Skandal um die Herzchirurgie: Was Zürichs Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli zur Kritik an ihrer Rolle sagtPolitiker monieren, angesichts offenkundiger Missstände hätte die SVP-Regierungsrätin früher auf eine Aufarbeitung drängen müssen.18.05.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenDie Rolle der Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli ist im Fall Maisano eine besondere.Ennio Leanza / KeystoneFür die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) muss es eine Erleichterung gewesen sein, als vor zwei Wochen der Untersuchungsbericht zum Skandal um die Herzklinik am Universitätsspital veröffentlicht wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar hat sich bestätigt, dass die Patientensicherheit an der Klinik während der Zeit des früheren Direktors Francesco Maisano gelitten hat. Dass die Sterblichkeit zu hoch war und dass an Patienten auf teilweise unzulässige Art neue Methoden erprobt wurden. Im Bericht stand aber auch, dass Rickli davon nichts wissen konnte. Denn der Spitalrat, quasi der Verwaltungsrat des Unispitals, beteuerte ihr gegenüber in der heissen Phase im Frühling 2020 noch, das Patientenwohl sei nie gefährdet worden.Ricklis Rolle ist eine spezielle. Nicht nur, weil sie im Gegensatz zu allen anderen damaligen Verantwortlichen, die auf öffentlichen Druck hin längst abgetreten sind, noch immer im Amt ist. Sondern auch, weil sich die Kritik an ihr oft auf die Jahre 2021 bis 2026 bezieht, die vom Bericht gar nicht abgedeckt wurden.Es geht im Kern darum, weshalb die Vorgänge am Unispital nach Maisanos Abgang nicht schneller und entschlossener untersucht worden sind, obwohl es um mögliche Straftaten geht, die nach zehn Jahren zu verjähren drohen. Die Gesundheitsdirektion nimmt auf Anfrage der NZZ zu drei kritischen Punkten Stellung.War Ricklis unmittelbare Reaktion angemessen?Als der Skandal Ende 2019 ins Rollen kommt, ist Rickli erst ein gutes halbes Jahr Gesundheitsdirektorin. Dass die Herzklinik durch eine hohe Mortalität aufgefallen ist, hat ihr bei Amtsübergabe niemand gesagt. Von Problemen erfährt sie erstmals Ende Januar 2020, ausgelöst durch die interne Meldung eines Whistleblowers, der sich um die Patientensicherheit sorgte.Noch während sie auf nähere Informationen wartet, tritt in Zürich der erste Covid-19-Fall auf. Es ist der Anfang der Pandemie, in der Ricklis Direktion schnell «von den Geschehnissen überrollt» werden wird, wie ein Bericht der Kantonsregierung später festhält.Trotz dieser Ausnahmesituation entfaltet die Gesundheitsdirektion erhebliche Aktivität in der Causa Maisano, nachdem sich der Whistleblower André Plass im April 2020 direkt bei ihr gemeldet hat. Rickli verlangt in erhöhter Kadenz Informationen vom Spitalrat, der für die operative Führung zuständig ist – und damit direkt auch für Maisano. Sie setzt durch, dass eine vom Spital in Auftrag gegebene Untersuchung ergänzt wird um Fragen, die der Whistleblower aufwirft. Sie selbst bestellt einen Bericht zu Fragen der Governance, der eine Reihe von Reformen auslösen wird.Rickli wird für diesen Ansatz Jahre später kritisiert: Obwohl die Gesundheitsdirektorin die allgemeine Aufsicht über das Spital habe, habe sie sich damals, im Sommer 2020, auf die organisatorische Ebene zurückgezogen. Die Aufklärung der gemeldeten Missstände habe sie dem Spitalrat überlassen, obwohl dieses Gremium wegen der überhasteten Ernennung Maisanos zum Klinikchef Teil des Problems gewesen sei. Und obwohl Rickli dem Spitalrat selbst misstraute, weil sie sich durch diesen zu spät und irreführend informiert fühlte.Anfang 2021 gelangte eine externe Untersuchung im Auftrag des Spitals zu dem Fazit: keine Patienten gefährdet unter Maisano, kein strafrechtlich relevantes Verhalten. Die Gesundheitsdirektion sah damals nach eigenen Angaben keinen Anlass, daran zu zweifeln.Auf die Kritik an Ricklis Vorgehen erwidert die Gesundheitsdirektion, diese habe damals getan, was im Rahmen geltender Gesetze möglich gewesen sei. Als oberste Aufseherin habe sie den Spitalrat bloss zur Aufklärung und zur Sicherstellung der Patientensicherheit auffordern können. Sanktionsmöglichkeiten habe es nicht gegeben.Das wäre künftig in einer ähnlichen Krise anders, betont die Gesundheitsdirektion – aufgrund jener Reformen, zu denen Rickli im Sommer 2020 den Anstoss gab, um ihre Aufsichtsrolle zu stärken. Bei schwerwiegenden Verfehlungen könnte sie Spitalratsmitglieder abberufen, zudem könnte sie vom Spitalrat eine Administrativuntersuchung verlangen oder sogar selbst eine anordnen.Wusste Rickli früher Bescheid, reagierte aber nicht?Dies ist ein Vorwurf, den vor allem das Portal «Inside Paradeplatz» erhebt, basierend auf Insiderinformationen. Der Chirurg Paul Vogt, der als Nachfolger von Maisano an der Herzklinik für Ordnung sorgte, schickte Rickli im März 2022 eine Zwischenbilanz. Sinngemäss: Die Sterblichkeitsrate sei wieder im grünen Bereich, anders als noch unter Maisano. Er schloss ab mit dem Angebot, genau zu dokumentieren, wie sich dies unter seinem Vorgänger verhalten hatte. Eine Kommission des Parlamentes hatte im Jahr zuvor empfohlen, der erhöhten Mortalität auf den Grund zu gehen.Die Gesundheitsdirektion bestätigt auf Anfrage den Erhalt dieses Schreibens und seinen Inhalt. Spätestens zu jenem Zeitpunkt, so die Kritik, wusste Rickli also Bescheid über eine erhöhte Mortalität unter Maisano – und dies hätte Grund für Zweifel an der entlastenden externen Untersuchung des Spitals von 2021 sein müssen. Die simple Logik: Wo eine Zeitlang mehr Patienten gestorben sind, kann es um die Patientensicherheit nicht zum Besten bestellt gewesen sein.Rickli bat Paul Vogt in ihrer Antwort, er solle sich mit dem Vorschlag, die Mortalität in der Ära Maisano zu beleuchten, an den Spitalrat wenden. Laut der Gesundheitsdirektion hätte es nicht den «vorgesehenen institutionellen Wegen» entsprochen, so etwas am Spitalrat vorbei zu machen. Zudem habe sie zu jenem Zeitpunkt – wie bereits erwähnt – noch gar nicht über eine gesetzliche Grundlage verfügt, um selbst eine Untersuchung anzuordnen.Hätte Rickli mehr tun können, als sie behauptet?Im April 2024 machte Paul Vogt während eines Gerichtsprozesses seine Einschätzung zur erhöhten Sterblichkeit unter Maisano öffentlich. Die Darstellung des Spitals, dass damals keine Patienten zu Schaden gekommen seien, sei nicht länger haltbar. Dieser Auftritt war der Auslöser dafür, dass der Spitalrat kurz darauf einen neuen Untersuchungsbericht bestellte. Jenen, der Vogts Vorwurf nun, zwei Jahre später, bestätigt hat.Im Kantonsparlament forderten drei FDP-Politikerinnen um Linda Camenisch nach Vogts Auftritt «endlich eine transparente und vollständige Aufarbeitung» der Zustände in der Herzklinik unter Maisano. Später doppelten sie nach: Warum Rickli nicht selbst eine Untersuchung in Auftrag gebe? Und ob sie Kontakt zur Staatsanwaltschaft aufgenommen habe?Die Sorge, die dabei zum Ausdruck kam: Die Sache werde verschleppt. Bis der Sachverhalt geklärt ist, könnte es zu spät sein, um noch jemanden strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Rickli reagierte darauf, indem sie ein weiteres Mal erklärte, welche Möglichkeiten ihr die Rolle der allgemeinen Aufsicht über das Spital gebe – und welche nicht.Die gesetzlichen Grundlagen waren zwar zu jenem Zeitpunkt bereits ein erstes Mal revidiert worden, und in den Ausführungen dazu heisst es, die Gesundheitsdirektion müsse «sofort einschreiten», wenn sie bedeutsame Unregelmässigkeiten feststelle. Sie darf aber weiterhin nicht am Spitalrat vorbei handeln, um das komplexe Führungsgefüge nicht durcheinanderzubringen, sondern kann den Spitalrat nur verbindlich dazu auffordern, für Ordnung zu sorgen. Mit einer Ausnahme: Bei gesundheitspolizeilichen Missständen darf die Gesundheitsdirektorin direkt in das Geschehen am Unispital eingreifen. Wenn also das Wohlergehen der Bevölkerung bedroht ist.Die Kritikerinnen im Kantonsparlament zeigten sich überzeugt: In der Herzklinik herrschten genau solche Missstände, Rickli hätte aktiv werden müssen. Auf diesen Vorwurf erwidert die Gesundheitsdirektion, dass die gesundheitspolizeiliche Aufsicht nur in konkreten Fällen greife. Das sei etwas ganz anderes als eine Administrativuntersuchung mit dem Ziel einer umfassenden Aufarbeitung der Vergangenheit.Zudem sei eine grosse Zahl von Todesfällen erstmals im April 2024 ins Feld geführt worden, als Paul Vogt vor Gericht davon sprach. Kurz darauf habe das Spital angekündigt, eine umfassende Untersuchung in die Wege zu leiten. Die Möglichkeit, dass die Gesundheitsdirektion selbst eine Administrativuntersuchung anordne, werde erst ab 2027 bestehen, basierend auf einem Regierungsbeschluss von Ende April.Passend zum Artikel