Pro ArtikelDas Erbe eines verlorenen Krieges – der Einsatz in Afghanistan hat die Nato verändertZwanzig Jahre lang führte die Nato einen Krieg fern ihrer Grenzen. Afghanistan machte ihre Armeen kampferprobt, offenbarte aber auch Grenzen der Bündnissolidarität. Beides wirkt bis heute nach. Teil 10 der «NZZ Pro»-Serie zu 9/11.09.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin deutscher Soldat im Heck eines Transporthelikopters vom Typ CH-53 in Nordafghanistan im Jahr 2008.Fabrizio Bensch / ReutersDie Nato-Staaten im Baltikum plagt seit langem eine Sorge: Stehen die Verbündeten im Kriegsfall für ihre Partner in Osteuropa ein, wenn Russland angreift? Kommen sie mit Truppen zu Hilfe, auch auf die Gefahr hin, dass der Krieg eskaliert und sich nach Mittel- und Westeuropa ausweitet?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Fragen berühren den Kern der Nato. Wenn der Beistandspakt unglaubwürdig wird, verliert die Allianz ihre Glaubwürdigkeit und Abschreckung. Doch wie weit würden die Verbündeten bei der Verteidigung und Unterstützung ihrer Partner wirklich gehen?Diese Frage stellt sich nicht zum ersten Mal. Der Krieg in Afghanistan in den Jahren von 2001 bis 2021 zeigte etwas, das auch für die heutige Lage gilt: Es kann in der Allianz einen erheblichen Unterschied zwischen politischer Bündnissolidarität und militärischer Risikoteilung geben.Es gibt in der Nato keinen Zwang, den anderen mit Truppen und Waffen beizustehen. Die Beistandspflicht nach Artikel 5 bedeutet nicht, dass alle Nationen mit ihren Armeen nach einem identischen Mechanismus in den Krieg ziehen müssen. Jeder Verbündete leistet die Hilfe, die er für notwendig erachtet.Unterschiedliche RisikobewertungenDer Krieg in Afghanistan zeigte, wozu das führen kann. Es war zwar ein Kampf gegen Aufständische und nicht gegen einen hochgerüsteten und atomar bewaffneten Gegner wie Russland. Dennoch hat er eine Frage aufgeworfen, die heute vor allem für die Staaten entlang der russischen Grenze existenziell sein kann: Was lässt sich aus Afghanistan darüber lernen, wie ein Militärbündnis aus souveränen Demokratien einen Krieg führt, wenn seine Mitglieder die Risiken unterschiedlich bewerten?25 Jahre 9/11Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben Amerika und die Welt verändert. Wie prägen sie Geopolitik und Weltwirtschaft noch heute?Alle Artikel dieser Serie anzeigenDie verschiedenen Sichtweisen über den Nato-Einsatz in Afghanistan zeigten sich bereits wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Zum ersten und einzigen Mal aktivierte die Allianz den Beistandsartikel. Der darauffolgende Krieg führte sie Tausende Kilometer von den Bündnisgrenzen weg. Zunächst jagten Spezialkräfte in Süd- und Ostafghanistan versprengte Kräfte von al-Kaida, damals noch unter der von den USA geführten Anti-Terror-Mission «Enduring Freedom».Schon damals beteiligte sich Deutschland und fiel von Anfang an durch seine politischen und rechtlichen Beschränkungen auf. Die Regierung in Berlin limitierte den Radius der Truppen und regulierte ihre Missionen. So durften sie etwa grundsätzlich Terroristen bekämpfen, aber nicht gefangen nehmen.Damit wollte die deutsche Regierung vermeiden, dass ihre Soldaten Personen festnehmen, die anschliessend in ein amerikanisches Gefangenenlager überstellt werden müssen. Dort drohte aus Berliner Sicht eine menschenrechtswidrige Behandlung. Die Amerikaner verhörten damals viele Gefangene in Geheimgefängnissen.Amerikanische Soldaten im Jahr 2005 in Ostafghanistan, kurz nachdem sie von einem Helikopter vom Typ CH-47 Chinook abgesetzt wurden.Tomas Munita / APDie schweren Divisionen haben ausgedientAnfangs brauchte jede Operation, an der die deutschen Soldaten damals beteiligt waren, die Zustimmung des Verteidigungsministeriums. Später beschleunigte Berlin zwar die Verfahren, aber die nationalen Vorbehalte blieben bestehen. Für die Kommandanten vor Ort, meist Amerikaner, bedeutete es ein kaum akzeptables Hindernis, wenn sie erst durch die nationale Befehls- und Genehmigungskette mussten, um Deutsche teilnehmen lassen zu können.Operationen von Spezialkräften leben davon, dass die Soldaten ein Zeitfenster von mitunter wenigen Stunden nutzen können. Doch Deutschland wollte seine Soldaten nicht mit derselben operativen und politischen Freiheit einsetzen wie die Amerikaner.Als der westliche Einsatz in Afghanistan bereits einige Jahre lief, verlangte die Nato von ihren Mitgliedern, leichtere, mobile und schnell verlegefähige Streitkräfte aufzustellen. Die schweren Divisionen des Kalten Krieges hatten ausgedient. Sie standen für einen Krieg von gestern. Der Einsatz in Afghanistan wurde zum militärischen Leitmodell einer Epoche.Sorry, wir haben selbst genug zu tunDenn was als gutgemeinte Stabilisierungsmission begonnen hatte, mündete schon bald in einem Krieg. Mit jedem Jahr gerieten die Nato-Truppen stärker in einen Konflikt, den die Taliban gegen den neuen afghanischen Staat und seine westlichen Unterstützer führten.Viele Nato-Nationen, auch Deutschland, mussten erstmals kämpfen. Das prägte eine ganze Soldatengeneration. Die Bundeswehr erlebte ihre Feuertaufe, als sie in ihrem Einsatzgebiet in Nordafghanistan immer stärker unter Druck der Taliban geriet. Es gab Gefallene und Verwundete.Vor allem in Südafghanistan forderten die Kämpfe viele Opfer unter den amerikanischen, britischen und kanadischen Truppen. In Anbetracht des heftigen Widerstands der Taliban bat der Nato-Kommandant in Kabul auch Deutschland, den Verbündeten zu helfen. Doch Berlin und andere Staaten wollten keine Truppen schicken. Sie beriefen sich darauf, in ihrem Einsatzgebiet genug zu tun zu haben.Eine Patrouille deutscher Fallschirmjäger am Rand von Kunduz im Jahr 2008. Damals begann der Aufstand der Taliban gegen die westlichen Truppen und die Regierung in Kabul auch in Nordafghanistan.Anja Niedringhaus / APKanada droht mit TruppenabzugDie Haltung der Verbündeten sorgte dafür, dass Kanada damit drohte, seine Truppen abzuziehen. Der damalige Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer mahnte, die Einschränkungen einzelner Länder in Afghanistan sorgten dafür, dass die Zukunft der Nato insgesamt eingeschränkt werde. Am Ende stockten die Amerikaner ihre Truppen auf.Die amerikanische Regierung reagierte auf die Weigerung der Alliierten damals noch diplomatisch. Verteidigungsminister Robert Gates warnte vor einer «two-tiered alliance», einer Nato, in der einige bereit seien, zu kämpfen und zu sterben, und andere nicht. Donald Trump wurde einige Jahre später deutlicher. Er bezeichnete die Bündnispartner als sicherheitspolitische Trittbrettfahrer und drohte mit dem Rückzug aus der Nato, wenn sie nicht bereit seien, mehr Lasten zu tragen.Vor allem die deutsche Politik warf Zweifel an ihrer Bündnispolitik auf. Immer wieder stimmten die Vertreter aus Berlin den Nato-Plänen für Afghanistan zu. Im Einsatzgebiet aber verfolgte die Regierung mitunter eine andere Strategie. Das zeigt das Beispiel eines Kampfbataillons der afghanischen Armee im Jahr 2007. Es war von deutschen Soldaten monatelang ausgebildet und beraten worden und sollte von Kunduz nach Kandahar verlegt werden.Die Afghanen baten die Bundeswehr, ihnen die gut zwanzig Ausbilder und ein paar Dutzend Unterstützungskräfte mitzugeben. Militärisch hätte das Sinn ergeben. Die deutschen Militärberater hätten direkt im Einsatz auf ihre Schützlinge einwirken können. Doch Berlin berief sich auf das Bundestagsmandat, also auf politische und rechtliche Beschränkungen. Das Mandat schrieb den Einsatzraum der Soldaten auf Nordafghanistan und Kabul fest.Für die Verbündeten im Süden aber lautete die Frage, wie weit Solidarität geht, wenn es gefährlich wird. Nicht dass die Deutschen in Afghanistan nicht kämpften. Vor allem der Raum Kunduz geriet zum Schauplatz schwerer Gefechte mit zahlreichen Gefallenen. Deutschland war nicht grundsätzlich unwillig, Truppen in den Kampf zu schicken. Aber es wollte politisch darüber entscheiden, wo, wann und unter welchen Umständen seine Soldaten kämpften, und diese Entscheidung nicht einem Nato-Kommandanten überlassen.Das machten andere Länder auch so, aber es war ein Problem. Die operationellen Erfordernisse in Afghanistan deckten sich oft nicht mit den politischen Bedenken in den Hauptstädten. Die deutsche Bevölkerung etwa goutierte den Einsatz fern der Heimat schon lange nicht mehr. Jeder Gefallene und jeder Verwundete brachte die deutsche Regierung mehr in Erklärungsnot, was die Soldaten in Afghanistan erreichen sollten. Zugleich verschlechterte sich die Lage in Afghanistan immer weiter.Trauerfeier für zwei gefallene Fallschirmjäger der Bundeswehr in Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) im Oktober 2008. Sie wurden bei einem Selbstmordattentat in der Nähe von Kunduz getötet.Mario Vedder / GettyEuropas strategische Abhängigkeit von den USAAls die Amerikaner unter Donald Trump mit den Taliban im Jahr 2020 einen Abzug aushandelten und Joe Biden 2021 die Heimkehr der Truppen anordnete, gab es bei den Verbündeten keine Bereitschaft mehr, den Einsatz fortzusetzen. Zwanzig Jahre gemeinsamer Krieg hatten die europäischen Armeen im Bündnis interoperabel gemacht, aber nicht strategisch unabhängig von den Amerikanern. So ist es auch heute noch.Während die Nato lernte, einen anderen Krieg zu führen, kehrte der alte Krieg zurück. Der Einsatz in Afghanistan dauerte zwanzig Jahre. Aber für die europäischen Nato-Staaten war es kein zwanzigjähriger Krieg, in dem sie einer permanenten Mobilisierung, Angriffen auf eigene Städte und einer Kriegswirtschaft unterworfen waren.Als die Nato vor fünf Jahren Afghanistan geschlagen und erschöpft verliess, verfügte sie kaum noch über Fähigkeiten für einen grossen Krieg in Europa. Heute gleicht sie kaum noch der Allianz von 2021.Doch zwei Probleme der Afghanistan-Epoche existieren bis heute. Der immense Bedarf an Waffen lässt sich nicht von heute auf morgen decken. Das ist das erste Problem. Das zweite liegt auf der politischen Ebene. In Afghanistan konnten Deutschland und andere Staaten sagen, dass ihre Soldaten nicht nach Kandahar gingen. Es hatte keine existenziellen Folgen für einen Nato-Partner. In einem Krieg gegen Russland wäre ein solcher Vorbehalt jedoch weitaus folgenreicher.6 Kommentaremete karakaya vor 3 StundenIch hoffe die NZZ erkennt auch den Zusammenhang zwischen dem War on Terror und die damit geschaffenen Grundlagen für die Weltwirtschaftskrise 2008.
25 Jahre nach 9/11: Der «War on Terror» hat die Nato verändert
Zwanzig Jahre lang führte die Nato einen Krieg fern ihrer Grenzen. Afghanistan machte ihre Armeen kampferprobt, offenbarte aber auch Grenzen der Bündnissolidarität. Beides wirkt bis heute nach. Teil 10 der «NZZ Pro»-Serie zu 9/11.















