«Wo ist er? Wo ist er?»: Ein New Yorker Banker und eine Gymnasiastin erinnern sich an 9/11John Oberle entkam im South Tower nur knapp dem Tod, Lila Nordstrom leidet noch 25 Jahre später unter den Folgen der Terroranschläge. Beide blicken zurück auf einen Tag, der die Welt, aber auch ihr Leben für immer verändert hat.25 Jahre nach 9/11 blicken Lila Nordstrom, Alexa Oberle und John Oberle in der Nähe von Ground Zero in Manhattan auf den Tag der Terroranschläge zurück.Auf dem Weg zur Arbeit fällt John Oberle der strahlend blaue Himmel auf. Es ist ein prächtiger Herbsttag, keine Wolke ist zu sehen. Seit knapp zwei Jahren arbeitet Oberle als Analyst für eine grosse japanische Bank, die sich im südlichen Turm des World Trade Center in New York auf sechs Stockwerken eingemietet hat. Wie jeden Tag pendelt der Banker auch am 11. September 2001 mit dem Zug von seinem Wohnort in New Jersey nach Lower Manhattan.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Oberle liebt seinen Arbeitsplatz. Aus seinem Büro im 79. Stock des South Tower hat er Aussicht über die Stadt und den Hudson River. «An windigen Tagen sah ich den Horizont kommen und gehen, weil sich der Turm leicht bewegte», erinnert sich der heute 68-jährige Finanzexperte. Beim Treffen in der Nähe von Ground Zero in Lower Manhattan blickt Oberle zusammen mit seiner 33-jährigen Tochter Alexa zurück auf diesen Dienstag vor 25 Jahren, der die Welt und New York, aber auch das Leben der Familie verändert hat.«Wow, was war das denn?»Der Finanzdistrikt ist belebt, als Oberle kurz nach 8 Uhr beim World Trade Center eintrifft. Im Jahr 2001 schliessen die Banker ihre Börsengeschäfte noch persönlich an der Wall Street ab. Grossbanken wie Merrill Lynch und Goldman Sachs haben in der Nachbarschaft ihre Büros. Wie jeden Tag fährt der damals 43-jährige Oberle mit dem Lift in den 79. Stock, startet seinen Computer und blättert durch das «Wall Street Journal».Es ist 8 Uhr 46, als Oberle einen ohrenbetäubenden Knall hört, der die Kaffeetasse auf seinem Schreibtisch zum Beben bringt. Ein riesiger Feuerball rollt am Fenster vorbei, Papiere fliegen durch die Luft. «Wow, was war das denn?», fragt er sich. Rasch spricht sich herum, dass der benachbarte North Tower von einem Flugzeug getroffen worden sei.Dass Flugzeuge tief über den Hudson River fliegen, ist nicht ungewöhnlich, weshalb Oberle von einem Unfall ausgeht. Erst viel später wird er erfahren, dass Attentäter der islamistischen Kaida ein Passagierflugzeug der American Airlines, das als Flug 11 von Boston nach Los Angeles hätte fliegen sollen, in ihre Gewalt gebracht und als gelenkte Rakete ins Hochhaus geflogen hatten.«Der South Tower ist sicher, bleiben Sie in Ihren Büros», tönt es wenig später aus dem Lautsprecher. Doch der Sicherheitsbeauftragte der japanischen Bank hat eine böse Vorahnung und fordert die Mitarbeiter trotzdem auf, den Turm über die Treppe zu verlassen. Fast zwanzig Stockwerke ist Oberle bereits in die Tiefe gestiegen, als er realisiert, dass er sein Mobiltelefon im Büro vergessen hat. Er beschliesst, beim nächsten Ausgang das Treppenhaus zu verlassen, um mit dem Lift noch einmal in den 79. Stock hochzufahren.«Was war das denn?», fragte sich John Oberle, als das erste Flugzeug den North Tower des World Trade Centers traf und ein Feuerball vor seinem Fenster vorbeirollte.Blick aus dem SchulzimmerZur gleichen Zeit sitzt Lila Nordstrom im Schulzimmer im obersten Stock der Stuyvesant High School, weniger als einen Kilometer nördlich der Twin Towers. Die öffentliche Schule ist eine bekannte Institution. Sie bietet rund 3300 Kindern aus weniger wohlhabenden New Yorker Familien Zugang zu einer hervorragenden Mittelschulausbildung und damit die Chance auf einen Platz an einer Eliteuniversität.Besorgt blickt die 17-Jährige aus dem Fenster, das einen Panoramablick auf die beiden Türme mit ihren je 110 Stockwerken freigibt. Der North Tower steht bereits in Flammen, doch haben die Schüler nicht gesehen, was genau geschehen ist. Der Architekturlehrer fährt unbeirrt mit dem Unterricht fort. Die Gymnasiasten sollen mit Lineal und Bleistift Linien zeichnen, blicken aber immer wieder von ihren Skizzen auf.Der 11. September 2001 ist erst der zweite Tag im neuen Schuljahr. Für die 13-jährigen Neulinge im Gymnasium ist er auch einer der ersten Tage überhaupt, an denen sie ohne Eltern in der Grossstadt unterwegs sind. Die Schulleitung informiert, dass ein kleines Flugzeug in das Hochhaus geflogen sei, aber dass für die Schule keine Gefahr bestehe.Um 9 Uhr 03 beobachten Lila Nordstrom und ihre Klassenkameraden fassungslos, wie ein zweites Passagierflugzeug vor dem Fenster vorbeifliegt und den South Tower rammt. Es kommt zu einem Knall und einem riesigem Feuerball. Nun ist an eine Fortführung des Unterrichts nicht mehr zu denken. Doch die Schulleitung weist die Kinder an, in ihren Klassenzimmern zu warten.Durch die Fenster sehen die Teenager, wie sich Menschen, die in den oberen Stockwerken der brennenden Hochhäuser gefangen sind, in die Tiefe stürzen. Um nicht im Feuer zu sterben, springen sie in den sicheren Tod. Es sind Bilder, die sich für immer in ihren Köpfen einprägen.Ungewissheit im TreppenhausAls das zweite Flugzeug den South Tower des World Trade Center rammt, schickt sich John Oberle gerade an, noch einmal in den 79. Stock hochzufahren, um sein Mobiltelefon zu holen. Doch dann erschüttert ein gewaltiger Knall den Turm, das Gebäude schwankt, im Treppenhaus sind Schreie zu hören.Erst später wird Oberle erfahren, dass die Maschine des Flugs der United Airlines 175 das Hochhaus zwischen dem 78. und dem 85. Stockwerk gerammt hat – genau dort also, wo er das Handy auf seinem Pult holen wollte. Hätte er sich schon ein paar Minuten früher an sein Telefon erinnert, hätte er den Tag kaum überlebt. Nur 18 der rund 650 Personen, die sich im South Tower in einem der Stockwerke über dem Einschlag befanden, konnten sich über eine unversehrte Treppe in Sicherheit bringen.Vorderhand aber hat Oberle im Treppenhaus keine Ahnung, was überhaupt geschehen ist. «Befinden sich so viele Leute auf der Treppe, dass sie eingestürzt ist?», fragt er sich. Jemand brüllt: «Bewegt euch, weitergehen!» Doch da immer mehr Leute ins Treppenhaus drängen, geht die Evakuierung quälend langsam voran. Schweigend bahnen sich die Leute den Weg nach unten, Stockwerk um Stockwerk, Schritt für Schritt.Als Oberle endlich im Erdgeschoss angelangt ist und ins Freie tritt, stehen beide Twin Towers in Flammen. Es wimmelt von Rettungskräften. Am Boden liegen die Leichen derjenigen, die sich aus den Fenstern gestürzt haben – notdürftig bedeckt. Oberle bleibt eine Weile stehen, fassungslos und orientierungslos. Dann beschliesst er, Richtung Norden zu gehen. Um 9 Uhr 59, er ist erst wenige Blocks vorangekommen, blickt er zurück. Der South Tower, aus dem er gerade entkommen ist, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.«Ich will hier einfach nur weg!», dachte Lila Nordstrom, als der South Tower kollabierte und sich in eine riesige Staubwolke verwandelte.Flucht aus ManhattanZur gleichen Zeit sehen Lila Nordstrom und ihre Klassenkameraden durch das Fenster, wie sich das Hochhaus in eine riesige Staubwolke verwandelt, die auf die Schule zurollt. Unter den Schülern bricht Panik aus. Doch noch weist die Schulleitung die Kinder an, in den Klassenzimmern zu verharren.Lila ist Asthmatikerin und hat Angst vor der Staubwolke. «Ich will hier einfach nur weg!», denkt sie und rennt zum Büro der Krankenschwester. Dort läuft ein Radio. Ein Lokalsender verbreitet die Nachricht, es seien weitere Flugzeuge entführt worden, die andere New Yorker Wahrzeichen wie das Empire State Building und die George Washington Bridge ins Visier nähmen.Als die Schulleitung die Kinder endlich zur Evakuation auffordert, stürmt Lila allein ins Freie. Auf der Strasse herrscht Chaos. Zunächst muss sie rennen, um von der Menschenmenge nicht zertrampelt zu werden. Dann erkennt sie im Gewimmel eine Lehrerin, die mit ein paar Schülern Richtung Norden geht. Sie hat sich der Gruppe eben angeschlossen, als um 10 Uhr 28 hinter ihr der North Tower des World Trade Center kollabiert und sich ebenfalls in einer riesigen Staubwolke auflöst.Die Mobiltelefone funktionieren nicht. Die Telefonkabinen sind tot. Kaum jemand kann mit seinen Angehörigen Kontakt aufnehmen. In den Strassen kursieren Gerüchte über weitere Anschläge. Lila beschliesst, Manhattan zu verlassen. Doch die Untergrundbahn ist stillgelegt, die Brücken sind für Autos gesperrt. Mit einer Klassenkameradin durchquert sie die Stadt zu Fuss und gelangt über die 59th Street Bridge in den Stadtteil Queens. Dort findet sie ein funktionierendes Telefon und ruft ihre Eltern an.Derweil versucht John Oberle, über den Hudson River nach New Jersey zu gelangen. Angst verspürt er keine, nur die Entschlossenheit, sich in Sicherheit zu bringen und seine Familie zu finden. Von Telefonkabinen aus versucht er vergeblich, seine Frau anzurufen. Dann hört er, dass manche Fähren in Betrieb seien, und beschliesst, bei der Port Authority an der 39th Street sein Glück zu versuchen. Er findet eine Fähre und eine Passagierin, die ihn in New Jersey mit dem Auto mitnehmen wird.Johns achtjährige Tochter Alexa ahnt in der Schule, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein muss. Den ganzen Tag hört sie über den Lautsprecher, dass Eltern eingetroffen seien, um Kinder vorzeitig aus dem Unterricht zu nehmen. Endlich wird auch Alexa von ihrer Tante abgeholt, die sie mit dem Auto nach Hause fährt. Als sie im Wohnzimmer im Fernsehen die Bilder der einstürzenden Twin Towers sieht, schiessen ihr die Tränen in die Augen. Sie weiss, dass ihr Vater im World Trade Center arbeitet. «Wo ist er? Wo ist er?», schreit sie.Endlich erhält die Mutter einen kurzen Anruf ihres Mannes aus einer Telefonkabine. «Er ist auf dem Weg nach Hause», sagt sie. Alexa und ihre ältere Schwester weinen noch immer, als John Oberle zur Türe hereinkommt und seine Familie umarmt. Dann schaut er auf den Fernseher und beginnt zu realisieren, wie gross sein Glück gewesen ist. Er spürt eine riesige Wut auf die Terroristen. Und er ahnt, dass sich die Welt für immer verändert hat.«Ich überlege mir immer, wo im Falle eines Anschlags mein Fluchtweg wäre», sagt Alexa Oberle 25 Jahre Jahre nach 9/11.Toxischer CocktailLila Nordstrom ahnt noch nicht, wie stark der 11. September 2001 ihr weiteres Leben prägen wird. Mehr als 2600 Menschen haben in den Twin Towers den Tod gefunden, dazu kommen 414 Feuerwehrleute und Polizisten. Beim Absturz eines weiteren Flugzeugs auf das Pentagon sterben 125 Personen, dazu kommen die 246 Passagiere und Besatzungsmitglieder der entführten Flugzeuge.Der Einsturz der Twin Towers hat den Finanzdistrikt verwüstet. Die Regierung von George W. Bush zieht in den Krieg gegen den Terrorismus. Aber zu Hause will sie rasch Normalität demonstrieren, auch um das Finanzzentrum wieder auf Touren zu bringen. Daher erklären die Bundesbehörden, die Luft in Lower Manhattan sei sauber und unbedenklich.Nach wenigen Wochen kehren die Gymnasiasten in die Stuyvesant High School zurück. Doch bald klagen immer mehr Jugendliche über Nasenbluten, Husten und Kopfschmerzen. Lilas Asthma verschlimmert sich dramatisch. Ihr Arzt sagt, dass sie Lower Manhattan am besten meiden würde, doch hängt ihre Zukunft vom Abschluss der Highschool ab.Die Luft ist alles andere als unbedenklich. Sie ist voller Dioxine, Benzol, Blei oder Asbest. Solange der Schutt der Twin Towers nicht vollständig entfernt ist, atmen die Gymnasiasten, aber auch Feuerwehrleute und Anwohner den krebserregenden Cocktail monatelang jeden Tag ein.Tödliche SpätfolgenInzwischen sind zwischen 4000 und 5000 Menschen an den Spätfolgen der giftigen Luft gestorben. Das sind mehr als bei den Anschlägen selbst. Die amerikanische Regierung hat einen Entschädigungsfonds eingerichtet. Wer der toxischen Luft ausgesetzt war, riskiert, an einer chronischen Entzündung der Schleimhäute, an Refluxkrankheit oder an Krebs zu erkranken. Der Fonds ist auch ein Schuldeingeständnis der Behörden, die die Luft fälschlicherweise als ungefährlich bezeichnet hatten.Lila Nordstrom hat über den Kampf um ihre Gesundheit nach 9/11 ein Buch geschrieben. Nach dem Studium hatte sie keine Krankenversicherung und konnte sich die Asthma-Medikamente kaum leisten, wie sie im Gespräch erzählt. Inzwischen werden sie aus dem Fonds bezahlt. Dennoch reagiert die heute 42-Jährige noch immer verärgert, wenn Politiker den Satz «Wir werden nie vergessen» bemühen oder die Resilienz der New Yorker preisen.Alexa Oberle hingegen reagiert verärgert, wenn bei jüngeren Amerikanern die Erinnerung an 9/11 verblasst. Ihren Vater John scheinen die Erlebnisse vor 25 Jahren nicht mehr besonders zu belasten. «Er hat seine Gefühle im Griff und blickt immer nach vorne», sagt die 33-Jährige. Sie selber hingegen belaste die damalige Angst um ihren Vater noch immer. «Tief fliegende Flugzeuge beunruhigen mich, und ich überlege mir immer, wo im Falle eines Anschlags mein Fluchtweg wäre.»Der 11. September ist für Alexa Oberle jedes Jahr ein trauriger Tag. Sie ruft jeweils eine Freundin an, deren Vater vor 25 Jahren ebenfalls im World Trade Center arbeitete. Ihm war es nicht gelungen, rechtzeitig zu entkommen.Passend zum Artikel
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