InterviewDie Anschläge vom 11. September bedeuteten eine geopolitische Zäsur. Der Sicherheitsexperte Peter Neumann erklärt im Gespräch, wie die USA reagierten und welche fatalen Fehler sie im anschliessenden Krieg gegen den Terror begingen.10.09.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Die Amerikaner wussten nicht, gegen wen sie eigentlich kämpfen», sagt Peter Neumann. Poster von Usama bin Ladin in Pakistan, 2001.Patrick Aventurier / Gamma-Rapho / GettyVor 25 Jahren brachten Flugzeuge die zwei Türme des World Trade Center in New York zum Einsturz. Ein Angriff auf das Herz der USA, ja der gesamten westlichen Welt. Die USA starteten in der Folge den Krieg gegen den Terror, der nach anfänglichen Erfolgen zum Desaster wurde. Mit dem sogenannten Islamischen Staat entstand eine neue terroristische Gruppe, in Afghanistan kamen die Taliban nach dem überstürzten Abzug der Amerikaner zurück an die Macht. Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College erklärt im NZZ-Podcast «Geopolitik», wie diese Vorgänge die Welt veränderten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frage: Herr Neumann, wo waren Sie am 11. September 2001?Peter R. Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London.Laurence ChaperonAntwort: Ich sass in meiner WG in London und schrieb an meiner Doktorarbeit. Nebenbei hörte ich im Radio die Nachricht, dass offensichtlich ein Sportflugzeug in das World Trade Center geflogen sei. Ich habe gedacht: Das ist aber komisch. Kurz danach kam die Meldung vom zweiten Flugzeug. Da wusste ich, dass dies kein Unfall war.Frage: Schon einen Monat später, am 10. Oktober, begannen die USA ihre Angriffe in Afghanistan, um al-Kaida zu zerschlagen, das Terrornetzwerk von Usama bin Ladin. War das zu dem Zeitpunkt realistisch?Antwort: Ja, aber es gab ein grundsätzliches Problem. Man wusste gar nicht, was al-Kaida genau ist. Ist es bin Ladin? Sind es seine Unterstützer? Ist es der radikale Islam? Die Muslimbrüder in allen möglichen Ländern? Was bekämpfen wir überhaupt? Meiner Meinung nach hat man das lange Zeit, wahrscheinlich sogar bis zum Ende, nicht genau gewusst.Frage: Den USA war nicht bewusst, gegen wen sie genau kämpften?Antwort: Sie waren sich bewusst, dass dies ein Krieg sein wird, der anders sein wird als alle anderen Kriege. Einen, bei dem es keinen klaren Endpunkt geben wird. Woher weiss man, wann der Terror tatsächlich besiegt ist? Das ist ja nicht so wie in einem normalen Krieg, bei dem sich am Ende die feindlichen Truppen zurückziehen oder eine Kapitulationsurkunde unterschreiben. Es war also allen bewusst, dass es ein schwieriger Krieg wird, der sich nicht eben nur auf ein Land beschränken lässt.Frage: Was war die Strategie der USA?Antwort: Man ging ganz anders vor als bei einem klassisch-konventionellen Krieg wie dem Irak-Krieg 1990/91, als die Amerikaner mit vielen Truppen einmarschiert sind. In Afghanistan wollte man nicht viele Ressourcen einsetzen. Schon bevor der offizielle Krieg begann, also kurz nach dem 11. September, schickte man Spezialkräfte und CIA-Agenten ins Land, die Allianzen schmiedeten. Die sind buchstäblich mit Sporttaschen voller Geld herumgereist und haben Leute auf ihre Seite gezogen, vor allem Mitglieder der sogenannten Nordallianz, die damals gegen die Taliban kämpften. Als der Krieg tatsächlich losging, setzten die Amerikaner vorwiegend auf Luftangriffe. Das hat dazu geführt, dass innerhalb weniger Wochen die Taliban tatsächlich gestürzt wurden. Am Anfang waren deshalb viele Amerikaner sehr enthusiastisch. Man dachte, so einfach könne in Zukunft ein Regime gestürzt werden, mit wenigen Leuten.Überbleibsel des World Trade Center nach dem Terroranschlag in New York.Alex Fuchs / APFrage: War dies der Treiber für den nächsten Feldzug gegen den Irak?Antwort: Auf jeden Fall. Nach dem raschen Sturz der Taliban waren die Amerikaner überzeugt, man könne im Handumdrehen ein Regime stürzen und eine ganze Region nach dem eigenen Gusto umgestalten. Sie waren überzeugt, dass ihre Macht unbeschränkt sei.Frage: Ein Fehlschluss, wie man nun weiss.Antwort: Das war wahrscheinlich der ultimative Moment der amerikanischen Hybris. Die Amerikaner befanden sich auf dem Höhepunkt der Selbstüberschätzung. Zuvor hatten sie den Kalten Krieg gewonnen und waren überzeugt, die Formel dafür gefunden zu haben, wie die Welt glücklich wird: mit Marktwirtschaft, Kapitalismus, Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten. Und sie glaubten, die Anführer dieser Freiheitsbewegung zu sein, die sich überall ausbreiten wird. Dann kam der 11. September 2001. Da wurde den USA plötzlich bewusst, dass es auch Widerstand gibt.Frage: Oft wird gesagt, der War on Terror habe mehr Terroristen geschaffen, als besiegt wurden.Antwort: Ich würde immer unterscheiden zwischen dem Krieg in Afghanistan und dem nachfolgenden im Irak. Der Afghanistan-Krieg war meiner Meinung nach unvermeidlich. Natürlich mussten die Amerikaner das Netzwerk ausschalten, das ihnen am 11. September 2001 so viel Schaden zugefügt hat. Das war meiner Meinung nach konsequent, das kann man den Amerikanern auch nicht übelnehmen. Was den Schaden angerichtet hat, war der Krieg gegen den Terror, der darauf folgte. Vor allem die Invasion des Iraks und einige der Methoden, die im Krieg gegen den Terror verwendet wurden, zum Beispiel im Gefangenenlager in Guantánamo. Das hat wahrscheinlich mehr Schaden für die Amerikaner angerichtet, für ihre Reputation und für die Idee, dass Amerika für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte stehe, als alles, was sie möglicherweise dadurch erreicht haben.Frage: Hat Barack Obama dies erkannt?Antwort: Barack Obama hat gesagt, er wolle den Krieg gegen den Terror beenden. Er hat den Krieg nicht mehr so genannt, aber viele der Operationen, die unter Bush liefen, wurden weitergeführt. Immerhin hat er die Folter gestoppt, in Guantánamo und an anderen Orten. Obama wollte nicht mehr den Terror auf der gesamten Welt auslöschen, sondern nur noch die Netzwerke, die sich mit dem 11. September 2001 verbinden liessen. Unter ihm gab es sehr viele Drohnenangriffe auf die sogenannten Stammesgebiete in Pakistan. So hat man in relativ kurzer Zeit die gesamte verbleibende Führung von al-Kaida in Pakistan eliminiert. Am 1. Mai 2011 auch Usama bin Ladin. Viele im Weissen Haus dachten, jetzt sei der Krieg gegen den Terror zu Ende.Gegner der Taliban: Mitglieder der Nordallianz in Afghanistan, Dezember 2001.Chris Hondros / GettyFrage: Ein Irrtum.Antwort: Dass Obama den Krieg gegen den Terror sehr eng definiert hat, führte dazu, dass man lange Zeit den Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates, der ja indirekt aus al-Kaida hervorgegangen war, übersehen oder nicht ernst genug genommen hat.Frage: Oft wird gesagt, der jahrzehntelange Fokus auf den Krieg gegen den Terror sei der Anfang vom Ende der USA als Weltmacht Nummer eins. Würden Sie dem zustimmen?Antwort: Dies ist einer von zwei Faktoren. Der Krieg gegen den Terror hat Unmengen von Geld gekostet und die USA viele Jahre lang beschäftigt, so dass sich das Land geopolitisch nicht der eigentlichen Herausforderung widmen konnte, dem Aufstieg Chinas. Der zweite Faktor ist die globale Finanzkrise 2007/08, in der das amerikanische Finanzsystem zusammenbrach. Die Chinesen waren lange Zeit sehr zurückhaltend, sich als Weltmacht zu bezeichnen. Nach dem Krieg gegen den Terror und der globalen Finanzkrise sprachen chinesische Regierungsvertreter erstmals davon, dass sie eine Weltmacht seien und den Wettbewerb mit den USA suchten. Amerika schien plötzlich nicht mehr unbesiegbar.Frage: Wie hat sich der Krieg gegen den Terror auf das Selbstbild der Amerikaner ausgewirkt?Antwort: Vor dem 11. September waren die meisten Amerikaner davon überzeugt, dass ihr Land für das Gute stehe in der Welt, für Demokratie und Menschenrechte. Der Folterskandal in Abu Ghraib, die Misshandlung von Gefangenen in Guantánamo und in sogenannten Dark Sites, also illegalen Gefängnissen überall in der Welt, und der völkerrechtlich illegale Krieg im Irak haben dieses Selbstverständnis erschüttert.Nachhaltiger Schaden für das Image der USA: Gefängnis von Guantánamo, Kuba.Shane McCoy / Greg Mathieson via GettyFrage: Donald Trump ist mit dem Versprechen angetreten, die endlosen Kriege im Ausland zu stoppen. Aber es kam anders. Sind die Intervention in Venezuela und der Krieg in Iran Anknüpfungspunkte an den War on Terror?Antwort: Teilweise. Trump hat ja seit seinem Amtsantritt in der zweiten Amtszeit gesagt, der Krieg gegen die Drogen sei der neue Krieg gegen den Terror. Er hat dann in Venezuela auch dieselben Instrumente eingesetzt, die man aus dem Krieg gegen den Terror kennt: Drohnenangriffe, gezielte Tötungen, Einsatz von Spezialkräften. Beim Iran-Krieg gibt es ebenfalls Anknüpfungspunkte, aber auch Unterschiede. Iran war ja kein Gegner im Krieg gegen den Terror, zumindest nicht unmittelbar, denn al-Kaida und der IS waren ja sunnitische Terroristen, und das iranische Regime ist schiitisch. Iran war zudem bereits vor dem Krieg gegen den Terror ein Feind Amerikas.Frage: Ist der Angriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober eine vergleichbare Zäsur wie der 11. September? Beide Ereignisse mündeten in einem Krieg.Antwort: Aus amerikanischer Sicht war der 11. September sicher die grössere Zäsur. Der Schriftsteller Paul Auster schrieb bereits einen oder zwei Tage nach dem 11. September, erst jetzt beginne das 21. Jahrhundert. Damit hat er die Bedeutung gut auf den Punkt gebracht. Für die Amerikaner und für viele Europäer war das Ende des Kalten Kriegs ein Moment des Triumphs. Aber auch der Naivität, weil man dachte, man käme jetzt in eine Periode des ewigen Friedens. Die Geschichte habe geendet, wie Francis Fukuyama geschrieben hat. Man glaubte, man könne jetzt abrüsten, die Geheimdienste herunterfahren und von der Friedensdividende profitieren. Dann kam der 11. September 2001, der diese Vorstellung auf einen Schlag zunichtemachte. Plötzlich sah man, dass es Menschen gibt, die aus ideologischen Gründen gegen Amerika sind, die einen ganz anderen Entwurf der Welt haben und die sich auch nicht überzeugen lassen.Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London. 2024 erschien von ihm das Buch «Die Rückkehr des Terrors. Wie uns der Dschihadismus herausfordert» (Rowohlt).Passend zum Artikel