Frau Erll, die meisten Menschen erinnern sich, wo und mit wem sie zusammen gewesen sind, als sie die Nachricht von den Anschlägen des 11. September 2001 erfahren haben. Warum?Der Grund sind sogenannte Blitzlichterinnerungen oder „flashbulb memories“. Wir erinnern uns scheinbar ganz genau daran, wo wir waren, mit wem und wie wir von dem Ereignis erfahren haben – also etwa durch das Fernsehen, Radio oder über den Telefonanruf eines Familienmitglieds. Blitzlichterinnerungen sind also streng genommen Erinnerungen an ein „Rezeptionsereignis“. Wenn sie einmal geformt sind, bleiben solche Blitzlichterinnerungen über das ganze Leben hinweg ziemlich stabil. Sie erscheinen vielen wie ein klares, „eingefrorenes“ Foto des Ereignisses. Deshalb können die meisten, die den 11. September 2001 miterlebt haben, sich auch heute noch ganz genau daran erinnern, wie sie von dem Terrorangriff erfahren haben.Ist Erinnerung immer mit Orten und Umständen verbunden, oder ist das nur bei großen Ereignissen so?Ja, das spezielle Phänomen der Blitzlichterinnerung formt sich nach großen, oft schockhaften Ereignissen. Terroranschläge, Kriegsausbrüche, Naturkatastrophen, Ermordungen. Die ersten Blitzlichterinnerungen, die im Jahr 1977 von Psychologen in den USA untersucht wurden, waren die Ermordung von John F. Kennedy und Martin Luther King. Es gibt aber auch positiv besetzte Blitzlichterinnerungen. Untersucht wurden etwa der Waffenstillstand von 1918 oder der Fall der Berliner Mauer. Die Liste der positiven Blitzlichterinnerungen scheint aber von Fußball-Weltmeisterschaften angeführt zu werden! Daneben wird jeder auch ganz persönliche Ereignisse nennen können, die sich in der Erinnerung ähnlich anfühlen, wie die Geburt unserer Kinder oder die Nachricht vom Tod nahestehender Menschen. Die Forschung nennt diese Erinnerungen allerdings nicht Blitzlichterinnerung, denn der Clou an diesen ist, dass sie ein soziales Phänomen sind: Sie betreffen ein Kollektiv. Sich an ein bestimmtes Ereignis erinnern zu können, zeigt an, dass man zum Kollektiv gehört. In den USA haben Psychologen gefragt, ob man sich noch als Amerikaner fühlt, wenn man sich, zum Beispiel aufgrund einer Demenz, nicht mehr an den 11. September erinnern kann. Die Antwort war „nein“.Man spricht für den 11. September oder die erste Mondlandung vom „kollektiven Gedächtnis“. Was genau ist das – und wie kollektiv ist das eigentlich?Kollektives Gedächtnis heißt nicht, dass sich alle gleich erinnern, sondern dass Erinnerung über verschiedene Dimensionen vernetzt ist. Das kollektive Gedächtnis ist ein verteiltes Gedächtnis. Erinnern passiert nicht nur „im Kopf“, sondern immer auch in Verbindung mit der Umwelt. Die Blitzlichterinnerung „9/11“ ist ein Beispiel für das kollektive Gedächtnis, weil sie zum einen eine kognitive Dimension aufweist, es ist eine lebhafte, detailreiche und dauerhafte Erinnerung, die aber zum anderen von ihrer sozialen Relevanz untrennbar ist: Nur weil wir davon erzählen können und weil andere auch solche Blitzlichterinnerungen haben, vergessen wir nicht, wie wir von einem bestimmten Ereignis erfahren haben. Gerade beim 11. September kommen zudem noch viele Aspekte dazu, die wir unter dem Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“ fassen, die also vor allem durch Institutionalisierung zustande kommen: Das Ereignis hat die amerikanische Identität nachhaltig geformt, steht für bestimmte Werte und Normen, hat Kriege legitimiert und ist nicht zuletzt heute zentraler Bestandteil einer Erinnerungslandschaft, mit Denkmälern, Unterrichtsmaterialien, Filmen, Büchern. Das stärkt die Bedeutung von Blitzlichterinnerungen dann noch einmal.Erforscht das kollektive Gedächtnis: Astrid ErllNikolai LinaresWer nach 2001 geboren wurde, erinnert sich ja nicht direkt etwa an den 11. September. Kann man da von „Erinnerung“ sprechen?Ja, es sind einfach nur nicht Erinnerungen an selbst Erlebtes, sondern Erinnerungen an transgenerationell vermitteltes Wissen. Diese Erinnerungen „zweiter Hand“ können genauso emotional aufgeladen und identitätsstiftend sein wie im engeren Sinne autobiographische Erinnerungen.Der 11. September ist ein globales Ereignis gewesen. Es ist auch ein globales Gedächtnisphänomen. Welche Rolle spielt die Medienentwicklung bei der Bildung von Erinnerung – und was ändert sich durch neue Medien?Der 11. September war das letzte Großereignis eines vergangenen Zeitalters: des Zeitalters der Massenmedien. Es war ein transnationales Medienereignis, bei dem ein Großteil der Menschheit auf der Welt zur selben Zeit dieselben Bilder im Fernseher gesehen hat. In unserer heutigen digitalen Medienökologie ist es viel schwieriger geworden, Blitzlichterinnerungen zu identifizieren, die von größeren, vielleicht sogar transnationalen Gruppen geteilt werden. Erstens ist die Anzahl der medial vermittelten Ereignisse, die eine „Blitzlichtqualität“ aufweisen, enorm gestiegen. Allein in den zwei Wochen vor dem 25. Jahrestag des 11. September 2001 sind wir unter anderem konfrontiert mit den Bildern der Sturzflut in Nepal, dem USA/Iran-Krieg, einer tödlichen Welle russischer Angriffe auf Kiew. Zweitens erhalten die meisten Menschen ihre Nachrichten dezentral, über verschiedene Plattformen zu verschiedenen Zeiten auf ihre Smartphones. Statt eines einzigen Ereignisses, das sich wie ein „Big Bang“ anfühlt, haben wir es heute eher mit einem nicht enden wollenden „Strom von Ereignissen“ zu tun.Was bedingt eigentlich, dass etwas irgendwann wieder herausfällt aus dem kollektiven Gedächtnis?Zunächst einmal fällt 99,9 Prozent dessen, was sich tagtäglich ereignet, wieder auf dem Gedächtnis heraus. Das ist auch gut so, denn mit „total recall“ könnten weder Individuen noch Gruppen richtig funktionieren. Die Frage ist also eher: Was wird erinnert? Zu den Antworten gehört: Was emotional prägend ist, was sich gut in das bisher Erinnerte und in unsere Narrative einpasst, was unsere Identität und unser positives Selbstbild stärkt, aber auch umgekehrt das, was nach Nietzsche nicht aufhört wehzutun. Damit Erinnerungen über die Generationsschwelle getragen werden, und genau da stehen wir jetzt mit dem 11. September, bedarf es zusätzlich Formen der Fixierung: also medialer Darstellungen, Museen und Gedenkstätten und so weiter. Und es bedarf einer neuen Relevanz. Denn auch das ist typisch für das kollektive Gedächtnis: Es ist dynamisch. Seine Inhalte und Bedeutungen ändern sich mit jedem neu dazukommenden Ereignis und mit jeder neuen Generation.Sie haben die „Frankfurt Memory Platform“ innerhalb des Forschungszentrums historische Geisteswissenschaften gegründet. Was sind die Ziele dieser Studiengruppe?Die Frankfurt Memory Studies Platform gibt es schon seit 2011. Worum es geht, ist eine interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit in der Erforschung des kollektiven Gedächtnisses.Wer arbeitet daran mit?Aktuell leite ich die Plattform zusammen mit meiner Kollegin Hanna Teichler, einer Literaturwissenschaftlerin mit Spezialisierung in den postkolonialen Studien. Über die Jahre haben wir mit Vertreterinnen und Vertretern der Literatur- und Kulturwissenschaften, der Soziologie, der Geschichtswissenschaften, der Psychologie gearbeitet. Wir haben über die Jahre hinweg insbesondere eine große Anzahl von internationalen Fellows bei uns begrüßen dürfen, die mit uns über Gedächtnis etwa in China, Japan und Südkorea, in der Türkei, in Brasilien, Argentinien und Chile gesprochen haben. Solche komparativen Perspektiven sind besonders wichtig, damit die Gedächtnisforschung nicht eurozentrisch bleibt.Welche Fragestellungen haben sich seit Gründung der Plattform verändert, vor allem durch die digitalen Medien?Die digitalen Medien sind in fast jeder Hinsicht ein „Gamechanger“ für das kollektive Gedächtnis: was Archive angeht, was die Erinnerung an Lebenserfahrung angeht und was Zugang zu historischem Wissen angeht, neuerdings durch KI. Der aktuell wichtigste Punkt ist für mich das, was Medienwissenschaftler „platform agency“ nennen: Wie formen Algorithmen aktiv mit, was und wie wir erinnern?Was sind Ihre derzeitigen Forschungsinteressen?Ich habe in den vergangenen sechs, sieben Jahren an einem Dialog zwischen Kulturwissenschaften und Kognitionspsychologie gearbeitet, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir kollektives Gedächtnis nur verstehen, wenn wir die Interaktion zwischen kognitiven, sozialen und medialen Dimensionen besser verstehen.
Erinnerungen an 9/11: Warum jeder noch weiß, was er am 11. September getan hat
Wie und wo habe ich am 11. September 2001 von den Anschlägen erfahren? Viele Menschen erinnern sich ganz genau daran. Woran das liegt, erklärt Erinnerungsforscherin Astrid Erll.











