Die Tessiner Schwesterparteien Lega und SVP trennen sich. Im Kreuzfeuer steht Regierungspräsident ZaliDie Tessiner Rechtsparteien Lega und SVP haben jahrelang von gemeinsamen Wahllisten profitiert. Nun kündigt die kleine SVP der grossen Schwester wegen einer Personalie die Freundschaft. Sie wagt bei den Kantonalwahlen 2027 einen Alleingang.Peter Jankovsky, Bellinzona06.07.2026, 05.28 Uhr3 LeseminutenWill wieder in die Kantonsregierung, steht aber in der Kritik: der Tessiner Staatsrat Claudio Zali.Elia Bianchi / KeystoneDer Tessiner Regierungspräsident Claudio Zali (Lega) lädt Anfang Juni einige Beamte zu einer Besprechung ein. Es handelt sich um Vertreter der kantonalen Justizbehörde und des Strafvollzugs. Thema des Treffens: Zali erkundigt sich nach dem Befinden eines 14-Jährigen, der im Gefängnis La Farera sitzt, einer Haftanstalt für Erwachsene.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die regionalen Medien bekommen Wind davon, was zwei Kommissionen des Kantonsparlaments aufscheucht. Das Ganze sei «sehr ungewöhnlich» und erfordere eine «Oberaufsicht», erklärt die Geschäftsprüfungskommission. Damit ist die Vorstufe einer parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) gemeint.Dem 14-Jährigen wird die Beteiligung an einer Gruppenattacke gegen einen anderen Minderjährigen vorgeworfen. Die Untersuchung soll aber nicht klären, warum man den Jungen bei erwachsenen Straftätern untergebracht hat. Das kann im Tessin mangels geeigneter Einrichtungen vorkommen.Alarmiert sind die Kommissionsmitglieder vielmehr wegen einer persönlichen Verbandelung. Offenbar kennt die Mutter des Minderjährigen Zali persönlich. Sie soll ihn auf die lange andauernde Unterbringung ihres Sohnes im Erwachsenengefängnis aufmerksam gemacht haben. Daraufhin fragt Zali als hoher Magistrat konkret nach. Hat der Lega-Staatsrat damit die eigenen Kompetenzen überschritten und die Gewaltenteilung verletzt? Das soll die Oberaufsicht nun untersuchen.Mehr Macht für die VolksparteiDas Kantonsparlament ist beunruhigt über die Angelegenheit. Denn sie erweist sich als Kristallisationspunkt politischer Unruhe. Im April 2027 sind im Tessin Wahlen, und ausgerechnet jetzt zerbricht ein langjähriges Wahllistenbündnis im rechten Spektrum. Denn das «Schwesterchen» der grossen Lega, die kleine SVP, will bei den kantonalen Wahlen allein antreten.Diesen überraschenden Schritt erklärt die SVP vordergründig mit Zalis Person. Der Lega-Staatsrat hat verkündet, er wolle wieder für einen Sitz in der Kantonsregierung kandidieren – am liebsten ohne Listenverbindung mit der SVP. In den letzten Monaten hat Zali die SVP öffentlich immer wieder kritisiert. Er fürchtet um die weltanschauliche Eigenständigkeit seiner rechtspopulistischen Lega und wirft der SVP vor, zu dominant aufzutreten und ihn wegen seiner politischen Linie anzugreifen. Zali gilt als grün gesprenkelter Legist, was der kantonalen SVP ein Dorn im Auge ist.Hinter dem Alleingang der SVP steckt aber noch mehr. Die kleine Tessiner Sektion der Schweizerischen Volkspartei hat in den letzten Jahren an Macht gewonnen. Mit ihrer erfolgreichen Initiative «Zuerst die Unsrigen» von 2016, die sich auf den Tessiner Arbeitsmarkt bezieht, hat sie in der Bevölkerung gepunktet. Auch schafft sie es, die Lega-Themenfelder Grenzgänger, Migration und EU-Skepsis publikumswirksam zu beackern. Und dann ist da noch der Luganer Stadtrat Marco Chiesa, der zwischen 2020 und 2024 Präsident der SVP Schweiz war. So hat die SVP bei den letzten Wahlen im Grossen Rat die Grünen überholt und ist nun fünftstärkste Partei.Die Lega bleibt zweitstärkste Kraft im Tessiner Kantonsparlament. Allerdings schwächeln die Rechtspopulisten: Sie zehren noch immer vom politischen Kapital ihrer Gründergeneration, aber nach dem Tod ihrer prägenden Figuren fehlt es an neuen charismatischen Persönlichkeiten. Norman Gobbi ist der letzte Lega-Regierungsrat, der diese Ära noch verkörpert.Ein Alleingang voller RisikenNun hat die SVP den Mut gefunden, im Alleingang einen Sitz in der fünfköpfigen Kantonsregierung erobern zu wollen. Dafür steigt der Nationalrat und Kantonalpräsident Piero Marchesi ins Rennen.Die nützliche Allianz zwischen SVP und Lega wird damit beendet, obwohl sie trotz regelmässigen öffentlichen Streitereien bestens funktioniert hat. Die Lega sicherte dank der Listenverbindung ihre beiden Sitze im Staatsrat und ihre starke Position im Grossen Rat. Die Tessiner SVP wiederum baute ihre Vertretung in Bern aus: Zwei Nationalräte und der Ständerat Chiesa haben sie auf Bundesebene inzwischen stärker gemacht als ihren langjährigen Partner Lega.Der Nationalrat und Kantonalpräsident Piero Marchesi will für die SVP einen Sitz in der Tessiner Kantonsregierung erobern.Anthony Anex / KeystoneDer Alleingang der SVP ist jedoch riskant. Das Tessiner Wahlsystem begünstigt Listenverbindungen, weil Reststimmen besser genutzt werden. Ohne gemeinsame Wahlliste dürften die Chancen des gemeinsamen grossen Gegners FDP wieder steigen, einen zweiten Sitz im Staatsrat zu gewinnen. Dies trotz der Tatsache, dass der Freisinn den Sitz seines abtretenden Volkswirtschaftsdirektors Christian Vitta neu besetzen muss.Der 14-Jährige befindet sich derweil nicht mehr im Erwachsenengefängnis La Farera. Man hat ihn in die Jugendpsychiatrie verlegt. Dies soll nach einer psychischen Krise erfolgt sein – und nicht wegen Zalis Nachfragen.