Tessiner Regierung entmachtet Claudio Zali – doch er lehnt einen Rücktritt abDer Lega-Staatsrat Claudio Zali bleibt bis Ende Monat im Amt, leitet aber sein Departement ab sofort nicht mehr. Gegen ihn läuft ein neues Strafverfahren. Der Vorwurf lautet auf Verletzung der sexuellen Integrität.Peter Jankovsky, Bellinzona02.09.2026, 20.25 Uhr4 LeseminutenWill im Amt bleiben: Staatsrat Claudio Zali.Francesca Agosta / KeystoneDie seit dem Sommer schwelende Regierungskrise im Tessin erreicht einen neuen Höhepunkt. Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Lega-Regierungsrat Claudio Zali, der wegen mehrerer Skandale Ende September zurücktritt, eine zweite Strafuntersuchung eingeleitet. Es geht um mögliche Vergehen gegen die sexuelle Integrität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seine vier Regierungskollegen reagieren darauf ungewöhnlich heftig: Sie entziehen Zali per sofort die Amtsgewalt über sein Departement für Umwelt und Verkehr. Vorübergehend soll es der stellvertretende Departementschef und Gesundheitsdirektor Raffaele De Rosa (Mitte) leiten.Die Tessiner Regierungspräsidentin Marina Carobbio (SP) hat am Mittwoch an einer Medienkonferenz erklärt, die Regierung habe Zali bereits tags zuvor aufgefordert, seinen für Ende September angekündigten Rücktritt sofort zu vollziehen. Dies, um die Glaubwürdigkeit der kantonalen Institutionen zu schützen. Weil Zali aber ablehnte, entzog ihm das Kollegium am Mittwoch die Departementsführung.Eine Amtsenthebung selbst kann das Regierungskollegium rechtlich gesehen nicht durchführen. Das darf lediglich das Kantonsparlament, aber nur bei einem gerichtlichen Urteil wegen eines schwerwiegenden Vergehens. Zali bleibt also bis 30. September Staatsrat. Laut dem Staatskanzler Arnoldo Coduri darf er weiterhin an den Sitzungen teilnehmen und sein Büro nutzen, hat aber nur eingeschränkten Zugang zu seinem E-Mail-Postfach, da er keine Verantwortung mehr für die Dossiers seines Departements trägt.Anfang Oktober soll der SVP-Nationalrat Piero Marchesi, erster Nachrückender auf der entsprechenden Liste, anstelle von Zali Regierungsmitglied werden. Marchesi erklärte sich aber bereit, nötigenfalls sofort anzutreten. Er wird Zali interimistisch ersetzen und bis zu den kantonalen Wahlen im Frühjahr 2027 amtieren.Ereignisse liegen mehrere Jahre zurückDie neuen Ermittlungen gegen Zali, der selbst lange als Richter am kantonalen Strafgericht wirkte, machte das Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI) publik. Es hatte Einsicht in eine Mitteilung des Generalstaatsanwalts an das Präsidium des Grossen Rates erhalten. Die Tessiner Staatsanwaltschaft bestätigte gegenüber der Zeitung «La Regione», dass aufgrund der Aussagen einer Drittperson ein Verfahren wegen Straftaten gegen die sexuelle Integrität eröffnet worden sei. Die Vorwürfe beziehen sich auf mehrere Jahre zurückliegende Ereignisse.Nach Informationen der Zeitung geht es um die Artikel 191 und 193 des Strafgesetzbuches, die sexuelle Handlungen mit einer urteils- oder widerstandsunfähigen Person beziehungsweise unter Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses betreffen. Für Zali gilt die Unschuldsvermutung.Der 64-Jährige war an der Medienkonferenz nicht anwesend. Kurz davor teilte er schriftlich mit, das neue Verfahren sei aufgrund einer falschen Meldung der 52-jährigen Frau eingeleitet worden, die Mitte August im Luganersee gefunden worden war und die zuvor heimlich aufgezeichnete Telefongespräche veröffentlicht hatte. Ihn selbst habe die Staatsanwaltschaft bereits befragt.Die Frau habe keine Straftaten zu ihrem eigenen Nachteil, sondern zulasten einer Drittperson gemeldet. Diese habe die Vermutungen aber zurückgewiesen und bestreite, dass Zali sich ihr gegenüber unzulässig verhalten habe. Zali erwartet deshalb, dass das aus seiner Sicht unbegründete Verfahren bald eingestellt wird. Und daher werde er bis zu dem von ihm selbst festgelegten Datum im Amt bleiben, betont er.Vor dem Tod als Zeugin befragtDie 52-jährige, mittlerweile verstorbene Frau hatte im Juli Telefonmitschnitte aus den Jahren 2022 und 2023 veröffentlicht – mit einem Mann, bei dem es sich um Zali handeln soll. Auf den Aufnahmen spricht der Mann mit ihr über eine dritte Frau, welche die 52-Jährige belästigt habe. Laut RSI fordert der Mann seine Gesprächspartnerin auf, die Frau zu verprügeln. Zudem erklärt der Mann, er selbst habe dies bereits getan, als die Stalkerin bei ihm zu Hause erschienen sei. Ob sich der Vorfall tatsächlich ereignet hat, bleibt unklar.Nach Informationen von «La Regione» handelt es sich bei der 52-Jährigen um jene dritte Person, auf deren Aussagen die neue Untersuchung gegen Zali zumindest teilweise beruht. Sie wurde vor ihrem Tod von der Kantonspolizei und der Staatsanwaltschaft als Zeugin befragt.Die Todesumstände der Frau werden weiterhin untersucht. Die vorläufigen Ergebnisse der Autopsie ergaben keine Hinweise auf äussere Gewalteinwirkung. Noch fehlen toxikologische und histologische Befunde. Einen direkten Zusammenhang zwischen ihrem Tod und dem Strafverfahren gegen Zali stellt die Staatsanwaltschaft nicht her.Bereits zuvor war gegen Zali ein Strafverfahren eröffnet worden. Es betrifft eine Sitzung von Anfang Juni in seinem Büro: Dabei ging es um einen 14-jährigen Jugendlichen, der vorübergehend zur Untersuchungshaft ins Erwachsenengefängnis La Farera bei Lugano eingewiesen worden war. Zali soll hohe Beamte und die zuständige Jugendrichterin eindringlich zu den Haftbedingungen befragt und sich nach Alternativen erkundigt haben – offenbar auf Bitte der Mutter des Jungen, einer Bekannten von ihm. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Fall wegen Amtsmissbrauchs und versuchter Nötigung.