Herzchirurg Maisano wehrt sich: Die Sterblichkeit sei so hoch gewesen, weil das Unispital besonders komplexe Fälle behandelte. Stimmt das?Der ehemalige Direktor der Herzklinik am Zürcher Unispital kritisiert den Untersuchungsbericht. Doch dessen Methodik ist ziemlich ausgefeilt.19.05.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenDer Herzchirurg Francesco Maisano: «Wer nur die einfachsten Fälle operiert, wird hervorragende Statistiken haben.»Karin Hofer / NZZFrancesco Maisano ist in den Gegenangriff übergegangen. Der ehemalige Direktor der Klinik für Herzchirurgie am Zürcher Unispital hat sich in einem schriftlich geführten Interview mit der «NZZ am Sonntag» gegen die schweren Vorwürfe gewehrt, die ihm der jüngst vorgestellte Untersuchungsbericht macht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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In seiner Verteidigung verfolgt er zwei Linien: Erstens argumentiert er, die Klinik habe unter seiner Leitung schwerstkranke Patienten mit einem hohen Mortalitätsrisiko operiert. «In Zürich haben wir die Tür auch für die komplexesten Fälle offen gehalten.» Patienten, die viele andere Zentren abgelehnt hätten, weil eine Operation die Statistik verschlechtert hätte. «Wer nur die einfachsten Fälle operiert, wird hervorragende Statistiken haben, aber viele schwerkranke Patienten bleiben ohne Behandlung.»Zweitens moniert Maisano, die Kommission, welche die Untersuchung durchgeführt habe, habe nur aus Herzchirurgen bestanden. Interventionelle Kardiologen hätten darin gefehlt, also Spezialisten für jene Verfahren, die unter ihm an der Klinik angewandt wurden. «Das ist keine persönliche Kritik an den Kommissionsmitgliedern: Es ist ein methodisches Problem.»Die Argumentation wirkt einleuchtend: Wer Patienten operiert, die so krank sind, dass ihr Risiko zu sterben hoch ist, der wird auch mehr Patienten verlieren.Es stellt sich also die Frage: Was ist dran an Maisanos Konter? Tun ihm die Verfasser des Untersuchungsberichts unrecht, wenn sie behaupten, es hätten sich 70 vermeidbare Todesfälle ereignet?Ausgeklügelte BerechnungenDie Sache mit den Berechnungen ist komplex. Vorab ist dazu zu sagen: Die Untersuchungskommission hat es sich nicht einfach gemacht. Sie hat drei statistische Verfahren angewandt, um die potenzielle Übersterblichkeit zu berechnen. Dabei ist sie stets auf ähnliche Zahlen gekommen.Zu berechnen, ob sich zu viele Todesfälle ereignet haben, ist keine exakte Wissenschaft. Jeder Patient ist ein Einzelfall, der individuelle Risiken mitbringt. Solche Berechnungen sind deshalb als statistische Annäherung an die Realität zu verstehen. Um der Sache möglichst gut gerecht zu werden, hat die Untersuchungskommission unterschiedliche Methoden angewendet, um die Nachteile der einzelnen Verfahren auszugleichen. Insgesamt hat sie dabei 4500 Operationen angeschaut.Methode 1: Der Vergleich mit anderen SpitälernDas Bundesamt für Gesundheit publiziert detaillierte Todesfallstatistiken zu allen Kliniken, wobei die Todesfälle auch noch nach einzelnen Operationsarten aufgeschlüsselt sind. Die Untersuchungskommission hat diese Daten genutzt, um die Sterblichkeitsraten an der Zürcher Klinik für Herzchirurgie mit den entsprechenden Kliniken an den Unispitälern Basel, Lausanne, Genf und Bern zu vergleichen. Die Experten haben sich bewusst nur für Unispitäler entschieden, weil diese die schwierigsten Fälle zu behandeln haben und deshalb gut mit Zürich zu vergleichen sein sollten.In Zürich lag die Sterblichkeitsrate in der untersuchten Periode im Schnitt bei 5,5 Prozent, bei den übrigen Unispitälern waren es im Schnitt 2,7 Prozent. Wäre sie in Zürich auch so tief gewesen, wären 74 Patienten weniger verstorben.Auch wenn hier nur Unispitäler angeschaut wurden, könnte man immer noch argumentieren, Zürich habe halt die schwierigsten Fälle von allen. Und da kommt die zweite Methode ins Spiel.Methode 2: Der Vergleich über die ZeitUm zu schauen, wie sich die Situation in Zürich selbst entwickelt hat, haben die Experten die Sterblichkeitsraten während Maisanos Zeit als Klinikdirektor mit den zweieinhalb Jahren vor seinem Amtsantritt 2014 und nach seinem Abgang 2020 verglichen. Dabei zeigt sich, dass die Rate unter seiner Ägide deutlich angestiegen ist und insbesondere gegen Ende seiner Amtszeit hoch war. Nach seinem Weggang sank sie dann wieder relativ rasch ab.Im Vergleich zur Zeit vor und nach Maisano hat die Untersuchungskommission mit dieser Methode eine Übersterblichkeit von 68 Patienten errechnet.Zu seinen Gunsten könnte man aber immer noch argumentieren, er habe die schwierigeren Fälle als sein Vorgänger und sein Nachfolger operiert. Denn Maisano konnte mit seinen speziellen minimalinvasiven Methoden auch Patienten operieren, die zu schwach gewesen wären für eine konventionelle Herzoperation, bei welcher der Brustkorb aufgeschnitten werden muss.Die dritte Methode versucht deshalb, das Risiko der Patienten genauer abzubilden.Methode 3: Die risikoadjustierte SterblichkeitDas Nonplusultra bei solchen Sterblichkeitsstatistiken sind die sogenannten risikoadjustierten Berechnungen – was komplizierter klingt, als es ist. Im Prinzip funktioniert es so: Jeder Patient hat ein individuelles Risiko, bei einem Eingriff zu sterben. Dieses hängt zum Beispiel vom Alter, seinen Begleiterkrankungen oder dem Zustand ab, in welchem er ins Spital eingeliefert wurde. Bei jedem Patienten wird ein ganzes Bündel solcher Risikofaktoren erfasst und daraus eine Sterblichkeitswahrscheinlichkeit berechnet.Damit lässt sich dann zum Beispiel ein durchschnittliches Mortalitätsrisiko für alle Patienten der Klinik berechnen und mit der tatsächlichen Sterblichkeit vergleichen. Die Methode erlaubt belastbare Aussagen über die Behandlungsqualität einer Klinik, weil sie berücksichtigt, dass nicht alle Spitäler gleich schwierige Fälle behandeln.Für die Berechnung gibt es verschiedene Modelle: In Europa ist der sogenannte «Euroscore II» besonders verbreitet, in Nordamerika heisst das Pendant «STS-Prom». Laut Experten überschätzt der Euroscore das Risiko tendenziell, während es das amerikanische Modell eher unterschätzt. Die Untersuchungskommission hat sämtliche Fälle am Unispital mit beiden Modellen durchgerechnet und dann einen Mittelwert für die Übersterblichkeit genommen. Dieser lag bei 68 Fällen.Die Methodik der Untersuchungskommission wirkt insgesamt also sehr robust. Maisanos Einwand, man habe zu wenig berücksichtigt, wie schwierig seine Fälle waren, scheint also nicht haltbar zu sein.Die falschen Experten?Und wie sieht es mit Maisanos zweitem Vorwurf aus, die falschen Experten hätten die Sache untersucht?Die Untersuchung zur medizinischen Qualität an der Klinik wurde von einem klassischen Herzchirurgen geleitet: René Prêtre. Maisano hingegen sieht sein Wirken zwischen der Kardiologie und der Herzchirurgie. Prêtre zog weitere Experten in Biostatistik bei, die aber nicht ärztlich tätig sind. Insofern mag der Vorwurf zutreffen, dass die Experten nicht exakt aus dem gleichen Feld stammten.Die Methodik und die Berechnungen liess die Kommission aber von zwei renommierten Herzspezialisten begutachten: Daniel Loisance vom Universitätsspital Henri-Mondor in Paris und Maurice Sarano vom Minneapolis Heart Institute. Beide Professoren haben die Berechnungen der Untersuchungskommission für überzeugend befunden. Sarano ist zudem Kardiologe und Experte für Herzklappenerkrankungen. Er kommt also aus Maisanos Spezialgebiet.Passend zum Artikel