfahren haben wir die Risiken für die Patienten unter den extremsten Bedingungen begrenzt. Noch heute nehme ich Schweizer Patienten auf, die sich meiner Behandlung anvertrauen.Warum hat sich die öffentliche Debatte so sehr auf das Cardioband konzentriert?Ich kann nur Vermutungen anstellen. Die erste ist einfach: Das Cardioband ist eine Geschichte, die sich gut erzählen lässt. Zu erklären, warum ein älterer Patient mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz nach einem traditionellen Eingriff stirbt, ist viel schwieriger und sorgt nicht für Schlagzeilen. Der zweite Grund ist tiefgreifender. Die Katheterchirurgie hat die strukturelle Kardiologie radikal verändert: Patienten, die früher am offenen Herzen operiert wurden, werden heute minimalinvasiv behandelt. Nicht alle in der traditionellen chirurgischen Fachwelt haben diesen Wandel positiv aufgenommen. Eine Darstellung, die innovative Verfahren als gefährlich und traditionelle als sicher präsentiert, kann Interessen dienen, die über den Einzelfall hinausgehen. Ich unterstelle keine Motive, die ich nicht belegen kann. Ich stelle lediglich fest: Die Medien konzentrierten sich auf ein Gerät, das gemäss Bericht nicht als Hauptursache gilt. Das bedarf einer Erklärung.Das Cardioband ist heute nicht mehr zugelassen. War es denn je ein sicheres Gerät?Es handelte sich um ein Gerät, das unter Einhaltung aller in den Vorschriften für Medizinprodukte vorgesehenen Kontrollen entwickelt wurde. Die ersten Labortests begannen 2008; die erste Implantation erfolgte 2013, fünf Jahre später. Jede Implantation erfolgte im Rahmen von klinischen Studien, die von Swissmedic und den Ethikkommissionen genehmigt wurden. Nichts geschah ausserhalb dieses Rahmens.Laut dem USZ-Bericht wiesen 62 Prozent der Patienten mit einem Cardioband nach einem Jahr eine erneute Klappeninsuffizienz auf. In einem Fall musste sich eine Ihrer Patientinnen am Inselspital bei Thierry Carrel einer Revisionsoperation unterziehen. Er hielt danach fest, dass sich das implantierte Cardioband teilweise gelöst habe und dass im Vorhof des operierten Herzens lose Verankerungen geschwommen hätten.Wir nehmen den Bericht des Spitals Zürich zur Kenntnis, wonach das Cardioband nicht funktionieren würde. Wir stellen dieser Meinung jedoch die Erkenntnisse unabhängiger Gruppen entgegen, darunter eine Metaanalyse, die die Wirksamkeit des Cardiobands bestätigt hat. Wir laden Zürich ein, seine Ergebnisse zu veröffentlichen: Wir würden diese gerne prüfen und mit den bereits von amerikanischen und europäischen Instituten vorgelegten Ergebnissen vergleichen. Auf operativer Ebene ist zudem anzumerken, dass Herr Carrel die Entfernung des Implantats vorgenommen hat, ohne uns zu konsultieren. Vielleicht hielt er es nicht für notwendig, um Unterstützung zu bitten: eine Fehleinschätzung, da wir ihm das korrekte Verfahren zur Entfernung der Schrauben hätten erläutern und ihm bei der Lösung des Problems hätten helfen können. Zudem hat er Bilder veröffentlicht, die unserer Meinung nach auf einen Behandlungsfehler hindeuten.Der USZ-Bericht spricht von Fällen, in denen der Einsatz des Cardiobands unangemessen gewesen sei. Räumen Sie ein, dass einige Fälle einer eingehenderen Untersuchung bedürfen?Jeder Todesfall eines Patienten verdient immer eine eingehende Untersuchung. Einige Fälle können und müssen erneut geprüft werden, und ich bin bereit, dies zu tun. Die Kommission bestand ausschliesslich aus Herzchirurgen. Es gab keinen interventionellen Kardiologen – also keinen Spezialisten für die Katheterverfahren, die im Mittelpunkt der Bewertung standen. Das ist keine persönliche Kritik an den Kommissionsmitgliedern: Es ist ein methodisches Problem. Die strukturelle Kardiologie wird in der klinischen Praxis von Teams bewertet, die mehrere Disziplinen integrieren. Eine Kommission, die nur eine davon vertritt, kann keine umfassende und ausgewogene Bewertung vornehmen.Wurden Ihre Patienten über die Risiken und den innovativen Charakter der Verfahren aufgeklärt?Ja. Als italienischsprachiger Arzt wollte ich von Anfang an bei allen Patientengesprächen von einem muttersprachlichen medizinischen Assistenten begleitet werden. Ich hatte bei diesen Gesprächen immer mindestens einen Zeugen. Die Patienten wurden über Risiken, Vorteile und Alternativen informiert und in innovativen Fällen darüber, dass das Verfahren noch nicht zum Standard gehörte. Der Druck, den man vor einem komplexen Eingriff erlebt – wer ihn nicht erlebt hat, kann ihn sich nicht vorstellen –, lässt sich nur durch eine umfassende Aufklärung des Patienten bewältigen.Wurden Ihre Beziehungen zu den Herstellern in den Einverständniserklärungen angegeben?Meine Interessenkonflikte wurden über die vorgesehenen Kanäle offengelegt: die Register der Universität, die vom Ethikkomitee geprüften Unterlagen zu klinischen Studien. Die Formulare für die Einverständniserklärung waren vom Ethikkomitee genehmigt. In der Praxis teilte ich den Patienten mit, dass ich an der Entwicklung der Produkte beteiligt gewesen sei, wenn dies für den vorgeschlagenen Eingriff relevant war.Ein Herzchirurg an der Arbeit.Raffi Maghdessian / Cavan / GettyWelche Beziehungen hatten Sie zu Valtech, Edwards oder anderen Unternehmen?Alle wurden seit meinem Amtsantritt in Zürich offengelegt, in den Registern eingetragen, auf Konferenzen und in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht. Die Universität selbst erhielt einen Anteil an den Einnahmen aus meinen Kooperationen mit der Industrie. Diese Beziehungen waren einer der Gründe, warum man mich nach Zürich geholt hatte. Die Universität suchte nach einer Persönlichkeit, die in der Lage war, Spitzenforschung und -entwicklung in die Klinik zu bringen. In meiner Bewerbung stellte ich ausdrücklich das Cardioband-Projekt vor, das sich damals in der präklinischen Phase befand. Die USZ-Leitung war sich von Anfang an sowohl meines Profils als auch der Tatsache voll bewusst, dass innovative Verfahren Teil der klinischen Praxis sein würden.Sie haben angegeben, bei einem einzigen Projekt eine namhafte Vergütung erhalten zu haben. Um welches handelt es sich, und warum soll diese keinen Interessenkonflikt darstellen?Es handelt sich um das Projekt mit Valtech, dem Unternehmen, das das Cardioband entwickelt hat. Ich war als wissenschaftlicher Berater an der Entwicklung des Geräts beteiligt. Es ist das einzige Projekt von über zwanzig, an denen ich beteiligt war, bei dem ich eine nennenswerte finanzielle Vergütung erhalten habe, und zwar zum Zeitpunkt der Übernahme von Valtech durch Edwards im Jahr 2017. Meine Aktienoptionen waren mir fast zehn Jahre vor der Übernahme, zu Beginn der Zusammenarbeit, zugeteilt worden. Sie wurden erst zum Zeitpunkt der Transaktion zwischen Valtech und Edwards zu einer Vergütung. Das war eine Transaktion zwischen Unternehmen mit allen damit verbundenen Prüfungen und basierend auf den klinischen und regulatorischen Daten des Produkts. Eine rechtmässige, genehmigte und offengelegte Vergütung.Wie viel Geld haben Sie von Valtech erhalten?Das habe ich sowohl gegenüber den Schweizer Steuerbehörden als auch gegenüber den Stellen, die den Interessenkonflikt untersucht haben, offengelegt und habe die entsprechenden Bankunterlagen vorgelegt.Begrüssen Sie die Überprüfungen, die nun von der Region Lombardei und dem Mailänder Spital San Raffaele vorgenommen werden?Ja, mit grosser Überzeugung. Institutionelle Untersuchungen sind das richtige Instrument, um Klarheit zu schaffen: Hier werden die Daten in ihrer Gesamtheit, mit Strenge und der Möglichkeit zum Vergleich geprüft – nicht in einer Schlagzeile. Ich werde mit grösstmöglicher Transparenz kooperieren und bin überzeugt, dass die Untersuchungen unsere Abläufe als ordnungsgemäss befinden werden.Das Interview wurde schriftlich geführt. Alessandro Politi ist ein italienischer Investigativjournalist, der auch für den TV-Sender RAI arbeitet.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel