Interview«Der Kanton Tessin darf keinen Schmutz unter den Teppich kehren»Gianni Righinetti, der Vizechefredaktor und politische Kommentator des «Corriere del Ticino», spricht über die Affäre um Staatsrat Claudio Zali.Gerhard Lob, Bellinzona31.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Tessiner Regierungspräsident Claudio Zali verlässt die Regierung per Ende September. Ihm wird Fehlverhalten in mehreren Fällen vorgeworfen.Francesca Agosta / TI-Press / KeystoneIn der Affäre, welche diese Woche zum Rücktritt des Tessiner Lega-Staatsrats Claudio Zali führte, spielt unter anderem eine E-Mail aus dem Jahr 2020 eine Rolle. Darin machte Zali dem Präsidenten des Spitalamts EOC, einem Parteifreund, unverhohlen Druck, dass eine Bekannte von ihm eine Stelle erhält. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die E-Mail lasen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ich war fassungslos. Und fragte mich: Soll das ein Scherz sein? Eine Person oder einen Bekannten auf sanfte Art und Weise zu empfehlen, ist eine Sache; eine Einstellung zu fordern und sogar zu sagen, wer den Platz räumen könnte, nämlich ein Grenzgänger, ist etwas ganz anderes. Zali hat seine «Empfehlung» auf respektlose Art und Weise gemacht. Das ist eine Machtdemonstration, die jedes Mass verloren hat. Wenn eine Person, die den Staat repräsentiert, sich so unverhohlen äussert, ist das Problem nicht nur die Form. Es ist der Inhalt, der sehr schwer wiegt.Die Tessiner Regierung hat verlauten lassen, Tonart und Modalität seien fragwürdig, geisselte den Inhalt aber nicht. Heisst das, dass eine solche Praxis bei der Jobvergabe im Tessin normal ist?Der entscheidende Punkt ist nicht, dass diese Druckversuche arrogant formuliert waren, sondern dass sie überhaupt ausgeübt wurden. Eine öffentliche Stelle zu vergeben, ist kein Gefallen, den man hintenherum gewährt. Ein solches Vorgehen als stilistischen Ausrutscher darzustellen, birgt die Gefahr, ein institutionelles Problem als eine Lektion guter Manieren abzutun.Inzwischen hat sich der Gesundheits- und Sozialdirektor Raffaele De Rosa, an den die E-Mail als Kopie ging, immerhin dafür entschuldigt, nicht reagiert zu haben. Ist er glaubwürdig?De Rosas Entschuldigung kam spät, ist aber immer noch viel besser als das Schweigen anderer. Er behauptet, er habe Zalis arroganter E-Mail nicht die nötige Bedeutung beigemessen, auch angesichts der damaligen Umstände während der Corona-Pandemie. Das mag eine Erklärung sein, ist aber kein Freipass. Er war damals Direktor des Gesundheitsdepartements und sass im EOC-Verwaltungsrat. Doch vergessen wir nicht, dass Zali dieses Schreiben verfasst hat, nicht De Rosa.Gabriele Putzu / CdTVor gut dreissig Jahren war die Lega dei Ticinesi als Bewegung gegen die etablierten Parteien FDP, Mitte und SP gegründet worden, unter anderem um die Job- und Auftragsverteilung nach Parteizugehörigkeit zu bekämpfen. Ist das Vorhaben gescheitert?Ja. Mehr noch: Das Versprechen hat sich ins Gegenteil verkehrt. Die Lega entstand, als sie gegen Parteienherrschaft, Vetternwirtschaft und Postenverteilung ankämpfte. Dreissig Jahre später stellen wir fest, dass ein Lega-Minister eine öffentliche Einrichtung wie eine Institution behandelt, in der er mit einem Anruf oder einer E-Mail Personen und Posten verschieben kann. Das bedeutet nicht, dass jeder Kampf der Lega vergeblich war. Es bedeutet jedoch, dass die Anti-Partei, sobald sie zur Regierungspartei geworden ist, letztlich Laster und alte Verhaltensmuster übernommen hat.Die kantonalen Departemente gelten als Herrschaftsgebiete der jeweiligen Chefs beziehungsweise ihrer Parteien – Finanzdepartement FDP, Polizeidepartement Lega, Erziehungsdepartement SP. Offenbar ist dieser «Departementsgeist» nicht auszulöschen. Woran liegt das?In den Departementen lässt sich Macht und Sichtbarkeit verteilen, aber auch Schutz. Jeder Direktor identifiziert sich letztlich mit seinem eigenen Ressort, während der Gesamtstaatsrat bei uns manchmal einer Konföderation aus fünf kleinen Königreichen gleicht. Die Parteien wachen über «ihr» Revier, die Beamten lernen, die Machtverhältnisse zu deuten. Dabei verwässert die kollektive Verantwortung. Solange eine Massnahme funktioniert, gebührt das Verdienst dem Departementschef oder der Chefin; wenn sie jedoch scheitert, wird sie plötzlich zu einer Angelegenheit des Kabinetts. Dieser «Departementsgeist» überlebt, weil fast alle davon profitieren, ausser natürlich die Bürgerinnen und Bürger.Auch die Wahlen von Staatsanwälten und Richtern durch den Grossen Rat gemäss Parteibuch sorgen im Tessin regelmässig für rote Köpfe. Just Zali wollte das eigentlich reformieren. Was läuft falsch? Es ist eine Art Kurzschluss-Effekt. Zwar wird die parteipolitische Aufteilung angeprangert, doch dann entscheidet die Politik weiterhin darüber, wer sie in der Justiz kontrollieren und beurteilen soll. Wenn die Parteizugehörigkeit mehr zählt als das berufliche Profil, schwindet effektiv das Vertrauen. Zali wollte das System reformieren, doch diesen Vorschlag werden wir nun nie mehr zu sehen bekommen. Es scheint, als wären die Nominierungen im Gerichtswesen von einer Art Fluch befallen. Es wäre ein klarer Bruch mit der Vergangenheit nötig, denn heute gibt es bei der Tessiner Politik in dieser Beziehung ein Feilschen wie auf einem Jahrmarkt.Wie stark ist die Vetterliwirtschaft – der «nepotismo» – im Tessin verbreitet?Ich besitze kein Dosimeter für dieses Phänomen. Und es wäre ungerecht, jede Einstellung im öffentlichen Dienst als manipuliert darzustellen. Aber das Tessin ist klein: Jeder kennt jeden, und genau deshalb brauchen wir strengere Regeln, nicht flexiblere. Das Problem besteht nicht darin, eine kompetente Person vorzuschlagen; das Problem entsteht, wenn ein Name Türen öffnet, die sich sonst nicht öffnen würden. Schon eine einzige manipulierte Einstellung schadet allen: denen, die nicht berücksichtigt wurden, und denen, die ehrlich eingestellt wurden, aber stets dem Verdacht ausgesetzt sind, einen Job nur wegen der richtigen Beziehungen erhalten zu haben.Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Politik ist im Tessin nach einer chaotischen Legislaturperiode tief erschüttert. Wie sehr schadet die Affäre Zali nun zusätzlich dem Image? Immerhin hat der demissionierende Staatsrat eingeräumt, verbale Gewalt ausgeübt zu haben. Der Verdacht ist, dass es sogar über reine Worte hinausging.Der Schaden ist enorm. Denn diese Legislaturperiode war bereits von Spannungen, Skandalen und etlichen Pannen geprägt. Der schlimmste Schaden entsteht jedoch nicht dadurch, dass das Tessin seine Schwächen offenbart. Er entsteht, wenn es diese herunterspielt. Wenn nun der demissionierende Staatsrat von «blosser verbaler Gewalt» spricht, ist das gravierend. Denn die Worte derer, die öffentliche Macht ausüben, haben ein besonderes Gewicht. Der Kanton Tessin wird seine Glaubwürdigkeit nicht dadurch zurückgewinnen, dass er den Schmutz unter den Teppich kehrt, sondern indem er zeigt, dass Institutionen, Parteien und Kontrollinstanzen in der Lage sind zu reagieren. Der Rücktritt Zalis beendet eine politische Karriere, gibt aber keine Antworten auf die vielen offenen Fragen.Passend zum Artikel