PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2001„Es hat die westliche Welt, es hat uns alle getroffen“Stand: 07:28 UhrLesedauer: 5 MinutenDer Einschlag der zweiten entführten Boeing am 11. September 2001 um 9.03 Uhr Ortszeit in den Südturm des World Trade Centers; der Nordturm brennt bereitsQuelle: picture alliance/AP Photo/CHAO SOI CHEONGDer schlimmste Terrorangriff aller Zeiten traf am 11. September 2001 New York und Washington. 2964 Menschen starben und machten diesen Dienstag zur historischen Zäsur. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Eigentlich war der 11. September 2001 ein schöner Tag. Die Sonne schien spätsommerlich auf New York an diesem Morgen, bei leichtem Wind. Alles deutete auf einen stressfreien Dienstag hin. So sah es auch Ben Sliney, der seine erste reguläre Schicht als neuer National Operations Manager der US-amerikanischen Federal Aviation Administration (FAA) zu absolvieren hatte. Der knapp 56-Jährige hatte es auf seine Traumposition geschafft: Er war nun oberster Chef aller zivilen Fluglotsen in den USA.„Ich dachte mir, dass ich den Tag ruhig angehen lassen würde“, erinnerte sich Sliney: „Bei einer Tasse Kaffee mit einigen Leuten reden und so langsam in meinen Job hineinrutschen.“ Ein schöner Plan – bis genau um 8.28 Uhr. Denn da erfuhr der FAA-Verantwortliche, dass ein Flugzeug im US-Luftraum entführt worden war und Terroristen das Kommando übernommen hatten. Die folgenden zwölf Stunden gingen als der schlimmste halbe Tag aller Zeiten in die US-Geschichte ein. Nie zuvor wurde das Selbstbewusstsein der Supermacht stärker herausgefordert; annähernd ähnlich war es höchstens nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 gewesen, dem die Teilnahme der USA am Zweiten Weltkrieg folgte.Zwölf Stunden lang steigerte sich am 11. September der Horror gefühlt immer weiter. Auf den Einschlag des ersten entführten Flugzeugs ins World Trade Center (WTC) um 8.46 Uhr folgte die vorsätzliche Kollision eines weiteren mit dem anderen Turm des höchsten Gebäudes New Yorks um 9.03 Uhr. Um 9.37 Uhr stürzte eine dritte Maschine ins Pentagon, und angesichts dessen ordnete Ben Sliney um 9.40 Uhr zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt ein totales Flugverbot über Nordamerika an. Um 9.50 Uhr brach der Südturm des WTC zusammen; um 10.03 Uhr stürzte eine weitere entführte Boeing über Pennsylvania ab. Der zweite WTC-Turm kollabierte um 10.28 Uhr. Um 11.02 Uhr erging der Befehl, das gesamte südliche Manhattan zu evakuieren; um 17.20 Uhr brach ein drittes Hochhaus, das WTC 7, durch die Beschädigungen beim Einsturz der anderen Wolkenkratzer zusammen. Um 20.30 Uhr schließlich meldete sich US-Präsident George W. Bush aus dem Weißen Haus und verkündete der Welt, die USA seien nun im Krieg – im Krieg gegen den Terror.In Deutschland war es 14.46 Uhr, als die erste Maschine im WTC einschlug. Für die Redakteure der WELT im Berliner Verlagshaus von Axel Springer ging der Arbeitstag in seine finale Phase: Redaktionsschluss für viele der 36 Seiten für die Mittwochsausgabe war 16 Uhr, für die aktuellen 18 Uhr, wobei noch bis 22 Uhr aktualisiert werden konnte.Jetzt allerdings brach Stress aus: Das Ereignis in New York musste wenigstens ansatzweise verstanden, dann dokumentiert und analysiert werden. Aus den eilig gewonnenen Erkenntnissen waren große Teile der bereits fertigen Zeitung neu zusammenzustellen. Auf die ersten fünf Seiten kam monothematisch nur der „Terrorangriff auf das Herz Amerikas“, so die Gesamtschlagzeile der Mittwochsausgabe. Im (vergleichsweise kurzen) Kommentar auf der Titelseite ordnete Außenpolitik-Chef Jacques Schuster die Attacke ein: „Amerika wird zurückschlagen – hart und schwer. Wer die Folgen von Pearl Harbor bedenkt, wird daran keinen Zweifel haben. Krieg ist in Sicht, und es wäre fatal, sich in Deutschland mitfühlend, aber unbeteiligt zurückzulehnen. Amerika ist nicht allein verwundet worden. Es hat die westliche Welt, es hat uns alle getroffen.“ Im längeren Leitartikel wagte der Forums-Redakteur und US-Experte Torsten Krauel einen Blick in die Zukunft: „Die Amerikaner werden nicht ruhen, bis die Verantwortlichen für den Luftangriff gefasst worden sind. Sie werden nicht ruhen, bis das Land auf die neue Bedrohung ausgerichtet worden ist. Sie werden nicht ruhen, bis ihre Ehre wiederhergestellt und Genugtuung für ihre Toten geleistet worden ist.“ Und er sah voraus, was zwei Jahre später geschehen würde: „Das kann durchaus bedeuten, dass ein Sympathisantenstaat, sollten die Terroristen einen gehabt haben, in die Steinzeit zurückgebombt wird.“Lesen Sie auch„Mit Entsetzen“ hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die Angriffe reagiert: „Meine Regierung verurteilt diese terroristischen Akte aufs Schärfste“, schrieb er wenige Stunden nach dem Einschlag der Flugzeuge in einer persönlichen Botschaft an George W. Bush und fügte hinzu: „Das deutsche Volk steht in dieser schweren Stunde an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika.“Mit dem 11. September 2001 und seinen 2964 Opfern (die 19 Terroristen natürlich nicht mitgerechnet) endeten die hoffnungsvollen Jahre nach dem Sieg des Westens im Kalten Krieg schlagartig. Allen Problemen wie den Jugoslawienkriegen zum Trotz hatten die 1990er den Glauben genährt, die Menschheit könne sich insgesamt in eine pragmatische, friedliche Richtung entwickeln. Doch der Terrorangriff, mit dem fundamentalistische Selbstmordattentäter den politischen Islam auf die Bühne der Weltpolitik brachten, wurde zur Zäsur. Lesen Sie auchSchon am Tag nach dem Vierfachanschlag zeigte sich, dass die Spur des Terrors nach Deutschland führte. Hier, genauer: in Hamburg, hatten sich drei der vier Anführer der vier Terrorkommandos kennengelernt und radikalisiert. Hier bereiteten sie anderthalb Jahre lang ihren Angriff auf New York und Washington vor, bevor sie in die USA einreisten, um den hinterhältigen Plan umzusetzen. Das konnten sie dank der wohlmeinenden Unterstützung von Menschen, die nur helfen wollten. Die Gastfreundschaft lebten. Darunter Professoren in Hamburg, die den späteren Attentätern zur Seite standen, als diese ihre Facharbeiten verfassten. Hausbesitzer in Florida und Maryland, die ihnen Wohnungen vermieteten, einige sogar bei sich zu Hause aufnahmen. Fluglehrer, die ihre Schüler nach bestem Wissen und Können ausbildeten.Viele dieser Menschen quälte nun, nach 9/11, eine unerträglich konkrete Frage, die niemand ihnen beantworten konnte: Hätten sie den Anschlag verhindern können? Gab es Hinweise, die durch skeptisches Hinschauen zu erkennen gewesen wären? Hätte mehr Misstrauen statt des unbewusst Terroristen gewährten Vertrauensvorschusses Menschenleben an Bord der entführten Flugzeuge, im World Trade Center und im Pentagon, gerettet? Vermutlich. Aber um welchen Preis?Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Am 11. und 12. September 2001 hatte er, seinerzeit Wissenschafts-Chef der damaligen WELT-Schwesterzeitung „Berliner Morgenpost“, die längsten Arbeitstage seines Berufslebens.