Wirren um Tessiner Staatsrat Zali: Die ertrunkene Frau weist keine Spuren von Gewalteinwirkung aufNach der Entmachtung des Lega-Staatsrats Claudio Zali steht politisch die Frage im Zentrum, wie es mit der Annäherung zwischen der Lega und der SVP weitergeht.Peter Jankovsky, Bellinzona06.09.2026, 19.40 Uhr3 LeseminutenDer Staatsrat Claudio Zali, aufgenommen am 2. September nach seiner Diskussion mit der Tessiner Regierung.Francesca Agosta / KeystoneAm 18. August fand man bei Melide eine 52-Jährige tot im Luganersee. Es handelte sich um die Frau, die heikle Tonaufnahmen mit dem Lega-Staatsrat Claudio Zali veröffentlicht und damit eine Krise der Kantonsregierung ausgelöst hatte. Der Druck auf Zali wurde daraufhin so gross, dass er auf Ende September seinen Rücktritt erklärte. Zudem haben ihm seine Regierungskollegen letzte Woche jegliche Amtsbefugnis entzogen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Behörden führten eine Autopsie der 52-Jährigen durch. Nun liegen erste Ergebnisse vor. Es gibt keine Hinweise auf äussere Gewalteinwirkung – festgestellt wurden hingegen ein hoher Alkoholspiegel im Blut sowie Spuren von Benzodiazepinen, also von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Allerdings fehlten noch die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchungen und weiterer Spurenauswertungen, erklärt die Tessiner Kantonspolizei.Unklare UmständeDennoch hält sie Ertrinken für die wahrscheinlichste Todesursache. Hinweise auf eine Beteiligung Dritter hat sie weiterhin keine. Auch einen Zusammenhang zwischen dem Tod der Frau und dem Noch-Staatsrat Zali stellt die Polizei nicht her.Einige Umstände geben jedoch zu denken. Ende Juli hatte die 52-Jährige unter dem Pseudonym «Sabrina» dem feministischen Kollektiv «Io L’8 Ogni Giorno» geschrieben, sie fühle sich nach der Veröffentlichung der Aufnahmen auf Instagram «in Gefahr». Vor einigen Tagen wurde der Brief vor dem Justizpalast in Lugano an einer Mahnwache mit rund hundert Teilnehmerinnen verlesen.Die Anwältin der 52-Jährigen bezeichnete ihre Mandantin als geübte Schwimmerin, beschrieb sie als vernünftig und unternehmungslustig und schloss Selbstmord aus. Ausserdem griff laut Medienberichten ein maskierter Mann die Frau zehn Tage vor ihrem Tod nach einer nächtlichen Schwimmrunde an und verletzte sie am Kopf. Die 52-Jährige suchte die Notaufnahme auf und erstattete Anzeige gegen Unbekannt.Die Tessiner Regierung hat ihren Kollegen Claudio Zali politisch entmachtet, weil eine Strafuntersuchung wegen mutmasslicher sexueller Übergriffe gegen ihn eingeleitet wurde. Es ist bereits die zweite innert weniger Wochen. Zali erklärte, die neue Untersuchung sei aufgrund einer falschen Meldung der 52-jährigen Frau aus Melide eingeleitet worden.Auf den von ihr aufgezeichneten Telefongesprächen ist ein Mann zu hören, bei dem es sich vermutlich um Zali handelt. Dieser Mann rät der 52-Jährigen, eine andere Frau zu verprügeln, die sie belästigt habe. Er selbst habe dies bereits getan, als die angebliche Stalkerin bei ihm zu Hause erschienen sei. Ob der geschilderte Vorfall tatsächlich stattfand, ist ungeklärt.Bereits zuvor war gegen Zali eine Strafuntersuchung eröffnet worden. Sie betrifft eine Sitzung Anfang Juni in seinem Büro, bei der es um einen 14-Jährigen ging, der vorübergehend im Erwachsenengefängnis La Farera in Untersuchungshaft sass. Zali soll auf Bitte der Mutter, einer Bekannten von ihm, einige zuständige Beamte und die Jugendrichterin zu den Haftbedingungen befragt und sich nach Alternativen erkundigt haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Amtsmissbrauchs und versuchter Nötigung.Die regionalen Medien spekulieren über alle möglichen Zusammenhänge und kritisieren die zögerliche Kantonsregierung, während sich die kantonalen Politiker mit Vermutungen zurückhalten. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit steht vielmehr eine neue politische Dynamik, die durch die Regierungskrise ausgelöst wurde.Zalis Lega und die kantonale SVP nähern sich einander wieder an, nachdem die SVP erst kürzlich eine gemeinsame Liste für die Kantonalwahlen 2027 verworfen hat – weil Zali sie beschimpft hatte. Die Annäherung ist zum einen dadurch bedingt, dass für Zali ein Nachfolger aus der SVP bereitsteht: Nationalrat Piero Marchesi, erster Nachrücker auf der Liste, nimmt Anfang Oktober bis zu den kantonalen Wahlen im Frühjahr 2027 auf Zalis Regierungssessel Platz.Viele BerührungspunkteZum anderen hat das kantonale SVP-Komitee Verhandlungen über ein nicht näher definiertes «gemeinsames Haus» mit der rechtspopulistischen Lega gutgeheissen. Im politischen Gedankengut gibt es viele Berührungspunkte zwischen den Parteien. Zudem ist die schon länger schwächelnde Lega immerhin noch drittstärkste Partei im Tessiner Grossen Rat und verfügt über eine deutlich grössere Wählerschaft als die kleine kantonale SVP. Die Idee wurde auch vom Lega-nahen Sonntagsblatt «Il Mattino» aufgegriffen; die Lega selbst muss dem aber erst noch zustimmen.Für künftige kantonale Wahlen wäre jedenfalls eine enge Allianz oder gar Verschmelzung von Bedeutung: Lega und SVP würden zusammen über 23 Sitze im 90-köpfigen Kantonsparlament und damit über eine Mehrheit verfügen. Die Krise um Claudio Zali könnte also zu einer deutlichen Verschiebung der Machtverhältnisse im Tessin führen.Passend zum Artikel