Die Staubwolke verschluckte allesIch hatte vielleicht zwei Stunden geschlafen, weil wir nachts für eine Reportage auf dem historischen Fischmarkt von New York gewesen waren, als mich ein Anruf aus der Redaktion in Frankfurt weckte: Ein Flugzeug sei in die Twin Towers geflogen. Sofort brachen wir auf, mein Kollege Alfons Kaiser und ich, mit dem ich zur Fashion Week angereist war. Als ich aus dem Taxi stieg, das wir ergattert hatten, obwohl der Verkehr eigentlich stillstand, sah ich die brennenden Türme. Alle beide. Ich begann zu fotografieren. Ich brauchte allerdings eine freie Sicht auf die Hochhäuser und die fliehenden Menschen darunter. In den Straßenschluchten von New York ist man perspektivisch stark eingeschränkt. Schließlich fand ich eine Mauer in einem Park etwa 300 Meter vom World Trade Center entfernt.Als ich auf die Mauer stieg, stürzte der erste Turm ein. Er fiel einfach in sich zusammen. Es war nicht mal laut, eher so ein Grummeln. Ich fotografierte die Fliehenden. Dann kam die Staubwolke. Auf einmal war die Sicht weg, die Akustik, alles, wie in einem Vakuum. Mein Kopf raste. Hatte ich mich vorher aufs Fotografieren konzentriert, dachte ich jetzt, gleich würde mir ein Stein auf den Kopf fallen oder Geröll mich begraben. Ich dachte an meine Kinder. Und weil ich nichts tun konnte, jede Bewegung in diesem Nichts war riskant, versuchte ich, meine Kameras zu schützen, indem ich sie unter meinem Hemd verbarg. Ich weiß bis heute nicht, wie lang ich auf der Mauer stand.Als die Sicht zurückkam, war alles weiß wie eine unberührte Schneelandschaft. Dann liefen Menschen die Straße entlang. Ich weiß nicht, woher sie kamen, sie waren weiß vom Staub. Eine Frau bedeckte ihren Kopf mit ihrem Pullover und trug deshalb nur einen BH. Ein Mann hatte bloß ein Unterhemd an, weil er sein Jackett als Schutz benutzte. Der Strom der Fliehenden wurde immer dichter. Ich war irgendwie ergriffen. Aber wer anfängt nachzudenken, hört auf zu fotografieren.Als der zweite Turm zusammenbrach, war ich nicht mehr überrascht. Die Szenen der Flucht wiederholten sich. Nur der Staub war ein anderer, flockiger, schwerer. Ich hatte keinerlei Informationen und dachte nicht an einen Anschlag. Erst als ich es tatsächlich geschafft hatte, meine Filme entwickeln zu lassen, und vom Hotel aus Fotos in die Redaktion schickte, erfuhren wir, was passiert war. Abends gelang es mir, das Gerippe der Türme zu fotografieren. Auch die nächsten Tage funktionierten wir, als Journalisten. Erst als ich wieder in meinem Bett in Frankfurt lag, bekam ich Fieber und Albträume.Wenn ich heute nach dem bedeutendsten Erlebnis in meinem Fotografenleben gefragt werde, reicht das Stichwort 9/11, und die Menschen erzählen, wo und wie sie das damals erlebt haben. Ganz gleich, ob in Asien oder in Afrika: Der 11. September ist ein Datum kollektiver Erinnerung auf der ganzen Welt. Helmut Fricke„Kannst du da mal hinfahren?“Am 11. September 2001 war ich Blattmacher im Ressort Deutschland und die Welt. Der Tag, ein Dienstag, begann wie jeder andere Tag auch: kurze Konferenz in unserer Redaktion, danach weitere Abstimmungen mit den Kollegen der anderen Ressorts. Wir hatten den Plan, als Aufmacher einen Artikel zur Fashion Week aus New York zu bringen, die traditionell im September dort stattfindet. Unser Ressortleiter Alfons Kaiser war in New York, zusammen mit dem Redaktionsfotografen Helmut Fricke, um über die Fashion Week zu berichten. Plötzlich liefen kurz vor 15 Uhr über die Agenturen die ersten Nachrichten ein. Es hieß zunächst, ein „kleineres Flugzeug“ sei ins World Trade Center geflogen. Ich rief Alfons an: Ob er da mal hinfahren könne? Er sagte, klar, sie würden es sich anschauen. Wir legten auf.Kurz darauf krachte das zweite Flugzeug in den anderen Turm. Ich ging schnell rüber in die Nachrichtenredaktion, die direkt neben unserem Büro lag. Sonst war es in dem großen Raum immer sehr laut, ständig wurde telefoniert, gelacht, gerufen. Jetzt nicht. Es war vollkommen still. Alle standen um den Fernseher herum, der hinter dem Schreibtisch des Nachrichtenchefs stand. Auf den Gesichtern der Kollegen Fassungslosigkeit. Im Fernseher liefen die Bilder von den brennenden Türmen und dem zweiten Flugzeug. Nach ein paar Minuten ging ich zurück in unser Büro, telefonierte wieder mit Alfons. Der war schon mit Helmut unterwegs Richtung World Trade Center. Zu dem Zeitpunkt standen die Türme noch. Die Verbindung war schlecht, man hörte die ganze Zeit Sirenen im Hintergrund. Er werde sehen, wie weit er an die Türme rankomme, sagte er. Am Ende wurde es eine bedrückende Reportage über Menschen, die nach dem Einsturz der Twin Towers um ihr Leben rannten.Eine unwirkliche Trümmerlandschaft: Es sind verstörende Bilder, die aus New York an jenem Tag in die ganze Welt gesendet werden.dpaViel Zeit zum Nachdenken hatten wir nicht, es war alles durchgetaktet: Der Redaktionsschluss war nah, die Seiten mussten neu gebaut, die spät aus New York einlaufenden Texte redigiert und Fotos ausgesucht werden. Ich weiß nur, dass ich einmal kurz meinen Vater angerufen habe, das war mir ein Bedürfnis.Der Tag endete für uns in Frankfurt gegen 23 Uhr, nachdem alle Aktualisierungen für die späteren Ausgaben der Zeitung gemacht waren. Ein Kollege aus dem Layout nahm mich im Auto mit zurück nach Wiesbaden, wo wir beide wohnten. Auf der Autobahn kamen wir an dem US Army Airfield vorbei. Das Rollfeld war hell erleuchtet, sehr viele Armeefahrzeuge fuhren sehr schnell hin und her. Als ich zu Hause ankam, habe ich den Fernseher eingeschaltet. Karin TruscheitZwischen Marl und ManhattanAm Tag des schlimmsten Terroranschlags der Geschichte, den Millionen Menschen über Stunden vorm Fernsehgerät verfolgten, habe ich ferngesehen. Stundenlang. Allerdings auch schon vor dem Anschlag.Ich war in Marl, wo ich als Fernsehkritiker die F.A.Z. in der Nominierungskommission für den Grimme-Preis vertrat, um eine Vorauswahl der besten Dokumentationen und Informationssendungen des Jahres zu treffen. Im Grimme-Institut in Marl mit seiner leicht surrealen brutalistischen Nachkriegsarchitektur saßen wir zu sechst oder siebt in einem Konferenzraum, sichteten die eingereichten Beiträge und erhielten, wie es bei Dokumentarfilmen nicht anders zu erwarten war, ein Panorama der Düsternis unserer Zeit: Rodung im Regenwald, vom Braunkohleabbau verschlungene Dörfer, Alzheimer, die unbewältigte Nazizeit. Ab und an brauchten wir eine Pause.Eine dieser Pausen am Nachmittag dauerte Stunden. Wie der Rest der Welt starrten wir fassungslos auf das albtraumhafte Geschehen in Manhattan, das, wie nicht nur wir Kritiker erkannten, einer perfiden Inszenierung fürs globale Fernsehpublikum folgte. Irgendwann brachen wir die Live-Übertragung ab und kehrten in unsere Dokumentarfilmwelt zurück, der Job musste ja erledigt werden. Sich vom spektakulären Schrecken ab- und dem alltäglichen zuzuwenden, fühlte sich wiederum surreal an.Peter Kloeppel, der Anchorman des zuvor stets belächelten Privatsenders RTL, erhielt für seinen hochprofessionellen Moderationsmarathon am 11. September später den Grimme-Preis. In Manhattan habe ich beim Besuch des 9/11-Nationalmuseums vor drei Jahren festgestellt, dass Gedenken nicht nur düster, sondern auch würde- und sogar hoffnungsvoll sein kann.In Marl bin ich nie wieder gewesen. Jörg ThomannSommer, Sonne, HochzeitSommer in Südfrankreich. Aix-en-Provence, über 30 Grad, eine Hochzeitslocation mit Palmen und Pool. Mein Mann, unser einjähriger Sohn und ich waren zwei Tage zuvor angereist. Meine beste Freundin würde am nächsten Tag meinen Jugendfreund heiraten. Viele unserer Freunde waren dort, einige hatte ich seit meinem Studienabschluss ein paar Jahre zuvor nicht mehr gesehen. Ich war wieder schwanger, so wie einige andere Frauen, die angereist waren. Wir waren jung, machten alle die ersten Schritte im Beruf oder waren gerade in Elternzeit. In dem Hotel, in dem wir alle wohnten und in dem auch die freie Trauung stattfinden sollte, herrschte eine fröhliche, ausgelassene Stimmung.Am Nachmittag machte ich mich mit einer Freundin auf den Weg in die Innenstadt, sie lag fußläufig, wir schoben beide einen Kinderwagen vor uns her. Wir bummelten durch die Läden, probierten Kleidung an.Unfassbar: Die Bilder der Anschläge erreichen die Menschen überall auf der Welt über die Fernsehbildschirme.ReutersPlötzlich, in einem der Läden, sah ich auf einem Bildschirm, der unter der Decke hing, einen in sich zusammenfallenden Turm. Ich blickte mich um, auch andere starrten auf den Bildschirm, aber längst nicht alle Leute in dem Laden. Ich las den Text, der unten auf dem Bildschirm eingeblendet wurde, und weiß noch, wie ich dachte: „Das kann doch nicht sein.“ Der Betrieb in dem Laden ging ganz normal weiter, niemand war geschockt, und längst nicht alle starrten auf den Bildschirm.Meine Freundin und ich verließen das Geschäft und gingen zurück zum Hotel. Auf dem Weg dorthin überlegten wir, was das, was wir im Fernsehen gesehen hatten, bedeutete. Dass die Welt danach eine andere sein würde, ahnten wir nicht. Die Welt um uns herum war einfach zu schön, um die Realität hereinzulassen. Katrin HummelIm Herzen der WeltpolitikMein zweiter Tag in der Hauptstadt, und ich hatte sowieso vor Aufregung permanent ein Flirren im Bauch. Als Volontärin einer Regionalzeitung waren zwei Wochen im Parlamentsbüro ein großes Ding. Weder von Berlin noch von Politik hatte ich viel Ahnung, und nun durfte ich den Büroleiter zum Verteidigungsausschuss begleiten, wo sich hinter verschlossenen Türen Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) verteidigen musste für Dinge, die nicht viel mit Verteidigung zu tun hatten: Das ganze Land redete über die Poolfotos des Ministers mit seiner neuen Liebe auf Mallorca. Hatte er mit der Flugbereitschaft anreisen dürfen? Würde seine Karriere das überstehen?Später, in der Redaktion, tippte ich gerade an meinem ersten Text, als ein Kollege uns vor seinem Fernseher zusammenrief. Aus der aufgerissenen Fassade des World Trade Centers, in das angeblich ein Flugzeug geflogen war, quollen Flammen und Rauch, und weil es unfassbar war und niemand glauben konnte, was er sah, merkten wir fast zu spät, dass plötzlich neue Bilder gezeigt wurden, auf denen ein zweites Flugzeug in den zweiten Turm crashte. Live. Vielleicht ist es angemessen, dass meine Erinnerung an dieser Stelle abbricht.Am Abend nahm mich ein Kollege mit ins Bundeskanzleramt. Der Bau noch nigelnagelneu, eine hohe Halle, die blaue Wand und alles voll mit gestandenen Journalisten, die jetzt genauso aufgeregt schienen wie ich. Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte Deutschlands „uneingeschränkte Solidarität“ mit dem angegriffenen Amerika, und ich, nur wenige Meter entfernt, in einem historischen Moment, der Weltpolitik so nah. Anschließend an der Straßenbahnhaltestelle fragte ich meinen Freund: „Glaubst du, es gibt jetzt Krieg?“ Julia SchaafIn Lourdes am falschen OrtJahr für Jahr pilgern mehrere Millionen Menschen an den französischen Marienwallfahrtsort Lourdes. Unter ihnen viele Kranke und Behinderte, weil sich dort seit Mitte des 19. Jahrhunderts einige wundersame oder jedenfalls medizinisch nicht anders erklärbare Heilungen ereignet haben. Um ihnen diese Reise zu ermöglichen, begleiten Freiwillige als Pfleger und Betreuer die Pilgerzüge. Für mich war es im Herbst 2001 schon das zehnte Mal, dass ich als Teil eines Malteser-Teams mitmachte – eine emotional und physisch anstrengende, aber enorm erfüllende Fahrt.Auf dem Hinweg sagte einer, er habe die Nachricht erhalten, es habe sich wohl ein schlimmer Terroranschlag in Amerika ereignet. Näheres wusste keiner: Mobiles Internet gab es kaum. Aber Mobiltelefone: Ich sagte, ich rufe mal in meiner Redaktion an, die müssen es ja wissen. Man bestätigte, Terroristen hätten Flugzeuge ins Pentagon und ins World Trade Center gelenkt und viele Menschen getötet. Die Kollegen erweckten aber auch den Eindruck, sie seien gerade nicht zum Plaudern aufgelegt. Also blieb uns nur, diesen Informationshappen zu verdauen.Weil man auf der langen Fahrt in die Pyrenäen – ein Pilgerzug mit Lazarettwaggon wird auf der Strecke nicht eben vorgereiht – schon sozusagen tief in den Windeln hängt, rückte das Weltgeschehen in den Hintergrund. Das Frappierende ist: Weil ich die ikonisch gewordenen Fernsehbilder von den einstürzenden Twin Towers erst 36 Stunden später gesehen habe, hatte mich bis dahin der Umstand viel stärker beeindruckt, dass es wem gelungen war, das militärische Zentrum der stärksten Macht der Welt anzugreifen. Ich bin dann bis zum Ende der Pilgerfahrt beim Team und unseren Kranken geblieben. Aber nie habe ich mich in Lourdes so sehr am falschen Ort gefühlt. Stephan LöwensteinWenn die Lieblingsserie unterbrochen wirdAls der Anschlag passierte, war ich sieben Jahre alt. Ich habe dazu ein Bild im Kopf: Es ist am späten Nachmittag. Draußen ist es schön hell und sommerlich warm. Ich sitze auf dem Teppichboden im Schlafzimmer meiner Mutter und schaue die „Tagesschau“. Ich verstehe nicht, was in New York passiert ist, nur, dass es sehr schlimm ist.Als ich später meine Mutter fragte, ob es so war, schrieb sie mir: „Nein, ich war im Wohnzimmer. Du warst im Hort? Ich glaube, ich war allein. Bin mir aber nicht sicher … Ich weiß aber bis heute noch, wie ich auf den Fernseher gestarrt habe. Es war unfassbar. Mir liefen die Tränen.“An einen Augenblick am Tag darauf erinnere ich mich aber recht gut: Während der großen Pause lungerten wir Jungs vor der Schultoilette herum. Meine Klassenkameraden Bruno und Nabil beschwerten sich darüber, dass auf RTL II das Nachmittagsprogramm mit den Animes wegen des Anschlags unterbrochen worden war und sie ihre Lieblingsserie „Dragon Ball Z“ nicht schauen konnten. Jannis Holl
11. September 2001: So erinnern sich FAZ-Redakteure
Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht weiß, wie er den 11. September 2001 erlebte. F.A.Z.-Redakteurinnen und -Redakteure fragen sich: Welche Bilder und Gefühle sind von diesem Tag geblieben?












