Profiteure in Weiss? Nach dem Fall Maisano wollen Spitäler die Regeln für ihr Personal verschärfenHalb Arzt, halb Unternehmer – der Herzchirurgie-Skandal am Zürcher Universitätsspital offenbart Systemprobleme. Das Spital hat in den letzten Monaten zehn weitere kritische Fälle identifiziert. Und trotz den Vorwürfen wird Maisano weiterhin von einer Zürcher Stiftung eingeladen.16.05.2026, 21.45 Uhr5 Leseminuten«Es ist ein heikles Spannungsfeld», sagt ein Handchirurg über die Beziehung zwischen Ärzteschaft und Industrie.GettySiebzig Tote zu viel. Untaugliche selbst entwickelte Implantate. Finanzielle Verstrickungen mit Medtech-Firmen und ungenügende Aufklärung der Patienten. Im Fall des Herzchirurgen Francesco Maisano scheint nach der Publikation des Untersuchungsberichts eigentlich alles klar. Oder doch nicht? Die Zunft der Chirurgen und Herzspezialisten selber scheint noch zu zweifeln. Das gilt nicht nur für Mailand, wo der italienische Chirurg weiter unbehelligt praktiziert. Sondern auch für Zürich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Nähe des Zürcher Kunsthauses liegt die Geschäftsstelle des Zurich Heart House (ZHH), einer unabhängigen Stiftung im Bereich Herzmedizin, die gemäss eigenen Angaben mit der Universität Zürich affiliert ist. Sie hält weiterhin an Maisano als Aushängeschild fest: Für eine Veranstaltung, welche das ZHH im kommenden Juli in London durchführt, wird er als Redner und Sitzungsleiter aufgeführt. Das letzte Mal wurde Maisano von der Stiftung im Mai 2025 als Referent eingeladen. Die Einladung für die kommende Veranstaltung im Juli sei vor der Publikation des Untersuchungsberichts erfolgt, heisst es beim ZHH. Nicht beantwortet wird, weshalb die Stiftung trotz den seit Jahren bekannten Vorwürfen und der nun abgeschlossenen Untersuchung an Maisano festhält.Wie umgehen mit dem Fall Maisano? Darüber denken in der Schweizer Gesundheitsbranche momentan viele nach. Ausser zum individuellen Fehlverhalten stellen sich auch Fragen zum System dahinter. Welche Nähe darf zwischen Medizin und Industrie existieren, damit Innovation nicht über der Patientensicherheit steht? Wie missbrauchsanfällig sind die bestehenden Regeln zu Beteiligungen oder Nebenbeschäftigungen von Ärzten? Und welche finanziellen Vorteile können oder konnten sich fehlbare Ärzte im Gesundheitssystem sonst noch ergattern?«Wir mussten uns wehren», sagt der HandchirurgSpitzenärzte sind längst nicht mehr nur Ärzte. Sie forschen, entwickeln Implantate, beraten Firmen, sitzen vielleicht in einem Verwaltungsrat. Das ist gewollt, viele Kliniken rekrutieren explizit Ärzte mit Beziehungen zur Medtech-Industrie. Die Akademie der Medizinischen Wissenschaften schreibt in einem Bericht, die Zusammenarbeit liege im Interesse einer guten Gesundheitsversorgung und trage zum medizinischen Fortschritt bei. «Gleichzeitig kann sie Abhängigkeiten mit sich bringen und zu Interessenkonflikten führen.»«Es ist ein heikles Spannungsfeld», sagt einer, der es wissen muss: Daniel Herren, Chefarzt der Handchirurgie an der Zürcher Schulthess-Klinik. Er schilderte letztes Jahr in einem wissenschaftlichen Paper die Entwicklung eines eigenen Handimplantats als Balanceakt zwischen Forschung, Patientensicherheit und wirtschaftlichen Interessen. Das Problem, wenn Ärzte unternehmerisch tätig würden, seien nicht nur offensichtliche Fälle von Fehlverhalten wie bei Maisano, sondern ganz grundsätzlich der «Druck, Innovationen möglichst schnell zu kommerzialisieren», sagt Herren.Er erzählt eine selbst erlebte Geschichte, um dies zu veranschaulichen. «Im Fall eines neuartigen Implantats haben wir vereinbart, erst nach zehn Patienten und einem Jahr Tragedauer über den nächsten Schritt zu entscheiden. Doch unsere externen Partner versuchten schon nach fünf erfolgreichen Fällen, die Zulassung voranzutreiben und das Implantat breit auszurollen», sagt Herren. «Dagegen mussten wir uns richtig wehren.»Dass die Verstrickung von Medizin und Business schiefgehen kann, beschränkt sich im Fall des Zürcher Universitätsspitals (USZ) nicht nur auf den Fall Maisano, wie sich jetzt zeigt: Das Spital hat weitere kritische Fälle identifiziert. Im Juni 2025 setzte das USZ als Folge der Maisano-Affäre einen Compliance-Ausschuss ein. Dieser hat seither «potenziell kritische Interessenbindungen und Nebenbeschäftigungen» systematisch geprüft.Dabei identifizierte man rund zehn kritische Fälle, wie das USZ auf Anfrage bekanntgibt. Bei jenen Fällen, in denen Verstösse gegen die Compliance-Richtlinien festgestellt wurden, seien Sanktionen ausgesprochen worden. «Aus Vertraulichkeitsgründen» gibt das Spital keine weiteren Details bekannt.Der Fall Maisano zeigt die möglichen Probleme bei solchen Fällen exemplarisch. Er strebte mit seinen Implantaten nicht nur Millionendeals an, sondern soll auch oft unterwegs gewesen sein – für Kongresse und «industrienahe Aktivitäten», wie es im Untersuchungsbericht heisst. Seine fehlende Präsenz hat dazu geführt, dass die Klinik für Herzchirurgie organisatorische Mängel aufwies.Man reagiert auf SkandaleDas Bundesamt für Gesundheit (BAG) schlug kürzlich vor, die Verordnung über die Integrität und Transparenz im Heilmittelbereich anzupassen: Wer Medizinprodukte einsetzt, soll sich künftig «allein an medizinischen Gesichtspunkten orientieren». Finanzielle Beziehungen sollen nur noch erlaubt sein, wenn sie schriftlich geregelt und «angemessen» sind. Die Regeln von ganz oben sind offenbar nötig. Schweizweit existiert bis heute kein einheitliches Transparenzsystem, in dem finanzielle Verflechtungen und Interessenbindungen von Ärzten offengelegt werden. Und es zeigt sich ein Muster: Viele Spitäler reagieren erst dann, wenn ein Skandal virulent wird.So will das USZ erst jetzt ausweisen, welche Ärzte Beteiligungen an eigenen oder fremden Firmen oder Nebenbeschäftigungen haben. Ein entsprechendes Transparenzregister ist in Planung. Auch am Genfer Universitätsspital soll es nun erstmals ein solches Register geben, wie es auf Anfrage heisst. Das medizinische Personal müsse Nebentätigkeiten künftig deklarieren und bewilligen lassen, teilt das Spital mit. Bisher war das offenbar nicht der Fall.Andere Spitäler haben solche Register teilweise, die Zürcher Klinik Balgrist führt die entsprechenden Mandate und Beteiligungen auf ihren Websites laufend nach. Am Unispital Basel müssen Verwaltungsräte, Führungskräfte oder Chefärzte jährlich potenzielle Interessenkonflikte offenlegen; zusätzlich überprüft die Compliance-Stelle jedes Jahr systematisch Unternehmensbeteiligungen und Mandate des Personals.Die Hirslanden-Gruppe führte bereits 2019 ein Transparenzregister ein – allerdings erst nach Beschwerden zu einem Berner Chirurgen, der für die Gruppe tätig war. Dieser hatte eine von ihm mitentwickelte künstliche Bandscheibe implantiert, die im Körper zerbröselte und gravierende Komplikationen auslöste. Diesen Februar wurde er wegen schwerer Körperverletzung von einem Berner Regionalgericht zu 17 Monaten Freiheitsstrafe bedingt verurteilt.Wie viel Geld die Ärzte mit ihren Beteiligungen verdienen, ist aber auch bei der sonst so transparenten Hirslanden-Gruppe nicht bekannt. «Die Höhe der Erträge ist grundsätzlich Privatsache», schreibt das Unternehmen.Ein Pool voller GeldIm Fall Maisano werfen aber nicht nur seine Beteiligungen Fragen auf, sondern auch interne Geldflüsse am Zürcher Universitätsspital selbst. Bis vor wenigen Jahren verfügte dessen Herzklinik über einen Honorar-Pool, aus dem die Chefs ihrem Personal Zusatzbeiträge ausschütteten, die von Operationen an Zusatzversicherten stammten. Je mehr Operationen die Klinik durchführte, desto mehr Geld war im Pool.Im Untersuchungsbericht wurde diesen Geldflüssen offenbar nicht im Detail nachgegangen. Darin wird jedoch angedeutet, dass es dabei ebenfalls zu Verfehlungen Maisanos kam. Laut dem Bericht hat er «entgegen den Gepflogenheiten» auch den damaligen Manager der Herzklinik an den Zusatzhonoraren beteiligt. Tiefergehende Fragen dazu beantwortet das USZ nicht. Das Spital hat das Pool-System 2023 abgeschafft.Wie intransparent diese leistungsbezogenen Systeme sind, zeigt ein anderer Fall. So ist im schweizweit bekannten Rechtsstreit zwischen der Prix-Courage-Trägerin und Anästhesieärztin Natalie Urwyler und dem Berner Inselspital die Verteilung von Pool-Geldern ebenfalls ein Thema. Es geht seit Jahren um die Frage, ob Urwyler bei der Ausschüttung diskriminiert worden ist. Das Gericht ordnete ein Gutachten an zu der Frage, wer wie viel aus dem Pool erhalten hatte. Die Untersuchung förderte dann Bemerkenswertes zutage.So liess der Klinikdirektor seine Vertragsärzte einen Zusatzvertrag unterschreiben, mit dem sie ihm ihr Entscheidungsrecht bei der Vergabe der Gelder abtraten. Nach Reglement des Inselspitals hätten Chefarzt, leitender Arzt und Vertragsärzte jedoch im Konsens über die Verteilung entscheiden müssen. Das Inselspital schaffte das umstrittene Pool-System ebenfalls ab, wenn auch erst 2022.In anderen Spitälern wie beispielsweise in Genf werden die Honorarmodelle hingegen erst überarbeitet. Ob Pool-Gelder oder Beteiligungen: Nach dem Fall Maisano will niemand ein ähnliches Debakel riskieren. Ob ein neuer Skandal heute aber tatsächlich früh genug erkannt würde, bleibt mehr als offen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel