PfadnavigationHomeWirtschaftAnschläge vom 11. September25 Jahre danach – warum New York beim Gedenken so gespalten istVon Jan KlauthFreier US-Korrespondent mit Sitz in New YorkStand: 10:30 UhrLesedauer: 6 MinutenNew York vor 25 Jahren: Die Debatte rund um 9/11 ist aufgeladen wie seit Jahren nicht mehrQuelle: Rodney G. JeanBaptiste/Getty Images25 Jahre nach 9/11 zeigt sich, wie tief die Anschläge in New York politisch noch nachwirken. Im Streit um Bürgermeister Zohran Mamdani wird sichtbar, was sich seit damals verändert hat.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDer Tag, an dem der Terror nach Amerika kam, sollte für Michael Drexler mit einem Sektfrühstück beginnen. 10 Uhr im obersten Stock des World Trade Centers, im Restaurant „Windows of the World“: Ein Geschäftstermin mit dem Sänger Harry Belafonte, mit dem Drexler an einer Produktion gearbeitet hatte, die genau an diesem Tag herauskam und später für drei Grammys nominiert wurde.Heute, 25 Jahre später, steht Drexler an seinem Schlafzimmerfenster im Zentrum Manhattans und blickt auf das One World Trade Center – den Nachfolgebau der „Twin Towers“. Genau hier sah er um 8:46 Uhr am 11. September 2001, wie plötzlich Feuerballen und Rauch aus dem Nordturm schossen – dort, wo er wenig später eigentlich verabredet gewesen war. Das erste von zwei Flugzeugen war in den Wolkenkratzer gekracht.„Niemand verstand, was los war. Aber, dass irgendwas passiert war, das war klar“, erinnert sich Drexler. „Und dann, langsam, über den Hudson River, näherte sich etwas. Der zweite Flieger.“ Drexler sucht nach Worten für das, was er sah, als das Flugzeug in den Südturm einschlug. „Diese Farben – die kann man gar nicht beschreiben. Dieses helle Orange, das war bizarr. Und da dachte ich: Das ist der Dritte Weltkrieg.“Fast 30 Jahre lebt Drexler nun in New York, noch immer hat er einen Rest bayerischen Zungenschlags. Ein Münchner Kindl, wie er selbst sagt, über Norddeutschland und Boston nach New York gekommen. Es sind die Neunzigerjahre, die er dann beschreibt, als wären sie erst gestern gewesen: „Es war einfach Party. Unbeschwertes Leben. Es gab riesige Clubs, es war überall Musik, Kreativität und Aufbruchstimmung“, sagt Drexler, der gelernter Tontechniker ist und bis heute in der Musikindustrie arbeitet. „Eine wirklich tolle Zeit.“Dann kommt der Morgen, an dem alles kippte. Der 11. September 2001. Der Terroranschlag und die Geschehnisse danach – für Drexler begann damals eine Art neue Zeitrechnung. Dieses Gefühl ist in den USA weitverbreitet. Für viele Menschen war das Datum ein Wendepunkt. Jetzt, da der Jahrestag wieder näher rückt, ist in New York immer noch zu spüren, wie einschneidend 9/11 gewesen ist, auch ein Vierteljahrhundert später. Dort, wo einst die Zwillingstürme standen, klafft heute kein Loch mehr, sondern stehen zwei quadratische Wasserbecken, in deren Bronzeränder die Namen der fast 3000 Opfer eingraviert sind. Jedes Jahr wird an diesem „Ground Zero“ der Toten gedacht. Organisiert wird die Veranstaltung von den Hinterbliebenen. Seit jeher gilt dabei eine ungeschriebene Regel: Politiker dürfen kommen, aber sie sprechen nicht und nutzen das Gedenken nicht als Bühne. Lesen Sie auchIn diesem Jahr aber bahnt sich um diese Zeremonie ein Konflikt an, in dessen Mittelpunkt New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani steht. Der sozialistische Demokrat und gläubige Muslim will der Zeremonie beiwohnen. Eine Petition auf Change.org gegen seine Teilnahme hat inzwischen fast 100.000 Unterschriften gesammelt.„Dieses Jubiläum ist ein Gedenken, das in gemeinsamen amerikanischen Werten verwurzelt ist: Respekt für die Opfer, Anerkennung der Schwere der Angriffe und eine klare Ablehnung der Ideologien, die zu solcher Gewalt beigetragen haben“, schreibt der Initiator Giovanni Galante, dessen Frau bei dem Anschlag ums Leben kam. Mamdani aber erwecke den Eindruck, er stehe diesen Werten „feindselig gegenüber“.Galante wirft dem Bürgermeister vor, es versäumt zu haben, antisemitisch gefärbte Parolen wie „Globalize the Intifada“ eindeutig zu verurteilen. Beunruhigend sei zudem, dass er sich öffentlich hinter Siraj Wahhaj und Aber Kawas gestellt habe. Wahhaj, ein Imam aus Brooklyn, wird mit radikal-islamistischen Kreisen in Verbindung gebracht, während die New Yorker Kommunalpolitikerin Kawas die Anschläge vom 11. September einst als Tat beschrieb, die „einige wenige Personen vor dem Hintergrund von US-Kapitalismus, Rassismus, weißer Vorherrschaft und Islamfeindlichkeit“ begangen hätten.Verharmlosung islamistischer Positionen?Unter den Unterzeichnern finden sich auch republikanische Politiker, die Mamdani ohnehin kritisch gegenüberstehen – darunter Bruce Blakeman aus Long Island, der bei den Midterm-Wahlen als Gouverneurskandidat des Bundesstaates antritt. Sie erkennen ein umfassenderes Muster: eine Verharmlosung, wenn nicht gar Rechtfertigung islamistischer Positionen in genau jenem politischen Umfeld, aus dem auch Mamdani hervorgegangen ist – dem linken Flügel der Democratic Socialists of America (DSA).Besonders deutlich zeigt sich diese besorgniserregende Tendenz in New York. Übergriffe auf Synagogen nehmen zu, bei Kundgebungen tauchen wiederholt Hisbollah- oder Hamas-Fahnen auf, und die Polizeistatistik verzeichnet im ersten Halbjahr einen historischen Höchststand antijüdischer Gewaltdelikte. Zwar hat Zohran Mamdani diese Vorfälle unmissverständlich verurteilt, doch Kritiker bemängeln, dass er und sein Umfeld ihr Verhältnis zum militanten Islamismus nicht klar definiert hätten.Daisy Khan wiederum sieht darin lediglich das neueste Kapitel einer Auseinandersetzung, die schon seit knapp 25 Jahren geführt wird: ob Muslime tatsächlich als vollwertige Amerikaner anerkannt werden. „Im Kern läuft es darauf hinaus, Muslime aus dem öffentlichen Raum zu drängen“, sagt die New Yorker Islamwissenschaftlerin im Gespräch. Lesen Sie auchAuf die antisemitische Gewaltwelle angesprochen, räumt sie zwar ein, dass sich hier ein wachsendes Problem zeige, will dies aber nicht der muslimischen Mehrheit anlasten – diese stehe schließlich für demokratische und säkulare Werte. Für Khan ist gerade bezeichnend, dass frühere Bürgermeister nie infrage gestellt wurden, wenn es um ihre Teilnahme an der Gedenkfeier ging – ein Umstand, der die derzeitige Kontroverse besonders entlarvend erscheinen lässt. Gleichzeitig hätten Teile der Republikanischen Partei eine Rhetorik hoffähig gemacht, die im Grunde rassistisch und islamfeindlich sei, so Khan. „Die unterschwellige Botschaft lautet: Ihr gehört nicht hierher.“ Unter der Regierung Trump, deren Kurs sie als „unberechenbar“ bezeichnet, habe sich dieses Gefühl der Ausgrenzung noch verstärkt.Auch der US-Präsident soll zuletzt vorgehabt haben, den Gedenktag für eigene Zwecke zu nutzen. Im vergangenen Jahr legte er am Pentagon einen Kranz nieder, hielt eine Ansprache und verkündete dabei, dem kurz zuvor getöteten Aktivisten Charlie Kirk die Medal of Freedom zu verleihen – eine Entgleisung, die aus Sicht vieler bei diesem Anlass fehl am Platz war. Berichten der „New York Times“ zufolge habe Trump in diesem Jahr ebenfalls bei der Zeremonie am Ground Zero auftreten wollen, sei davon jedoch abgerückt, weil ihm die Veranstalter kein Rederecht einräumen wollten. Das Weiße Haus weist diese Version der Ereignisse zurück.Auch Michael Drexler hat sich die Petition angeschaut – unterschrieben hat er sie nicht. Seine Reaktion fällt knapp aus: „Ich denke, wir sollten lieber schauen, dass wir uns als Menschheit verständigen, und nicht schon wieder Unterschiede rausholen.“ Amerika, sagt er, sei heute ein tief gespaltenes Land. Am 11.9. wird sich zeigen, ob New Yorks Bürgermeister und US-Präsident Trump Worte finden, um diese Spaltung zu überwinden. Bei vielen Menschen in den USA überwiegt wohl die Sorge, dass das genaue Gegenteil passieren könnte.Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.