Das Tessin korrigiert die Immobilienwerte. Eine Initiative will gegen versteckte Steuererhöhungen vorgehenDie Stimmbevölkerung des Südkantons entscheidet am 14. Juni, ob die massive Aufwertung von Liegenschaften steuerlich neutralisiert werden muss.Gerhard Lob, Bellinzona09.06.2026, 10.08 Uhr3 LeseminutenDas rechtsbürgerliche Lager im Tessin befürchtet, dass die Angleichung der Schätzwerte von Immobilien zu höheren Steuern führt.Arno Balzarini / KeystoneTessiner Immobilien sind auf dem Papier erstaunlich günstig. Die amtlichen Schätzwerte betragen nur rund 40 Prozent des tatsächlichen Marktwertes einer Liegenschaft. Dem Bundesgericht ist diese Kluft zu gross: Es fordert, dass die Katasterwerte mindestens 70 Prozent des Marktwertes betragen. Diese Anpassung will der Kanton Tessin bis 2035 mit einer Totalrevision der Schätzwerte vornehmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einen ersten Schritt hat das Parlament bereits beim Budget 2026 beschlossen: Es hat die Steuerwerte der Immobilien um 15 Prozent angehoben, so dass sie dieses Jahr zirka 45 Prozent des Marktwertes erreichen. Das rechtsbürgerliche Lager im Tessin befürchtet allerdings, dass die Angleichung der Schätzwerte zu höheren Steuern führt. Da der Immobilienwert als Vermögen versteuert wird, gilt: Verdoppelt ein Haus seinen Wert, steigen die Steuern.Eine von 17 352 Personen unterzeichnete Verfassungsinitiative – lanciert vom heutigen SVP-Nationalrat Paolo Pamini – will diesen Automatismus brechen. Sie fordert, dass die Erhöhung der Schätzwerte weder zu einer Erhöhung der Steuern noch zu einer Kürzung sozialer Leistungen führen darf. Denn das Vermögen einer Person ist ausschlaggebend dafür, ob sie bestimmte staatliche Leistungen erhält, etwa Verbilligungen bei den Krankenkassenprämien oder Ergänzungsleistungen zur AHV/IV. Die Initianten mahnen im Abstimmungsbüchlein: «Ein Senior könnte durch die Erhöhung des Immobilienschätzwertes das Anrecht auf einen Zuschuss bei den Krankenkassenprämien verlieren.»Breite Unterstützung für die InitiativeLaut dem Staatsrat sind rund 32 Steuergesetze oder Sozialleistungen von Liegenschaftsbewertungen betroffen. Die Initianten verlangen, dass die Folgen einer Erhöhung für alle Rechtsbereiche überprüft und beseitigt werden. Die Allianz für die Initiative ist breit: SVP, Lega dei Ticinesi, Mitte, FDP und die Wirtschaftsverbände stehen hinter der Vorlage. Auch im Grossen Rat sprach sich eine komfortable Mehrheit dafür aus. Da es sich um eine Verfassungsänderung handelt, hat nun am 14. Juni das Volk das letzte Wort.Die Befürworter betonen, dass eine technische Revision nicht zu einer versteckten Steuererhöhung führen dürfe. Der Realwert der Immobilien liegt momentan rund 2,3 Mal so hoch wie der Schätzwert. Ohne Ausgleichsmassnahmen würde die Angleichung an die Marktwerte das Tessinervolk jährlich rund 430 Millionen Franken kosten. Davon entfallen 404,5 Millionen Franken auf zusätzliche Steuern und 25,5 Millionen Franken auf geringere Subventionen.Linke vermutet Manöver für ein SteuerparadiesKritik an der Verfassungsinitiative kommt von links-grüner Seite. Der Minderheitenbericht der Geschäftsprüfungskommission sieht das Gleichheitsprinzip verletzt: Wer 100 000 Franken auf dem Sparkonto habe, bezahle die Vermögenssteuern auf diesen Betrag. Immobilienbesitzer hingegen müssten eine Liegenschaft mit demselben Verkehrswert derzeit nur zum Schätzwert von rund 40 000 Franken versteuern.Die SP und die Grünen halten die Initiative zudem für überflüssig. Das Parlament habe schon heute die Kompetenz, die Gesetze bei steigenden Schätzungen anzupassen. «Für den Senior mit einer kleinen Rente im geerbten Häuschen lassen sich andere Wege finden, etwa durch eine Erhöhung von Freibeträgen», sagt die grüne Grossrätin Samantha Bourgoin. Sie wittert hinter der Abstimmung ein Manöver der rechtsbürgerlichen Parteien, um aus dem Tessin ein Steuerparadies zu machen.Das Ja-Komitee weist diesen Vorwurf zurück. Der Staatsrat agiert zurückhaltend: In der Botschaft an das Kantonsparlament heisst es, dass er «nicht gegen die Initiative opponiert». Er empfiehlt aber, ein Ja in die Urne zu legen.Passend zum Artikel