Francesco Maisano setzte eigene, unausgereifte Produkte ein – hat die kantonale Ethikkommission genug getan, um Patienten zu schützen? Erstmals spricht nun die Leiterin. Derweil trat der Chirurg diese Woche an einem Kongress auf – an der Seite eines Zürcher Kollegen.23.05.2026, 21.45 Uhr4 Leseminuten«Minimalinvasiv»: Die Methode Maisano führte gemäss dem Untersuchungsbericht zu desaströsen Resultaten.Halfpoint Images / Moment RF / GettyFrancesco Maisano ist zurück auf der grossen Bühne. Praktisch die ganze Woche hindurch moderierte er in Paris an einem der grössten Kardiologenkongresse Europas mehrere Panels. Am Donnerstagmorgen bestritt er eine Session zu Eingriffen an der Herzklappe, gemeinsam mit dem Kardiologen Maurizio Taramasso. Dieser hat früher am Universitätsspital (USZ) eng mit Maisano zusammengearbeitet und ist heute am Zürcher Hirslanden-Herzzentrum tätig. Die Hirslanden-Gruppe scheint mit dem gemeinsamen Auftritt kein Problem zu haben. Es habe sich um einen «rein fachlich-wissenschaftlichen Austausch» gehandelt, heisst es auf Anfrage.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dabei wird gegen Maisano mittlerweile sogar ermittelt. Gleich vier Zürcher Staatsanwälte untersuchen den Skandal rund um den ehemaligen Leiter der Herzklinik am USZ, wie diese Woche bekannt wurde. Es geht um die festgestellte Übersterblichkeit, den fahrlässigen Einsatz von Medizinalprodukten und um Interessenkonflikte. Ein Staatsanwalt für Wirtschaftsstrafrecht ist Teil des Teams und dürfte viele Fragen haben: Wie beeinflussten Maisanos Firmenbeteiligungen seine medizinischen Entscheidungen? Und hatten seine Patienten eine Chance, die Interessenbindungen zu erkennen?«10 000 Dollar pro Monat»Der kürzlich erschienene Untersuchungsbericht zum Skandal beschreibt Maisano als Chirurgen mit «wesentlichen wirtschaftlichen Interessen». Er war an Firmen beteiligt und hat experimentelle Produkte mitentwickelt. Wegen Kongressen und «industrienaher Tätigkeiten» sei Maisano «während rund 80 Arbeitstagen pro Jahr» physisch abwesend gewesen. Wie viel er gesamthaft damit verdient hat, sagt Maisano nicht. Im Bericht steht einzig, dass er von seinen zwei wichtigsten Firmen «10 000 Dollar pro Monat» erhalten habe.Dreizehn besonders kritische Anwendungen seiner Medizinprodukte wurden vom USZ-Spitalrat der Staatsanwaltschaft gemeldet. Maisano habe seine Produkte «unbedingt» einsetzen wollen, erzählen ehemalige Kollegen im Gespräch. Fielen die Verstrickungen nicht auf? Nein, denn das «Ethiksystem» habe eigentlich gar nicht funktioniert, sagen sie – und meinen damit nicht nur das USZ als Arbeitgeber, das primär zuständig war.Denn was bisher unbeachtet blieb: Im Untersuchungsbericht finden sich auch Vorwürfe gegen die kantonale Zürcher Ethikkommission. Im Rahmen von Studien und Versuchen mit seinen «medical devices» musste Maisano über Jahre hinweg Dokumentationen an die Ethikkommission übermitteln. Die rund 45 Mitglieder der Kommission, deren Geschäftsstelle der Gesundheitsdirektion von Natalie Rickli angegliedert ist, begutachten Humanforschungsprojekte und schauen sich dabei explizit auch Interessenbindungen an.Francesco MaisanoNZZMaisano hat gemäss dem Bericht nicht alle Interessenbindungen offengelegt. Doch dort, wo er es getan hat, hätte die Ethikkommission mehr tun können oder müssen – so insinuiert es der Bericht. Gemäss diesem sei «nicht erkennbar, dass die kantonale Ethikkommission systematisch Rückfragen getätigt oder gar Auflagen formuliert hätte, um den Schutz der Patienten vor den Risiken der sich aus den Interessenbindungen möglicherweise ergebenden Interessenkonflikte sicherzustellen».Die Ethikkommission habe auch Aufklärungsformulare zu experimentellen Medizinprodukten bewilligt, obwohl diese die Risiken und wirtschaftlichen Interessen nur ungenügend offengelegt hätten. Patienten hätten dadurch «den Eindruck» haben können, mit einem Produkt «mit bekannten und geringen Risiken behandelt zu werden», heisst es im Bericht.Hinzu kommt ein Quasi-Persilschein für Maisano aus dem Jahr 2020. Damals erklärte die Ethikkommission in ihrem Jahresbericht, es bestehe bei Maisano «keine offensichtliche Verletzung der gesetzlichen Bestimmungen und der generellen Anforderungen der guten klinischen Praxis».Blinde Flecken?Nun spricht in der Sache erstmals die Geschäftsführerin der Zürcher Ethikkommission, Annette Magnin – sie ist seit 2023 im Amt. Sie sei nie von der Untersuchungskommission kontaktiert worden, hält Magnin fest. Sie betont, das gesetzliche Mandat der Ethikkommission sei die Beurteilung individueller Forschungsprojekte anhand eingereichter Unterlagen. «Die Kommission übt hingegen keine umfassende Aufsicht über Institutionen, Sponsoren oder einzelne Forschende aus.» Die Verantwortung für die vollständige Offenlegung liege bei Forschenden und Institutionen.Anders gesagt: Die Kommission kontrollierte bei Maisano primär das, was ihr vorgelegt wurde. Ob zentrale Informationen fehlten oder Interessen verschleiert wurden, war nicht zwingend erkennbar, wenn das Dossier formal komplett vorlag.Trotz den Vorwürfen im Untersuchungsbericht sagt Magnin, es gebe keine Hinweise, dass die Kommission hätte anders entscheiden müssen. Doch damit bezieht sich Magnin nur auf damals geltende Vorschriften. Denn gleichzeitig hat sich laut Magnin seither viel verändert: «Seit der verschärften Medizinprodukteregulierung 2021 werden klinische Studien umfassender, systematischer und im Hinblick auf Verantwortlichkeiten sowie potenzielle Interessenkonflikte vertiefter geprüft.»Bei der Ethikkommission seien inzwischen auch interne Abläufe «angepasst» worden, sagt Magnin. Heute werde von Forschenden proaktiv verlangt, «komplexe Konstrukte» zu entflechten und Interessenbindungen, Verantwortlichkeiten und Finanzflüsse zu klären und offenzulegen. «Die Gesuchsteller müssen zu Doppelfunktionen Stellung nehmen, falls solche vermutet werden.»Eine chinesische WarnungOb ein zweiter Fall Maisano heute schneller erkannt würde? Seine Produkte werfen jedenfalls anhaltend Fragen auf. Im Fokus steht nicht mehr nur das Cardioband, ein Implantat zur Reparatur undichter Herzklappen. Das Produkt wurde 2017 für 340 Millionen Dollar an den amerikanischen Konzern Edwards verkauft, mittlerweile ist es aber nicht mehr zugelassen. Vermehrt stellen sich nun auch Fragen zur Herzklappenprothese Cardiovalve. Der chinesische Konzern Venus Medtech zahlte dafür 2021 gemäss Firmenmitteilung rund 300 Millionen Dollar. Beide Produkte wurden von Maisano mitentwickelt. Wie viel Geld wohin tatsächlich floss, bleibt nebulös.Brisant ist: Maisano setzte Cardiovalve bereits 2018 experimentell an einem Patienten ein, der kurz darauf verstarb. Den Fall beleuchtete später ein vom USZ beauftragtes Anwaltsbüro. Es konnte einen Zusammenhang zwischen dem Todesfall und der Prothese nicht ausschliessen. Der Fall erscheint heute in einem noch schieferen Licht. Wie Recherchen zeigen, ist das Produkt nämlich auch acht Jahre später immer noch nicht auf dem Markt, erst jetzt läuft eine erste Patientenstudie. Die chinesische Firma Venus druckt in ihren Finanzberichten den Hinweis: «Möglicherweise sind wir letztlich nicht in der Lage, Cardiovalve erfolgreich zu entwickeln und zu vermarkten.» Maisano äussert sich dazu nicht.Neben dem treuen Kreis von Kardiologen halten auch die ehemaligen Geschäftspartner noch zu Maisano. Am Kongress in Paris war eine von Maisanos Sessions von der amerikanischen Firma Edwards gesponsert, die ihm einst sein Cardioband abkaufte. Wie viel er für den Auftritt erhielt, ist nicht bekannt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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