Die Romandie wächst besonders stark. Und doch lehnt sie die 10-Millionen-Initiative deutlicher ab als jene zur Masseneinwanderung. Warum?Der Versuch einer Erklärung in neun Punkten14.06.2026, 19.16 Uhr5 Leseminuten«Dichtestress» in der Romandie: Über die Staus durch die vielen Grenzgänger regen sich insbesondere Genfer auf.Jordi Ruiz Cirera für NZZWer hat’s erfunden, die SVP – oder nicht doch ein Romand, noch dazu ein SP-ler? «Die Schweiz mit 10 Millionen Einwohnern», so hiess schon vor mehr als einem Jahrzehnt der Blog von Pierre Dessemontet, einem Wirtschaftsgeografen, der für ein paar Tage auch noch der Gemeindepräsident von Yverdon-les-Bains ist. Dessemontet beschäftigte sich also gefühlt schon vor Urzeiten mit dem starken Wachstum der Schweiz und dessen Konsequenzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Sonntag hat auch ihn überrascht, wie deutlich die Romandie die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» abgelehnt hat, nämlich zu 62 Prozent, weit über den 53 Prozent der Deutschschweiz. Dessemontet rechnete mit einem Welschen Nein, wie schon bei der Masseneinwanderungsinitiative 2014. Doch er dachte durchaus, auch angesichts der Diskussionen in den sozialen Medien, dass die Argumente der SVP besser verfangen würden.Und dann das: Der Kanton Freiburg, dessen Bevölkerung seit 2000 schweizweit am stärksten gewachsen ist, um mehr als 40 Prozent? Lehnt die SVP-Initiative mit knapp 55 Prozent ab. Die Waadt, die um fast 35 Prozent gewachsen ist? Sagt zu gut 64 Prozent Nein. Genf, hinter Basel-Stadt der Kanton mit der höchsten Bevölkerungsdichte im Land? Sagt zu fast zwei Dritteln Nein.Durch die Bank ist in der Westschweiz – wie übrigens auch in fast allen anderen Kantonen – das Nein zur SVP-Vorlage noch deutlicher als zur Masseneinwanderungsinitiative. Wie kann das sein? Dafür haben Pierre Dessemontet und andere Experten eine Reihe unbestrittener Erklärungen – und manche Hypothese, die zu überprüfen wäre.Wachstum-Hotspots Nyon und Bulle lehnen Initiative abErster Punkt: Die vermeintlich grössten Opfer des Wachstums von Wirtschaft und Bevölkerung sehen für sich offenbar mehr Vor- als Nachteile, wie Pierre Dessemontet festhält. Denn in den boomenden Kantonen lehnen die Wachstumshotspots die SVP-Initiative am stärksten ab: Lausanne zu gut 75 Prozent, Nyon zu gut 70 und Bulle im Kanton Freiburg – wo Rolex ein Werk für 2000 Arbeitsplätze baut – zu 57 Prozent.Die Argumente von Economie Suisse hätten Gehör gefunden, sagt Dessemontet. Der Dachverband betonte im Abstimmungskampf etwa den Bedarf von Unternehmen nach hochqualifizierten ausländischen Arbeitskräften. Auch in Deutschschweizer Städten wie Zürich und Bern hätten solche Argumente ja überzeugt. Tatsächlich haben «Kernstädte» in beiden Landesteilen praktisch genauso abgestimmt, nämlich mit gut 70 Prozent Nein.Zweiter Punkt: Die Debatte um echten oder vermeintlichen Dichtestress wurde in der Romandie anders geführt. Das fängt damit an, dass sich der Begriff nicht wirklich auf Französisch übersetzen lässt. Die verwendeten Alternativen wie «Überbevölkerung» oder «Sättigung» sind weniger emotional besetzt wie «Dichtestress».Die zugrunde liegenden Phänomene aber wie volle Züge oder Autostaus seien in den Welschen Medien sehr präsent gewesen, sagt die Lausanner Politologin Line Rennwald. Sie vermutet, dass in der Westschweiz mehr als in der Deutschschweiz konkrete Lösungen für diese jeweiligen Probleme gesucht würden.Rennwalds Lausanner Kollege Oscar Mazzoleni hingegen stellt das Konzept «Dichtestress» grundsätzlich infrage, und damit auch dessen vermeintlichen Anklang beim Stimmvolk. «Jede Gesellschaft, die auf Urbanisierung basiert, beruht auch auf dem Zusammenrücken der Menschen. Sollen wir stattdessen zu den alten Dorfgemeinschaften zurückkehren?»Die SVP bleibt in der Romandie schwachDamit zum dritten, unbestrittenen Punkt: Die Romandie bleibt für die SVP ein schwieriges Pflaster. Während sie bei den eidgenössischen Wahlen 2023 in der Deutschschweiz rund jede dritte Stimme erhielt, bekam sie in der Romandie nur jede fünfte. Zugleich sind SP und Grüne in weiten Teilen der Romandie traditionell stärker als auf der anderen Seite der Saane. Und die Wähler dieser Parteien folgen im Grossen und Ganzen deren Abstimmungsparolen.Die Schwäche der SVP wirkt sich viertens auf die bürgerlichen Parteien aus: Sie spüren weniger Druck an ihrer rechten Flanke. «Ich wage die Hypothese, dass die Mitte-Parteien und die FDP sich in der Romandie stärker und geeinter für eine Ablehnung der Initiative eingesetzt haben als in der Deutschschweiz», sagt Line Rennwald. Tatsächlich gab es in der Romandie keine prominente Stimme wie die Mitte-Ständerätin Heidi Z’Graggen aus Uri, die sich abweichend von der Parteiparole für die 10-Millionen-Initiative ausgesprochen hätte.Fünftens sind die traditionelle Schwäche der SVP und die Stärke der Linken in der Romandie erklärungsbedürftig. Für den Genfer Politologen Pascal Sciarini lässt sich das unter anderem mit einem hohen Anteil von formell gebildeten Bürgern in Wirtschaftszweigen mit hoher Wertschöpfung erklären. Generell zeigten Studien regelmässig, dass Werte wie Offenheit und Kosmopolitismus in der Westschweiz verbreiteter seien als in der Deutschschweiz – auch wenn Letztere etwas aufhole.Romandie legt mehr Wert auf MultikultiSechstens verweist Sciarini auf die unterschiedliche Definition der Schweizer Identität in beiden Landesteilen. Die Deutschschweiz lege mehr Wert auf Neutralität, Unabhängigkeit und Souveränität. Die Romandie hingegen auf Föderalismus, Multikulturalismus und internationale Zusammenarbeit. «Vielleicht fürchten wir die internationale Öffnung weniger, weil wir sowieso schon in der Minderheit sind.»Rund um den Platz der Völker in Genf sind viele internationale Organisationen angesiedelt – die Romandie insgesamt zeigt sich regelmässiger internationaler und kosmopolitischer als die Deutschschweiz.Jordi Ruiz Cirera für NZZSiebtens stellt Sciarini eine plausibel klingende Hypothese auf: Die Romands seien insgesamt etatistischer als die Deutschschweizer. Das habe eine grösseres Vertrauen in die Institutionen zur Folge. Dadurch würden die Romands zum Beispiel eher den Empfehlungen des Bundesrats folgen, der die SVP-Initiative ja ohne Gegenvorschlag abgelehnt hat.Dazu kommt achtens, dass die Romandie insgesamt einmal mehr homogener abgestimmt hat als die Deutschschweiz. «Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist bei uns geringer», sagt Sciarini. Womöglich liege das an der Kleinteiligkeit der Romandie, in der es vom Hinterland selten richtig weit in die nächste Stadt ist.Wollen die Romands nicht noch mehr Grenzgänger?Damit neuntens zu einem letzten Punkt, der die Gemüter in der Romandie regelmässig ungefähr so bewegt wie der Dichtestress in der Deutschschweiz: die vielen Grenzgänger. Allein in der Genferseeregion gibt es 170 000 von ihnen, das sind mehr als 40 Prozent aller Grenzgänger in der gesamten Schweiz.Am Sonntag haben neben Genf und der Waadt auch die Kantone Neuenburg und Jura, die viele Grenzgänger etwa in der Uhrenindustrie beschäftigen, die SVP-Initiative abgelehnt. Womöglich, so mutmassen mehrere Experten, dachte das Stimmvolk an ein Argument der Initiativ-Gegner im Abstimmungskampf: dass bei einem Ja voraussichtlich noch mehr Grenzgänger zum Arbeiten in die Schweiz gekommen wären.Passend zum Artikel
Noch klarer als 2014: Warum die Romandie die SVP-Initiative zur 10-Millionen-Schweiz ablehnt
Der Versuch einer Erklärung in neun Punkten
Romandie lehnte SVP-Initiative mit 62% ab versus 53% Deutschschweiz; am schnellsten wachsende Kantone (Freiburg +40%, Waadt +35%) noch deutlicher gegen. Hochqualifizierte in Tech-Hubs sehen mehr Wachstums- als Dichtestress-Lasten; multikulturelle Offenheit ist Erfolgsfaktor für Innovation und Talentanziehung.














