Pro ArtikelNach den Anschlägen von 9/11 zogen die USA in den Krieg – wie der «War on Terror» die Welt verändert hatGeorge W. Bush wollte den islamistischen Terrorismus ein für alle Mal besiegen. Doch dann begannen die Komplikationen. Wie ist die Bedrohungslage heute?08.09.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenGeorge W. Bush spricht am 20. September 2001 vor dem Kongress und schwört sein Land auf den «War on Terror» ein.Pool / GettyAm 20. September 2001, neun Tage nach den verheerenden Anschlägen auf die USA mit rund dreitausend Toten, trat Präsident George W. Bush vor den amerikanischen Kongress und sagte: «Unser Krieg gegen den Terror beginnt mit al-Kaida, aber er endet nicht dort. Er wird erst enden, wenn jede Terrororganisation mit globaler Reichweite aufgespürt, gestoppt und besiegt worden ist.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenige Wochen später fielen die ersten Bomben auf Afghanistan – der «Global War on Terror» hatte begonnen. Es sollte ein langer Krieg werden. Doch war er auch erfolgreich?Internationale Rückendeckung für die USABush hatte ein Maximalziel vorgegeben: Ein für alle Mal sollte der islamistische Terror gegen die USA und den Westen aus der Welt geschafft werden. In diesem Anspruch spiegelte sich die fundamentale Erschütterung, die 9/11 in den USA ausgelöst hatte. Plötzlich war Terrorismus nicht mehr ein Problem, mit dem man sich in weit entfernten Weltgegenden herumschlagen musste. Stattdessen wurde er nun als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Washington fürchtete, dass die nächste Attacke jederzeit erfolgen könnte. Diese Geisteshaltung sollte das amerikanische Vorgehen über Jahre prägen.Auch die Reaktion auf internationaler Ebene war präzedenzlos. Schon am Tag nach den Anschlägen hatte der Uno-Sicherheitsrat einstimmig das Recht der USA auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung bekräftigt und damit – zumindest aus amerikanischer Sicht – eine völkerrechtliche Grundlage für einen grossen Krieg gelegt.25 Jahre 9/11Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben Amerika und die Welt verändert. Wie prägen sie Geopolitik und Weltwirtschaft noch heute?Alle Artikel dieser Serie anzeigenEinige Tage später folgte die Resolution 1373, mit welcher der Sicherheitsrat alle Uno-Mitgliedsstaaten dazu verpflichtete, Terrorfinanzierung zu unterbinden sowie terroristische Aktivitäten und ihre Unterstützung zu kriminalisieren. Nie zuvor hatte das Gremium einen derart weitreichenden Beschluss gefasst. Die Bekämpfung von Terrorismus wurde zum globalen Gesetz.Die Nato wiederum aktivierte zum ersten und bislang einzigen Mal den Artikel 5 ihrer Charta, laut dem ein Angriff auf einen Verbündeten als Angriff auf alle Bündnisstaaten gewertet wird. Es war ein sicherheitspolitischer Paradigmenwechsel, der den globalen Schockzustand nach 9/11 verdeutlichte. Innert kürzester Zeit entstand eine internationale Koalition unter der Führung der USA: So zogen neben amerikanischen Soldaten auch deutsche, kanadische, britische oder australische Truppen ins Gefecht nach Afghanistan, wo die Kaida vom Taliban-Regime protegiert wurde. Zugleich lancierte Washington Anti-Terror-Operationen auf den Philippinen oder am Horn von Afrika.Rasch konnte die von den USA angeführte Koalition erste Erfolge verzeichnen: Am 13. November 2001 fiel die afghanische Hauptstadt Kabul, die Taliban und die Terroristen der Kaida flohen in den gebirgigen Osten des Landes und nach Pakistan.Doch spätestens dann begannen die Komplikationen im «War on Terror»: Einerseits lancierten die Islamisten in den Bergen einen Guerillakampf, den die USA während Jahren kaum wirksam unterbinden konnten. Andererseits band ab 2003 ein weiterer Krieg im Namen der Terrorbekämpfung amerikanische Kräfte: die Invasion des Iraks. Washington legitimierte sein Vorgehen mit der Behauptung, dass das Regime von Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge. Doch solche wurden nie gefunden. Dennoch dauerte der Irak-Krieg rund neun Jahre.Ein kanadischer Soldat verscheucht während einer Patrouille im afghanischen Kandahar ein Huhn. Wenig später werden die Soldaten in ein Feuergefecht verwickelt.Anja Niedringhaus / APDer «War on Terror» kostete 8000 Milliarden Dollar25 Jahre nach 9/11 kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass der Krieg gegen den Terror spektakulär gescheitert ist: Der 20-jährige Einsatz in Afghanistan endete 2021 mit der Rückkehr der Taliban an die Macht. Der Irak-Krieg destabilisierte den Nahen Osten und schuf den Nährboden, auf dem der sogenannte Islamische Staat (IS) sein mörderisches Kalifat errichten konnte, das in einem weiteren jahrelangen Krieg zerschlagen werden musste. Die Lüge der irakischen Massenvernichtungswaffen, aber auch die Enthüllungen um weltweite geheime Einrichtungen («black sites») der CIA oder um das Foltergefängnis Abu Ghraib ramponierten international den Ruf der USA.Dazu kommen die wirtschaftlichen und menschlichen Kosten des «War on Terror»: Wie die Brown University errechnet hat, hat die Terrorbekämpfung der USA seit 9/11 insgesamt 8000 Milliarden Dollar gekostet. 940 000 Menschen wurden durch Kampfhandlungen getötet, bis zu 3,8 Millionen könnten an indirekten Kriegsfolgen gestorben sein. 38 Millionen Menschen im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Jemen und den Philippinen wurden von den Kämpfen vertrieben.Vor diesem Hintergrund sagt Thomas Renard: «Man kann kaum zu einem anderen Schluss kommen, als dass dieser weltweite Krieg gegen den Terror ein massiver strategischer Fehlschlag war.» Der Direktor des International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) in Den Haag verweist dabei nicht nur auf die amerikanischen Einsätze, sondern etwa auch auf die Sahel-Zone, wo die Franzosen im Kampf gegen islamistische Gruppierungen in Mali oder Niger ebenso gescheitert seien. «Dazu kommt, dass die USA durch die Fokussierung auf den Krieg gegen den Terror womöglich zwei Jahrzehnte des ‹unipolaren Moments› verschwendet haben, in denen China aufsteigen konnte.»Andere halten diese Kritik jedoch für verkürzt. So zieht Daniel Byman, Terrorismusexperte am Center for Strategic and International Studies (CSIS), ein nuancierteres Fazit: «Was die Verteidigung der USA angeht, war der Krieg gegen den Terror sehr erfolgreich.» Es sei in den USA nie mehr zu einem Anschlag von vergleichbarer Dimension gekommen, auch in Europa sei die Zahl der Angriffe zurückgegangen. Der IS und die Kaida seien nachhaltig geschwächt, ihre Führungspersonen getötet worden. Aber auch Byman gesteht ein, dass die Kosten enorm gewesen seien. Und er sagt: «Die Bemühungen der USA, Gesellschaften und Regionen zu transformieren, sind fast vollständig gescheitert.»Nach der Invasion des Iraks wächst in den USA der Protest gegen den «War on Terror»: Plakate in Kalifornien zeigen eine Folterszene aus dem Gefängnis Abu Ghraib.David McNew / GettyDer Aufstieg des «Fast-Food-Terrorismus»Die Frage nach dem Erfolg des «War on Terror» ist also nicht zuletzt eine der Perspektive. Nimmt man die «Ein für alle Mal»-Zielsetzung von George W. Bush als Messlatte, ist die Bilanz dürftig: Der endgültige Sieg über den islamistischen Terrorismus ist ausgeblieben. Den USA ist es nicht gelungen, aus Afghanistan und dem Irak blühende, vom Jihadismus befreite Demokratien zu machen. Doch gleichzeitig konnten die Machtzentren von al-Kaida und dem IS zerschlagen werden. In Afghanistan gibt es keine Ausbildungslager für Terroristen mehr. Heute verfügt laut Experten keine Terrororganisation über die organisatorischen und finanziellen Fähigkeiten, einen Anschlag in der Grössenordnung von 9/11 durchzuführen.Daniel Byman, der als Teil der 9/11-Kommission an der Aufarbeitung der Anschläge beteiligt war, führt das insbesondere auf die weltumspannende Kooperation von Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden zurück, die sich nach den Anschlägen von 2001 etabliert und professionalisiert hat: «Durch den Austausch von Informationen über Personen, Standorte, Telefongespräche und den Geldtransfer ist es für Terrororganisationen viel schwieriger geworden, grosse Anschläge zu planen und durchzuführen.»Aus westlicher Sicht lautet deshalb die entscheidende Frage, wie sich die Bedrohungslage heute präsentiert. In einem aktuellen Bericht zur globalen Terrorismusgefahr spricht die Denkfabrik CSIS von einer «zunehmend komplexen und unvorhersehbaren Gefahrensituation». So seien islamistische Terrorgruppen wie al-Shabab oder JNIM in Afrika in den vergangenen Jahren wieder erstarkt, ebenso al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel oder der IS in Syrien. Zwar seien die Interessen dieser Gruppen primär regional, und es bestehe keine Absicht, die USA anzugreifen. Aber: Es gebe keine Garantie, dass dies so bleibe.Thomas Renard vom ICCT in Den Haag verweist zudem darauf, dass westliche Staaten ihr Engagement im Bereich der globalen Terrorbekämpfung zurückgefahren hätten: «Wir verlassen uns zunehmend auf lokale Regierungen, diese Bemühungen voranzutreiben – mit beschränkter internationaler Unterstützung.» Es seien Truppen abgezogen und Präventionsprogramme zusammengestrichen worden. «Das verheisst nichts Gutes für die Zukunft. Vielen dieser Länder fehlen schlicht die Ressourcen, selbständig zu handeln.»Derweil hat sich die Bedrohungslage auch auf amerikanischem und europäischem Boden verändert. Grosse, koordinierte Anschläge wie in Paris 2015 oder Brüssel im Jahr 2016 hat es in den vergangenen Jahren kaum mehr gegeben. Stattdessen kommt es vermehrt zu Attacken von radikalisierten Einzeltätern. Diese Angriffe fordern zwar weniger Todesopfer, sorgen aber dennoch für ein latentes Bedrohungsgefühl in der Bevölkerung und sind für die Sicherheitskräfte schwieriger zu antizipieren.Dieses Phänomen könne man als «Fast-Food-Terrorismus» bezeichnen, sagt Thomas Renard. «Es handelt sich um jüngere Täter, die sich viel schneller radikalisieren und sich weniger für eine Ideologie denn für Gewalt interessieren.» Befeuert werde dies durch die massenhafte Produktion von extremistischen und terroristischen Propagandainhalten, die in den sozialen Netzwerken verbreitet würden. Auch Daniel Byman von CSIS beobachtet diese Entwicklung mit Sorge: «Extremistische Ideen sind heute verbreiteter, als sie vor 25 Jahren waren.»Im Jahr 2016 erreicht der Terror die belgische Hauptstadt Brüssel: Zwei Selbstmordattentäter des IS sprengen sich in die Luft und reissen 32 Menschen in den Tod.Olivier Polet / Corbis / GettyTerrorismus als Störfaktor?Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 2004, drei Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center, sagte der demokratische Kandidat John Kerry in einem Interview: «Wir müssen wieder an einen Punkt kommen, an dem Terroristen nicht im Mittelpunkt unseres Lebens stehen, sondern lediglich ein Störfaktor sind.» Damals sorgte der Satz für grosse Empörung. George W. Bush warf Kerry eine naive und gefährliche Denkweise vor – das Ziel müsse sein, den Terror zu besiegen und Freiheit auf der Welt zu verbreiten. Wenig später wählten die Amerikaner Bush für eine zweite Amtszeit.Letztlich entspricht Kerrys Forderung im Wesentlichen dem, was mit dem «War on Terror» erreicht wurde. Eine Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus existiert zwar weiterhin, aber sie dominiert im Westen nicht den Alltag. Geheimdienste und Behörden sind besser gerüstet, um Gefährder zu erkennen und Anschläge zu verhindern. Doch Bushs Ziel, den Terrorismus ein für alle Mal zu besiegen, wird sich wohl nie erreichen lassen.2 KommentareBettina Hackel Gestern1 EmpfehlungFast untergegangen sind nach den Anschlägen auf die Towers mit rund 3000 Opfern die nachfolgenden heimtückischen Attacken mit Anthrax. Mein Ehemann Alex und ich lebten damals in Ft. Lauderdale, als in unserer Nachbar-Gemeinde Boca Raton eine Frau diesem Gift zum Opfer fiel. Es lag in ihrem Briefkasten. Auch so wird Terror unters ahnungslose Volk gebracht.Marc Anderson GesternIch finde es war die richtige Strategie. Krieg ist Krieg, das kostet und Menschen sterben. Aus Afghanistan wäre ich allerdings nicht abgehauen, stattdessen sind breitere Allianzen nötig, auch im Krieg gegen die Terrorregime im Iran und in Russland. Irgendwas muss man damit doch tun, wenn man über diese gewaltigen Arsenale verfügt. Heute wäre ein War on Terror 2.0 viel zielgenauer. Man weiß wo die neuen BinLadens hocken.Passend zum Artikel