Pro ArtikelVor 25 Jahren erschütterte 9/11 das Selbstbild der AmerikanerDer Terroranschlag in New York veränderte das Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Land und zur Welt. Zu seinem Erbe gehören ein tiefes Misstrauen und eine starke Polarisierung.07.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFeuerwehrmänner hissen die amerikanische Flagge auf den Ruinen der Twin Towers. Die Erinnerung an die Opfer liess die USA die Reihen schliessen.Thomas E. Franklin / APAm Morgen des 11. September 2001 geht ein Riss durch die Zeit. Die Welt schaut gebannt auf die Bildschirme: Zwei Flugzeuge fliegen in einer Endlosschleife wieder und wieder in die Twin Towers. Es sind surreale Bilder, die schon live unwirklich sind. In der Wiederholung werden sie nicht fassbarer. «Wie in einem Film», sagen damals fast alle. Der Moment des Anschlags, der Zerstörung und Tod bringt, ist so schrecklich, dass er nur als Abbild von Hollywoods Phantasie greifbar wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.9/11 erschüttert die Amerikaner in ihrem Selbstbild. Sie stellen immer wieder die gleiche Frage: «Wieso hassen die uns so?» Der Terror scheint aus dem Nichts zu kommen, und die Geschichte beschleunigt sich rasant. Ein Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges ist die amerikanische Illusion der Unverwundbarkeit dahin. Ein neues Zeitalter voller Unsicherheit bricht an. Präsident George W. Bush erklärt dem Terror den Krieg und legt die Grundlagen für weitreichende Programme zur Überwachung der eigenen Bürger. So verschiebt sich Fundamentales im Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Staat und zum Rest der Welt.George W. Bush spricht am 11. September 2001 zu seinem Volk.Doug Mills / APAmerika schliesst die ReihenDer Schock über den ersten Grossangriff gegen amerikanisches Gebiet seit Pearl Harbor lässt das Land zunächst zusammenstehen. Überall sind nun amerikanische Flaggen zu sehen, auf Autos und in Vorgärten, noch viel mehr als sonst. Die Trauer über die Toten und die Anteilnahme am Schicksal von New York sind riesig. Die Rhetorik wird härter, teilweise auch nationalistischer. Völlig unpolitische Freunde melden sich freiwillig für die Armee, gesamthaft sind es im ersten Jahr nach 9/11 über 180 000. Weltpolitische Diskussionen an liberalen Universitäten über die Rolle Amerikas werden zu Glaubensfragen. «Ihr seid entweder für uns, oder ihr seid für die Terroristen», verkündet Bush nach den Anschlägen. «Love it or leave it», liebe dein Land oder geh, richten manche Patrioten den Regierungskritikern aus.«Rally around the flag» heisst der politisch-gesellschaftliche Effekt, der sich in den USA nach 9/11 einstellt. Die Amerikaner sehen sich als Opfer eines niederträchtigen Angriffs und scharen sich hinter ihren entschlossen auftretenden Präsidenten. Das ist nicht selbstverständlich. Wenige Monate zuvor hat Bush eine der umstrittensten Wahlen der amerikanischen Geschichte nur um Haaresbreite gewonnen. Doch nach dem 11. September unterstützen ihn in Umfragen neunzig Prozent der Bevölkerung. Das ist ein Rekordwert, heute völlig undenkbar.Die Regierung nutzt den Vertrauensvorschuss konsequent aus. Die Amerikaner marschieren in Afghanistan ein und verdoppeln innerhalb von wenigen Jahren die Militärausgaben. Neokonservative Denker wie Charles Krauthammer sehen den «war on terror» als Weckruf. Krauthammer schreibt von einer neuen Weltordnung, in der Russland, Indien und China gemeinsam mit den USA den Terrorismus ausrotten. Im Kampf gehen Russen wie Amerikaner wenig zimperlich vor. Die CIA hält Verdächtige in geheimen Lagern fest und foltert sie. Findige Juristen berufen sich auf schwammige Kategorien wie jene der «ungesetzlichen Kämpfer», um den Gefangenen ihre Rechte zu nehmen.Ende Oktober 2001 verabschieden das Repräsentantenhaus und der Senat mit überwältigender Mehrheit die USA Patriot Act. Sie ermöglicht den Behörden Hausdurchsuchungen bei Terrorverdächtigen ohne richterliche Genehmigung, erweitert die Befugnisse des FBI bei der Überwachung und erlaubt der CIA, auch im Inland zu ermitteln. Kritiker sehen darin eine weitgehende Aufhebung von Freiheitsrechten. Die Europäer empören sich über die amerikanische Datenkrake und sind gleichzeitig froh, dass ihnen die Geheimdienstinformationen helfen, Anschläge zu verhindern.25 Jahre 9/11Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben Amerika und die Welt verändert. Wie prägen sie Geopolitik und Weltwirtschaft noch heute?Alle Artikel dieser Serie anzeigenFür den Schweizer Beobachter, der damals in den USA lebt, wirkt vieles widersprüchlich. Am Flughafen erfassen die Amerikaner nun Fingerabdrücke und Fotos. Es gibt biometrische Pässe, und der Geheimdienst darf die digitale Kommunikation der Bürger nach Gutdünken abhören. Was heute normal ist, wirkt damals wie ein starker Eingriff durch einen grob auftretenden Staat. Gleichzeitig fragt man sich, wie ein Land Terroristen jagt, dessen Beamte einen Vornamen mit drei Buchstaben falsch abschreiben und als «Yo» erfassen. Die Kontrolle der eigenen Bürger kann nicht allzu streng sein, wenn ein paar Stromrechnungen als Nachweis für den Wohnsitz reichen.Eine obligatorische Identitätskarte wie in Europa gibt es nicht, und der Bezug eines Führerausweises ist auf dem völlig überlasteten Strassenverkehrsamt eine chaotische, stundenlange Geduldsprobe. In Florida prozessiert eine Muslimin über Jahre und mit viel Unterstützung durch die Zivilgesellschaft um ihr Recht, den Gesichtsschleier auf dem Foto für ihren Führerausweis zu tragen. In der Schweiz würde eine solch absurde Diskussion nicht einmal geführt. Verglichen mit den USA sind die Europäer engmaschige Überwachungsstaaten. Doch in Amerika, wo das Recht auf Waffenbesitz als Schutz gegen die Tyrannei der Regierung in der Verfassung steht, gelten andere Regeln. Die Freiheit von staatlicher Kontrolle gehört zum Kern der Identität.Vertrauensbruch und Powells LügenDie Amerikaner akzeptieren zunächst, dass der Staat mehr Kontrolle will, im In- und Ausland aggressiver auftritt. Doch die Regierung steht unter Beobachtung, und der Goodwill ist beschränkt. Die Invasion in Afghanistan akzeptieren die Amerikaner als Feldzug gegen den Terrorismus, gegen Usama bin Ladin und die Kaida. Bald vermischen sich in Bushs Aussenpolitik aber die Kategorien: Plötzlich wollen die USA den Nahen Osten demokratisieren und die Frauen vom islamistischen Joch befreien. Eine Rolle spielen jedoch auch Öl, Gas und andere strategische Interessen. Die Amerikaner marschieren 2003 im Irak ein.Um die Invasion zu rechtfertigen, greifen sie zu Lügen. Das ist in der Weltpolitik zwar nicht neu. Aber in der aufgeregten, rund um die Uhr aktiven Medienwelt des 21. Jahrhunderts wird es besonders offensichtlich. Vor der Uno blamiert sich Aussenminister Colin Powell, als er schludrig zusammengeschusterte und wenig überzeugende Beweise für angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak präsentiert. Auch die Behauptung, der Diktator Saddam Hussein habe eng mit al-Kaida zusammengearbeitet, erweist sich als falsch. Jahre später bezeichnet Powell den Auftritt als Schandfleck in seiner Biografie.Colin Powell hält vor der Uno ein Fläschchen hoch, das angeblich das Gift Anthrax enthält. Glaubwürdig war der Auftritt nicht.ReutersDie Reaktionen auf den Irak-Feldzug sind nun völlig anders als nach 9/11. Millionen demonstrieren gegen den Krieg. Sie empfinden die politische Instrumentalisierung der Tragödie von New York als Vertrauensbruch. Und als die geheimen Folterprogramme der CIA ans Licht kommen, die Bilder von erniedrigten Gefangenen in Abu Ghraib, lässt sich der überhöhte Moralismus der neokonservativen Aussenpolitik kaum mehr mit der Realität vereinbaren.Die Vertrauenswerte der Regierung halbieren sich, während die USA immer tiefer im Morast der «forever wars» versinken. Bush wird vom starken Anführer zum Präsidenten, der das Land so stark spaltet wie keiner vor ihm: Zwar unterstützen ihn die Republikaner weiterhin. Aber nur noch eine winzige Minderheit der Demokraten folgt ihm. Die verschärfte Polarisierung bleibt ein anhaltendes Erbe der Bush-Ära. Der Graben zwischen den Parteien vertieft sich unter Obama, Biden und Trump noch mehr.Verunsicherte Führungsnation9/11 ist somit der erste und letzte Moment im 21. Jahrhundert, der die Amerikaner vereint hat. Doch der patriotische Überschwang weicht innerhalb von weniger als zwei Jahren einer Stimmung, die von Misstrauen und Unsicherheit geprägt ist. Der eigenen Regierung vertraut heute nur noch ein Viertel der Amerikaner. Das sind halb so viele wie 2001. Und die amerikanische Bevölkerung ist sich der Rolle ihres Landes in der Welt weniger sicher: Deutlich weniger möchten heute, dass die USA die Welt aktiv anführen. Linke und Rechte an den politischen Rändern stehen gar für einen eigentlichen Isolationismus ein. In der seltsamen Aussenpolitik von Donald Trump zeigt sich heute der Widerspruch zwischen den Zwängen einer Weltmacht und dem Wunsch nach Rückzug.Die Selbstzweifel sind auch in der Pop-Kultur spürbar, Amerikas grösstem kulturellem Exportgut. Action-Blockbuster wie «Independence Day», in denen die Amerikaner 1996 die ganze Menschheit im Kampf gegen die Bedrohung aus dem All zusammenführen, gehören der Vergangenheit an. Auch ein Heldenepos wie «Air Force One», in dem Harrison Ford als Präsident eigenhändig kasachische Unholde aus seinem Flugzeug ins Jenseits befördert, wirkt auf ein heutiges Publikum pompös und propagandistisch.Hollywood und sein Publikum haben sich stattdessen in Traumwelten geflüchtet, in Stoffe wie «Der Herr der Ringe» oder «Avengers». Andere grosse Filme sind zweifelnd, voller moralischer Grautöne. «American Sniper», der 2014 über eine halbe Milliarde Dollar einspielt, erzählt von einem traumatisierten Irak-Veteranen. Es geht um Schuld und unmögliche Entscheidungen. Die Helden von Serien wie «24» bekämpfen gleichzeitig Terroristen und Verschwörungen in den höchsten Kreisen der eigenen Regierung. Realität und Phantasie verschwimmen.Die Amerikaner sehen die Welt da draussen seit 9/11 anders. Sie wirkt gefährlicher, unübersichtlicher. Und sie ziehen sich zurück. Paranoide Prepper-Milliardäre und immer radikalere Milizen sind der extremste Ausdruck einer Angstkultur, die in den USA um sich greift. Und auch die normalen Bürger ziehen sich zunehmend in die Vorstädte und in ihre Gemeinschaften von Gleichgesinnten zurück. Das Aufkommen von Social Media stärkt diese Filterblasen zusätzlich. Heute bewegen sich die Amerikaner je nach politischer Überzeugung in parallelen Welten. Das hat viele Gründe. Doch die Maschinen, die am 11. September 2001 in die New Yorker Twin Towers flogen, wirkten wie Katalysatoren.Der Autor begann kurz vor dem 11. September 2001 sein Bachelorstudium an der Brown University in Providence, Rhode Island. Die nächsten vier Jahre lebte er in den USA.6 KommentareGesternFrank Marks 07.09.2026Das wäre eine gute Gelegenheit Donald daran zu erinnern, wer als bisher Einziger Artikel 5 des NATO-Vertrags aktivierte.Passend zum Artikel