Die neuesten EntwicklungenSkandal an der Zürcher Herzchirurgie: Vier Staatsanwälte aus drei Kantonen sollen den Fall Maisano strafrechtlich aufarbeitenWährend mehrerer Jahre kam es in der Klinik des Universitätsspitals zu gravierenden medizinischen und organisatorischen Mängeln sowie einer auffällig hohen Mortalität. Der Fall hat strafrechtliche Abklärungen ausgelöst. Eine Übersicht.19.05.2026, 17.09 Uhr4 LeseminutenAndré Zemp vom Spitalrat und Monika Jänicke, CEO der Spitaldirektion, bei einer Pressekonferenz Anfang Mai.Michael Buholzer / KeystoneEin Untersuchungsteam aus vier Staatsanwältinnen und Staatsanwälten wird die Vorkommnisse an der Herzchirurgie des Universitätsspitals (USZ) strafrechtlich aufarbeiten. Die Ermittler kommen aus den Bereichen Medizinalstrafrecht, Wirtschaftsstrafrecht und Beamtendelikte, wie die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich am Dienstag (19. 5.) mitteilte. Dadurch werde gewährleistet, dass sämtliche Fragen ganzheitlich beurteilt würden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was ist passiert?Zwischen 2014 und 2020 kam es in der Herzchirurgieklinik des Universitätsspitals Zürich zu auffällig vielen Todesfällen. Im Mai 2020 wurden Vorwürfe eines Whistleblowers publik, dass der Klinikchef Francesco Maisano Berichte zum Einsatz eines von ihm mitentwickelten Implantats geschönt habe. Im Mai 2024 erhob dann der ehemalige Chefarzt der Herzchirurgie, Paul Vogt, schwere Vorwürfe gegen Maisano sowie die Spitalführung.Das Zürcher Universitätsspital hatte daraufhin eine unabhängige Expertengruppe um den ehemaligen Bundesrichter Niklaus Oberholzer eingesetzt, um die Vorkommnisse an der Klinik zu untersuchen. Der im Mai 2026 veröffentlichte Bericht hält fest, dass es in jener Zeit zu schwerwiegenden medizinischen und organisatorischen Mängeln kam. Die Expertengruppe stellte eine statistische Übersterblichkeit von 68 bis 74 Fällen fest.An der Klinik wurden neuartige Implantate eingesetzt, obwohl deren Nutzen begrenzt war. Zudem wurden die Implantate bei Patienten eingesetzt, bei denen es gar nicht angebracht war. Im Fokus steht das sogenannte Cardioband, mit dessen Herstellerfirma der ehemalige Chefarzt Francesco Maisano geschäftlich verbunden war.Laut dem Bericht waren die Implantate jedoch nicht die Ursache für die hohe Mortalität. Sie sind eines von zwei zentralen Problemfeldern, die aber voneinander unabhängig sind. Die Expertengruppe ortet auch Ursachen in Führungsmängeln, organisatorischen Defiziten und Problemen bei der Zusammensetzung des Teams. Sie weist nicht nur Maisano schwerwiegende Verfehlungen nach, sondern kritisiert auch die damalige Spitaldirektion und den damaligen Spitalrat scharf.Wie konnte es zu den Missständen kommen?Der Untersuchungsbericht beschreibt die Missstände an der Herzklinik nicht als Folge einzelner Fehlentscheidungen, sondern als Ergebnis eines Systems, in dem Kontrolle und Aufsicht über Jahre hinweg versagten. Die Spitaldirektion sei bereits im Frühling 2017 über die erhöhten Mortalitätsraten informiert worden. Trotz internen Warnungen und wiederholten Hinweisen auf Qualitätsprobleme griff jedoch weder die Klinikleitung noch die Führung des Universitätsspitals frühzeitig und konsequent ein.Der Spitalrat wurde im April 2018 über die hohe Mortalität informiert, nachdem die Medien erstmals darüber berichtet hatten. Die Spitaldirektion habe den Spitalrat damals aber beschwichtigt. Die Mortalität sei höher als in anderen Spitälern, weil man am Unispital besonders schwierige Fälle behandeln müsse. Der Spitalrat verfolgte das Thema danach nicht mehr weiter.Auch die Gesundheitsdirektion wurde im Frühling 2018, damals noch unter der Führung von Thomas Heiniger (FDP), über die erhöhten Sterblichkeitsraten informiert. Heiniger fragte im Herbst des gleichen Jahres zwar nochmals nach, intervenierte aber nicht weiter. Seine Nachfolgerin Natalie Rickli (SVP) gab an, im Januar 2020 erstmals über die vom Whistleblower geäusserten Vorwürfe zu den Implantaten informiert worden zu sein, und verlangte in erhöhter Kadenz Informationen vom Spitalrat. Im Herbst 2020 liess sie einen Bericht über die Governance am Unispital erstellen, der diverse an das Spital gerichtete Empfehlungen enthielt.Was sagt Francesco Maisano zu dem Bericht?Maisano ist seit 2021 Chefarzt an der Mailänder Klinik San Raffaele. In einer ersten Stellungnahme gegenüber der Zeitung «Il Fatto Quotidiano» warf er dem Universitätsspital Zürich Voreingenommenheit gegenüber ihm als Italiener vor.Zudem wies er die im Untersuchungsbericht aufgelisteten Verfehlungen in einem schriftlich geführten Interview mit der «NZZ am Sonntag» zurück. Die angebliche Übersterblichkeit sei «auf konventionelle chirurgische Eingriffe zurückzuführen» und nicht auf innovative Verfahren. So steht es jedoch auch im Untersuchungsbericht der Expertengruppe.Zudem habe die Klinik unter seiner Leitung besonders komplexe Fälle behandelt, argumentiert Maisano. Patienten, die viele andere Zentren abgelehnt hätten, weil eine Operation die Statistik verschlechtert hätte. Seine Interessenkonflikte habe er über die vorgesehenen Kanäle offengelegt.Welche strafrechtlichen Konsequenzen hat der Skandal?Ein erstes Mal hat die Staatsanwaltschaft schon im Sommer 2020 ein Vorabklärungsverfahren wegen möglicher strafbarer Handlungen eröffnet, das allerdings in einem frühen Stadium unterbunden wurde. Jetzt nimmt sie die Sache erneut auf, diesmal mit mehr Nachdruck, wie es scheint.Das Universitätsspital hat bisher in drei Fällen Strafanzeige wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie Urkundenfälschung bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Zudem gingen elf Meldungen wegen mutmasslich unangemessenen Einsatzes von Medizinalprodukten ein, wie die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft in einer Mitteilung (19. 5.) festhält.Das Spital kündigte im Mai 2026 an, in 24 Fällen Dokumente an die Strafverfolger zu übergeben. Sie umfassen 11 Todesfälle, welche die Untersuchungskommission in ihrem Bericht als «nicht erwartbar» eingestuft hat, und 13 Fälle, in denen neuartige Implantate verwendet worden waren, obwohl dies aus Sicht der Kommission «unangemessen» war.Um die strafrechtliche Aufarbeitung werden sich vier Staatsanwältinnen und Staatsanwälte aus drei Kantonen kümmern. Sie werden von ihren weiteren Mitarbeitern der Staatsanwaltschaft sowie Ermittlern der Kantonspolizei Zürich unterstützt. Die Ermittler kommen aus den Bereichen Medizinalstrafrecht, Wirtschaftsstrafrecht und Beamtendelikte. Dadurch könne man gewährleisten, dass sämtliche Fragen in diesem Fall ganzheitlich beurteilt werden könnten, schreibt die Oberstaatsanwaltschaft Zürich.Die Strafanzeigen richten sich gegen Unbekannt. Die Staatsanwaltschaft muss nun prüfen, ob die Voraussetzungen für die Eröffnung eines Strafverfahrens gegeben sind. Die Ermittlungen dürften länger andauern. Aufgrund der Komplexität des Falls werde die Aufarbeitung Zeit in Anspruch nehmen, schreibt die Staatsanwaltschaft.Passend zum Artikel
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