Aus dem Tessin kommt nur ein überraschend bescheidenes Ja zur 10-Millionen-InitiativeBei früheren Zuwanderungsvorlagen fiel das Votum des Südkantons sehr viel deutlicher aus. Ist das Tessin noch EU-skeptisch?14.06.2026, 15.17 Uhr3 LeseminutenDas Tessin hat andere Probleme als der Rest der Schweiz. Dichtestress gehört nicht dazu.Elia Bianchi / KeystoneAllgemein war erwartet worden, dass die Tessinerinnen und Tessiner die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» der SVP gutheissen würden. Eine Mehrheit der Stimmenden im Südkanton legte denn auch ein Ja in die Urne: 50,7 Prozent unterstützten das Volksbegehren, das die Zuwanderung in die Schweiz dämpfen wollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lugano sagt Nein, Bellinzona sagt JaDie Tessiner befinden sich damit im Lager jener Deutschschweizer Kantone, die Ja sagten zur Initiative. Am Ende aber gaben die Romandie, die Nordwestschweiz und Kantone wie Zürich, Bern oder Luzern den Ausschlag für das Nein. Der Urnengang zeigt einmal mehr, dass die politischen Befindlichkeiten im Tessin und in der Romandie doch sehr unterschiedlich sind und die lateinische Schweiz ein heterogenes Gebilde ist.Gleichwohl ist das Resultat aus dem Tessin eine Überraschung. 50,7 Prozent sind ein ausgesprochen bescheidenes Ergebnis, wenn man es mit früheren Urnengängen im Bereich der Zuwanderung vergleicht. So gab es 2014 bei der Abstimmung über die schweizweit knapp angenommene Masseneinwanderungsinitiative eine geradezu lawinenartige Unterstützung aus dem Tessin: Mehr als 68 Prozent sagten damals Ja. Die Begrenzungsinitiative, die 2020 an die Urne gelangte, erhielt immerhin über 53 Prozent Ja-Stimmen, während es schweizweit nur gut 38 Prozent waren.Dass die 10-Millionen-Initiative im Tessin nur ein verhaltenes Ja gefunden hat, dürfte mit mehreren Gründen zu tun haben. Die Tessiner Politiker und Kommentatoren spekulierten am Sonntag, dass der Wahlkörper heute ein anderer sei als bei den früheren Urnengängen: Die jüngeren Generationen seien weniger für radikale Lösungen zu haben. Der Stadt-Land-Graben zeigte sich auch im Tessin: Die ländlichen Gebiete sagten tendenziell Ja, das bürgerliche Lugano oder Chiasso lehnten die SVP-Initiative hingegen ab. Eher überraschend ist die knappe Zustimmung aus dem linken Bellinzona. Man habe zu wenig mobilisiert, sagte der enttäuschte SVP-Politiker Marco Chiesa. Die Stimmbeteiligung lag bei rund 50 Prozent.Kein Dichtestress wie nördlich des GotthardsEine weitere mögliche Erklärung für das nur moderate Ja: Das Tessin ist im Vergleich mit anderen Regionen der Schweiz in den letzten Jahren nur schwach gewachsen. In Chiasso, Lugano oder Bellinzona leidet man nicht in erster Linie unter dem vielzitierten Dichtestress oder explodierenden Häuserpreisen wie nördlich des Gotthards, sondern unter anderen Problemen.Viel Unmut lösen die vielen Grenzgänger aus, die jeden Tag ins Tessin zur Arbeit kommen. 80 000 von ihnen pendeln über die Grenze, sie machen inzwischen einen Drittel der Beschäftigten aus. Die Zahl hat sich nach rasanter Zunahme mittlerweile stabilisiert. Die Italiener sind häufig bereit, zu tieferen Löhnen zu arbeiten als die Einheimischen. Der Lohndruck ist inzwischen bis in den Mittelstand zu spüren.Während des Abstimmungskampfs wurde von der gegnerischen Seite behauptet, dass die Zahl der Grenzgänger weiter zunehmen würde, wenn die Schweizer Wohnbevölkerung bei 10 Millionen gedeckelt werde. Das Problem werde sich verschärfen. Womöglich hat dieses Argument ebenfalls eine Rolle gespielt.Bei der zweiten eidgenössischen Abstimmung, dem Zivildienstgesetz, stimmte das Tessin für die Anpassung, die den Wechsel von der Armee in den Zivildienst erschwert. Auf kantonaler Ebene wurde unter anderem über eine aus dem rechtsbürgerlichen Lager lancierte Initiative abgestimmt, die verlangt, dass die massive Aufwertung von Liegenschaften steuerlich neutralisiert werden muss. Drei Viertel unterstützten das Begehren und machten damit deutlich, dass die Tessiner keine höhere Steuerbelastung wollen.Passend zum Artikel