«Wo waren Sie am 11. September 2001?» Diese Frage kann fast jeder beantworten. Denn die Anschläge vor 25 Jahren haben sich tief ins Gedächtnis gegraben und die Welt verändert. Die Deutsche Presse-Agentur hat Prominente aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland gefragt, wie sie sich an den damaligen Terror erinnern - und welche Lehren sie daraus ziehen.Gordon Schnieder: «Der 11. September war eine Zäsur»Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder pendelte damals viel zwischen Köln und der Eifel und hörte dabei Nachrichten im Auto. «Die ganze Tragweite dessen, was da gerade geschah, konnte man in diesem Moment noch gar nicht erfassen - aber die Unfassbarkeit war sofort da», sagt der CDU-Politiker heute. «Der 11. September war eine Zäsur.»Man habe erlebt, «welche Bedrohung vom internationalen Terrorismus für unsere Sicherheit, unsere Freiheit und unsere Art zu leben» ausgehe - und daraus Konsequenzen gezogen. «Gerade Rheinland-Pfalz ist den Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten eng verbunden», betont Schnieder.Diese Partnerschaft habe nichts Abstraktes, deshalb gehöre für ihn zu diesem Jahrestag neben dem Gedenken an die Opfer auch Dankbarkeit. «Für unsere transatlantische Freundschaft und dafür, dass die Vereinigten Staaten gemeinsam mit uns für die Sicherheit Europas und unserer freiheitlichen Demokratien einstehen.»Alexander Schweitzer: «Die Erschütterung kannte keine Grenzen»Bei Alexander Schweitzer sind besonders «die Fassungslosigkeit und die Hilflosigkeit» in Erinnerung geblieben. Der SPD-Fraktionschef war damals 28 Jahre alt und holte gerade seine Tochter aus der Kita ab, als er von den Anschlägen erfuhr. Wie Millionen Menschen weltweit habe er das Geschehen anschließend vor dem Bildschirm verfolgt.«Die Erschütterung kannte keine Grenzen. Allen war unmittelbar klar: Die Welt ist jetzt eine andere», sagt Schweitzer. Der Anschlag habe seinen Blick auf Sicherheit verändert. «Der 11. September hat gezeigt, wie verletzlich offene Gesellschaften sind.» Seitdem sei Sicherheitspolitik für ihn «keine abstrakte Disziplin mehr». Sie betreffe «das Leben und die Freiheit jedes Menschen».Schweitzer erinnert an die Solidarität mit den USA. «Deutschland lässt seine Partner in einer solchen Situation nicht allein.» Gleichzeitig habe 9/11 gezeigt, dass Sicherheit nicht allein militärisch gewährleistet werden könne. Für Rheinland-Pfalz habe die transatlantische Verbindung besondere Bedeutung. Das Bundesland sei «ein wichtiger Ort dieser transatlantischen Beziehungen und Heimat vieler Angehöriger der US-Streitkräfte und ihrer Familien».Thomas Anders: «Die Welt war danach nie wieder so wie vorher»Auch Sänger Thomas Anders (Modern Talking) erinnert sich gut an den 11. September 2001. «Es gibt Situationen, die sich so ins Gedächtnis eingebrannt haben, dass man sie nie vergisst.» Er sei damals auf dem Weg zur Bank gewesen, D-Mark in Francs tauschen, weil er nach Nizza fliegen sollte.In der Bank habe ein LED-Würfel die Börsenkurse angezeigt. «Ich betrat die Eingangshalle, mehr als 100 Menschen vor dem Würfel, und ich sah, wie der erste Tower in sich zusammenfiel», erzählt Anders in Koblenz. Dieser Anblick habe sich tief eingeprägt: «Ich werde diesen Moment nie vergessen.»Die Anschläge änderten nach Anders' Einschätzung das Sicherheitsgefühl im Westen nachhaltig. «Die Welt war nie wieder wie vorher.» Die empfundene Grundsicherheit sei nicht mehr da. Es sei offensichtlich geworden, dass ein Teil der Weltbevölkerung «"unsere" westliche Welt aus ideologischen Gründen mit allen erdenklichen Mitteln erschüttern und zerstören will».Die Anschläge seien für ihn zudem ein strategischer Wendepunkt gewesen. «Militärische Überlegenheit bedeutete nicht automatisch Sicherheit.» Diese Erkenntnis präge ihn bis heute.Lutz Reichow: «Der Superheld USA war schwer verwundet»Kabarettist Lutz Reichow erinnert sich eindringlich an die Tage rund um den 11. September 2001. «Ich war genau eine Woche vor dem Untergang des WTC - es war ein Dienstag - als Tourist auf der Aussichtsterrasse und habe beeindruckt über New York geschaut.»Als die Anschläge geschahen, war Reichow auf einem Schiff als Künstler engagiert Richtung Bahamas. «Es war kurz nach dem Frühstück, als wir in der Kabine auf den Fernseher starrten.» Die Bilder seien unwirklich gewesen: «Ein Schock. Eine Zäsur. Der Superheld USA war schwer verwundet.»Seine grundsätzliche Sicht auf die Welt habe der Anschlag nicht verändert. «Das wäre auch nicht typisch für mich und die Spezies Mensch.» Der Mensch sei ein «Stehauf-Männchen». «Wir sind geschockt, trauern, beten, sind depressiv, aber es muss weitergehen.»Geopolitisch sieht Reichow drei große Gefahren: «Die stumpfsinnige Trump-Regierung, zweitens das Mörder-Regime von Putin und drittens die Chinesen, die sich aufmachen, den Planeten kontrolliert zu erobern.» Seine Hoffnung: «Ich wünsche mir ein starkes, einiges und wehrhaftes Europa mit einem führungsstarken Deutschland in der Mitte.»Bischof Ackermann: «Ich habe das zunächst nicht glauben wollen»Der Trierer Bischof Stephan Ackermann erinnert sich auch genau: «Ich war damals Leiter der Priesterausbildungsstätte in Lantershofen und habe am späteren Nachmittag in einem Gottesdienst von den Anschlägen erfahren, weil in den Fürbitten für die Opfer der Anschläge gebetet wurde. Ich habe das zunächst überhaupt nicht glauben wollen und dachte, der Vorbeter sei einem schlechten Scherz auf den Leim gegangen.»An dem Tag sei ihm bewusst geworden, wie verletzlich «unsere Welt» sei. «Selbst die ausgeklügeltesten technischen Überwachungs- und Verteidigungssysteme stoßen an ihre Grenzen, wo sich ein Übermaß an Hass und Fanatismus, möglicherweise sogar befeuert von pervertierten religiösen Ideen, aufgestaut hat», sagt der Bischof.«Der 11. September 2001 hat mir gezeigt, wie wichtig es zur Friedenssicherung ist, Terroristen mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen und zugleich nicht darin nachzulassen, durch religiöse, interkulturelle und gesellschaftliche Bildung Gewaltprävention zu leisten.»Christiane Tietz: Werde Verzweiflung der Menschen nicht vergessenDie Präsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Christiane Tietz, war während der Anschläge in Italien im Urlaub. «Der Vermieter trommelte plötzlich aufgewühlt an die Tür. Den Rest des Tages starrte ich auf Fernsehbilder aus New York», schildert sie. Nie werde sie die Menschen vergessen, die in Verzweiflung aus den Fenstern gesprungen seien.Nicole und das berühmte Foto der «Staubfrau»Sängerin Nicole erinnert sich ebenfalls noch genau an den 11. September 2001. «Ich war zu Hause und habe die schrecklichen Bilder in den Nachrichten gesehen», sagt sie in Nohfelden. «Besonders kann ich mich an die "Staubfrau" erinnern.» Das Foto der US-Amerikanerin Marcy Borders, die mit grauem Schutt bedeckt aus dem World Trade Center flieht, ging um die Welt.Da sie Vielfliegerin sei und durch Sicherheitskontrollen am Flughafen gehe, habe sie die Verschärfungen als gut und notwendig empfunden, sagt Nicole. Ihres Wissens nach lagen den US-Behörden Informationen über die Attentäter vor, die die Geheimdienste nicht teilten. «Die Lehre: Moderne Sicherheit basiert auf Datenaustausch und digitaler Überwachung», sagt die Saarländerin, die mit «Ein bisschen Frieden» 1982 den Eurovision Song Contest (ESC) gewann.André Eisermann: «Ich mache mir Sorgen»Schauspieler André Eisermann («Schlafes Bruder») erlebte die Anschläge bei Dreharbeiten in Montenegro. «Wir saßen in der Leseprobe, als wir erfuhren, dass ein Kleinflugzeug in das World Trade Center geflogen sein soll.» Erst nach und nach sei alles deutlich geworden. «Das wirkliche Ausmaß und die katastrophalen Ereignisse danach haben wir sprachlos und schockiert - wie Milliarden anderer Menschen auch - live am Bildschirm verfolgt.»Seine Sicht auf die Welt und die Sicherheit habe sich verändert, sagt der Wormser. «Ja. Ich mache mir Sorgen, dass es auch in Zukunft vermehrt zu solchen Terroranschlägen kommt.» Die Gefahr sei weiterhin sichtbar.Eisermann verweist auch auf die Attentäter des 11. September und ihre Verbindungen nach Deutschland. «Die Übeltäter solcher Terroranschläge leben mitten unter uns. Die Gruppe um Mohammed Atta zum Beispiel plante die Anschläge von Hamburg aus.» Bei der Frage nach persönlichen Lehren gibt sich der Schauspieler zurückhaltend. «Was soll ich daraus für Lehren ziehen? Das ist Aufgabe der Politik. Persönlich sage ich: uffbasse!»David Sirakov: «Wie schnell Normalität zerbrechen kann»Für den Politikwissenschaftler David Sirakov war der 11. September 2001 ein Moment, in dem sich das Gefühl für die Welt schlagartig änderte. Sirakov studierte an der Universität Trier und absolvierte ein Praktikum am damaligen Asieninstitut in Hamburg. Als die ersten Live-Bilder zu sehen gewesen seien, hätten «Fassungslosigkeit und das Gefühl, Zeuge von etwas Unfassbarem zu werden» geherrscht.Besonders eingeprägt habe sich ihm die rasch wachsende Ungewissheit: «Was geschieht hier gerade? War es ein isolierter Angriff - oder der Beginn einer viel größeren Krise?» Mit dem Einsturz der Zwillingstürme sei klar geworden, «dass sich die Welt an diesem Nachmittag verändert hatte», sagt der heutige Leiter der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz.Prägend seien auch die Entscheidungen der Folgejahre gewesen. Daraus habe er gelernt, dass politisches Handeln oft Folgen habe, die niemand beabsichtige. Militärische Interventionen könnten Handlungsfähigkeit demonstrieren, lösten aber «nicht automatisch die politischen, gesellschaftlichen und regionalen Ursachen von Gewalt und Instabilität». Persönlich bleibe die Erfahrung, «wie schnell das Gefühl von Normalität und Sicherheit zerbrechen kann».Ramsteins Bürgermeister: «Es wurde mit einem Anschlag gerechnet»Der Ramsteiner Bürgermeister Ralf Hechler (CDU) erhielt damals als Selbstständiger in seinem Sportfachgeschäft einen Anruf seines Bruders Stefan: «Mach mal schnell den Fernseher an. Das ist unfassbar, was in New York gerade passiert.» Das zweite Flugzeug sei gerade in das World Trade Center geflogen. «Ich war geschockt, ein unfassbarer Moment.»Die Anschläge hätten die Sicherheitslage rund um die Militärbasis Ramstein deutlich verändert. «Es wurde mehr kontrolliert und mehr eingezäunt, abgesperrt», erzählt Hechler. Im benachbarten Ort Ramstein gab es Bombendrohungen, einen falschen Milzbrandalarm und zwei Evakuierungen wegen einer angeblichen Bedrohungslage. «Es wurde immer wieder mit einem Anschlag gerechnet, der aber Gott sei Dank nie eingetreten ist.»Die Anschläge von 9/11 verdeutlichen Hechler zufolge, wie schnell die Welt zu erschüttern sei und die Sicherheitslage sich von jetzt auf gleich ändern könne. «Und wie man Ohnmacht erfährt und hofft, dass sich das wieder einrenkt... und es nicht zu weiteren Verwerfungen oder gar Krieg führt.»
Erinnerungen an 9/11: Als die Welt aus den Fugen geriet - WELT
Vor 25 Jahren wurde ein 11. September zum Symbol einer neuen Zeit. Menschen aus der Rheinland-Pfalz und dem Saarland erzählen von einem Tag, der ihren Blick auf die Welt veränderte.











