Die Debatte um die 10-Millionen-Schweiz ist voller Widersprüche. Auch deshalb dürfte die Romandie die SVP-Initiative ablehnen. Eine Reportage vom Land bei Lausanne.13.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenOlivier Sonnay ist hin- und hergerissen. Das liegt an seinen unterschiedlichen Hüten: Bauer, Gemeindepräsident, SVP-Politiker.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Bauer und SVPler hadert er mit dem Wachstum seiner Gemeinde. Oron liegt rund 20 Kilometer östlich von Lausanne, an der Bahnstrecke nach Bern. In den letzten 15 Jahren ist die Bevölkerung hier um 30 Prozent gewachsen. Das bedeutet weniger Grünflächen und mehr Verkehr. «Wir müssen dem Wachstum eine Grenze setzen», fordert Sonnay.Als Gemeindepräsident hingegen freut er sich. Über das Neubaugebiet, dank dem Oron noch einmal fast 20 Prozent mehr Einwohner bekommen soll. Über den Ausbau der Schule, die neue Bibliothek und all die Geschäfte. «Früher fuhr meine Familie zum Einkaufen nach Lausanne oder Vevey. Jetzt haben wir alles hier.»Olivier Sonnay ist als Gemeindepräsident von Oron für elf Dörfer zuständig, die seit 2012 fusioniert haben.Schon vor Jahrzehnten wurde am Rande des heutigen Neubaugebiets gebaut, doch dann stoppte eine Wirtschaftskrise den Ausbau.Wenn die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» eine Chance haben sollte in einer grösseren welschen Gemeinde, dann müsste es in Oron sein. Denn der Landesteil ist zwar eine Wüste für die SVP, aber Oron eine Oase: Es ist die grösste SVP-geführte Gemeinde der Romandie, mit immerhin rund 6400 Einwohnern.Seit einem Vierteljahrhundert stellt die SVP hier den Gemeindepräsidenten, ohne gross Aufhebens darum zu machen. Olivier Sonnay etwa, der seit 2022 amtiert, präsentiert sich nur mit dem Etikett der Wahlliste «FDP, SVP und Unabhängige von Mitte-rechts».Trotzdem ist es alles andere als ausgemacht, dass Oron am Sonntag für die SVP-Initiative stimmt. Denn die landesweite Debatte über die 10-Millionen-Schweiz hat viele Widersprüche offenbart, vermeintliche wie tatsächliche. Und in Oron zeigen sie sich besonders deutlich.Ein Schloss und Bauernhöfe, aber Dichtestress?Von oben betrachtet ist kaum vorstellbar, dass Oron ein Wachstumsproblem haben soll. Olivier Sonnay bringt Besucher gern an diesen Aussichtspunkt, auf einen Hügel am Rande von Dinkelfeldern und Wald.Der Blick streift unzählige Bauernhöfe, wie hingetuscht zwischen saftigem Grün. Er bleibt hängen an einem mittelalterlichen Schloss, von dem einst die Berner über die Waadt wachten. Schliesslich gleitet der Blick ab ins Tal des Flüsschens Broye. Hier breitet sich Oron-la-Ville aus, der Kern der Gemeinde Oron, die 2012 aus der Fusion von zehn Dörfern entstanden ist.Das Landschaftsbild sei ihm sehr wichtig, sagt Olivier Sonnay. Er erwähnt eine kürzlich erschienene Studie, wonach die Schweiz wieder einmal das beste Land der Welt ist, vor allem dank ihrer Lebensqualität. «Wenn wir diesen Platz halten wollen, müssen wir etwas dafür tun.»Der Milizpolitiker Sonnay ist einer von rund fünfzig Bauern in Oron, eine starke Wählerbasis für die SVP.Das Schloss von Oron thront über den Hauptorten der Gemeinde.Sind also die Bauernhöfe bedroht, die landwirtschaftlichen Flächen? Nein, sagt Olivier Sonnay. Denn auch wenn immer mehr Leute vom teuren Arc lémanique hoch nach Oron drängten, werde seit einem eidgenössischen Volksentscheid von 2013 nicht mehr zersiedelt, sondern verdichtet. In Oron-la-Ville etwa wurden einige ältere Häuser durch grosse Wohnblöcke ersetzt.Wo also sieht Olivier Sonnay die Lebensqualität in Oron bedroht, wo den Schweizer Spitzenplatz in weltweiten Rankings? Am Bahnhof von Palézieux zum Beispiel, sagt er, einem Ortsteil von Oron. «Da muss man sich nur einmal um 17 Uhr hinstellen.»Interregio-Züge spucken Hunderte Pendler ausEin Donnerstag, kurz vor 17 Uhr. Der Interregio aus Lausanne rauscht in den langgezogenen Bahnhof, eine Doppeltraktion, mehrere hundert Meter lang. Kurz darauf spuckt die Unterführung eine Masse von vielleicht 150 Menschen aus.Die Menge läuft zielstrebig zu den fünf Bussen, die abfahrbereit dastehen. Manche Pendler laufen weiter zu den Parkplätzen dahinter. Nach einer Minute haben die Busse die Menschenmenge geschluckt. Es ist, als wäre nichts gewesen.Im Bahnhof Palézieux halten Interregio-Züge aus Lausanne, Freiburg und Bern.Ist das schon Dichtestress? Feierabendverkehr in Oron-la-Ville.Die Szene wiederholt sich ein paar Augenblicke später, als der Interregio aus der Gegenrichtung einfährt, aus Freiburg und Bern. Müde Gesichter, viele Kopfhörer, ein Mann schiebt einen Elektroroller. Dichte? Ja, für einen Moment. Aber Stress?SVP-Gegner äussern sich nur zurückhaltendFür Florian Meyer jedenfalls ist das alles halb so wild. «Die Züge sind vielleicht ein bisschen voll», sagt er, der zum Arbeiten nach Lausanne pendelt. «Aber dann lasst uns halt Lösungen dafür finden.» Die 10-Millionen-Initiative jedenfalls biete keine Lösungen.Meyer, ein sportlicher Endvierziger, ist Präsident der lokalen Wählervereinigung Grindor. Sie sieht sich als unabhängiges Sammelbecken für Individualisten. Meyer will deshalb nicht als ihr Präsident sprechen, sondern nur als Privatperson.Solche Zurückhaltung ist in Oron verbreitet: Die SP will sich für diesen Artikel kaum äussern. Die lokale Sektion folge bei eidgenössischen Abstimmungen der nationalen Partei, sagt die Präsidentin Monique Ryf knapp am Telefon.Abgesehen davon arbeite man im Gemeinderat mit Olivier Sonnay und den Vertretern anderer Parteien «im Interesse der Bevölkerung» zusammen. Polarisierung, wie man sie in der Deutschschweiz insbesondere zwischen SVP und SP kennt, sieht anders aus.Florian Meyer von der Wählervereinigung Grindor findet die vollen Züge halb so wild.Auch Florian Meyer macht nicht gerade Fundamentalopposition. Er zog 2010 mit seiner Frau von Lausanne hierher, sie bekamen zwei Kinder. Oron bleibe zwar eine ländliche, dörfliche Gemeinde, sagt Meyer. «Aber man spürt, dass gut was los ist. Mit allen Vor- und Nachteilen.»Tatsächlich fällt Meyer zu praktisch jedem Vorteil sofort ein Nachteil ein. Die vielen Supermärkte? Kürzlich wurde ein Lidl eröffnet, gegenüber vom Aldi, unterhalb von Coop, Migros und Denner. «Vielleicht ein bisschen viel», sagt Meyer. Doch Oron habe eben eine Zentrumsfunktion für die Region.Der Erweiterungsbau der Schule? Tolle Sache, und der nächste Schulausbau steht schon an, im Ortsteil Palézieux. Aber all das kostet Dutzende Millionen Franken.Die Kosten seien «für den Moment» tragbar, sagt Meyer. Doch er befürchtet, dass Oron bald das Limit seines Schuldendeckels erreichen werde, den jede Waadtländer Gemeinde abhängig von ihrer Finanzkraft berechnen muss. Auch könnten steigende Zinsen die Gemeinde in Schwierigkeiten bringen.Der Zuzug von Ausländern, deren Anteil in Oron seit 2010 von 16 auf 24 Prozent gestiegen ist? «Der ist notwendig für das Wachstum unseres Landes», sagt Meyer. Tatsächlich ginge in der Romandie zum Beispiel in vielen Spitälern, der Kinderbetreuung und auf dem Bau nicht viel ohne ausländische Beschäftigte.Zugleich stellt Meyer grundsätzliche Fragen. «Sind diese Leute bereit, sich in unseren Vereinen zu engagieren? Für unsere Demokratie?» Auch wenn viele Zuzügler Franzosen und somit praktisch Nachbarn seien, kämen sie doch mit einer etwas anderen Kultur.Romands wollen nur zu 26 Prozent sicher Ja sagenEs ist erstaunlich: Florian Meyer und Olivier Sonnay vereint auf den ersten Blick nicht viel. Und doch klingen sie durchaus ähnlich, wenn sie die Lage in Oron beschreiben. Nur bei der Frage, wie schwer die Nachteile wiegen, gehen ihre Meinungen auseinander. Und erst recht bei den Lösungen.Die Romands insgesamt folgen eher Florian Meyers Argumentation: 55 Prozent wollen laut der jüngsten SRG-Umfrage die SVP-Initiative ablehnen, nur 26 Prozent ihr zustimmen. Das ist viel weniger als in der Deutschschweiz und im Tessin, wo das sichere Ja über 40 Prozent liegt.Zurück zu den Ausländern in der Schweiz: Sind sie wirklich so anders? Oder werden manche gewissermassen schweizerischer als mancher Eidgenosse?Pierre Guex-Crosier ist der Schwiegersohn des französischen Gastronomenpaars Nonnenmacher – und will in drei Jahren die Dorfbeiz in Palézieux übernehmen.Der Elsässer Eric Nonnenmacher (Zweiter von links) ist vor zwei Jahren Schweizer geworden.Da gibt es zum Beispiel Eric Nonnenmacher und seine Frau Françoise. Sie sind Elsässer – und halten in Oron eine lange Tradition am Leben. Sie betreiben die Auberge communale im Ortsteil Palézieux, die einzige Dorfbeiz im Besitz der Gemeinde. In der Romandie verpachten viele Gemeinden solche Restaurants, die als zentral fürs Dorfleben gelten.Die Auberge gibt es seit 1873. Vor zwei Jahren, als der damalige Pächter in Pension ging, erwog die Gemeinde die Schliessung. Denn es ist notorisch schwer, auf dem Land Gastronomen zu finden. Schweizer Gastronomen gibt es rund um Oron praktisch keine mehr.Doch die Nonnenmachers, die seit rund zwanzig Jahren in Palézieux leben und zuvor ein anderes Restaurant bei Lausanne betrieben, bewarben sich um die Nachfolge für die Auberge. Zur Freude von Olivier Sonnay: «Gastronomen mit Familie bleiben typischerweise längerfristig.»Das planen auch die Nonnenmachers. Unter ihren Angestellten ist ihr Schwiegersohn, der den Betrieb in drei Jahren übernehmen will. Danach will Eric Nonnenmacher noch ein paar Jahre im Lokal mithelfen. Mit Olivier Sonnay sei schon alles abgesprochen, sagt er zufrieden.Eine Rückkehr nach Frankreich kann Eric Nonnenmacher sich nicht vorstellen. Das Land werde schlecht regiert, die Steuerzahler vom Staat gegängelt, und die öffentliche Sicherheit lasse zu wünschen übrig. In der Schweiz gelte das Gegenteil.In Oron wächst nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft: etwa der grösste Arbeitgeber der Gemeinde, der Medizingeräteproduzent IMI.Die Rushhour in Oron ist zeitlich stark begrenzt.Die Nonnenmachers sind in der Schweiz schon zur Hotelfachschule gegangen, sie fuhren lange ins Berner Oberland in die Ferien, einer ihrer Vorfahren wanderte einst aus der Schweiz ins Elsass aus. Vor zwei Jahren schliesslich sind sie selbst Schweizer geworden. «Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln», sagt Eric Nonnenmacher.Ein Hauch von Dichtestress am BahnübergangDer Gemeindepräsident Olivier Sonnay hatte doch nicht ganz unrecht: Es gibt Dichtestress in Oron, zumindest einen Hauch davon. Wenn am Ortsrand von Oron-la-Ville die Schranken des Bahnübergangs heruntergehen oder wenn die einzige Fussgängerampel auf Rot springt: Dann bildet sich tatsächlich eine lange Autoschlange auf der Dorfstrasse.Olivier Sonnay hätte am liebsten eine Umfahrungsstrasse rund um Oron-la-Ville. Doch das sei nicht finanzierbar. Ausserdem lasse das Raumplanungsrecht dies kaum zu.Überhaupt, der Rechtsrahmen: Er schränke die Gemeinde in ihrem Handeln oft ein, findet Sonnay. Zum Beispiel werde die Gemeinde weitere Geschäfte in Oron-la-Ville genehmigen, hinter dem neuen Lidl, weil es sich um private Grundstücke mit entsprechendem Nutzungsrecht handle. Aber immerhin könne die Gemeinde Bedingungen stellen, zum Beispiel zum Verkehrsmanagement.Endlich kommt das Neubaugebiet, so der SVPlerÄhnliches gilt für das grosse Neubaugebiet, ein paar Schritte vom Bahnhof Palézieux entfernt. Eigentlich, könnte man meinen, müsste ein SVP-Gemeindepräsident ein solches Projekt bekämpfen: Auf Ackerland sollen Wohnungen für 1100 Menschen entstehen. Allein hier wird Orons Bevölkerung um gut 17 Prozent wachsen. Viel mehr also als die rund 10 Prozent, die bei einer Annahme der 10-Millionen-Initiative landesweit noch erlaubt wären.Doch Olivier Sonnay freut sich, dass bald endlich Spatenstich ist. Denn das Neubaugebiet wird schon seit mehr als zwanzig Jahren geplant, als Ackerland noch nicht so stark geschützt wurde. Immer wieder wurde das Projekt an neue rechtliche Vorgaben angepasst. Einen Weg zurück gebe es nicht mehr, sagt Sonnay. «Und die Nachfrage nach den Wohnungen ist ja da.»Olivier Sonnay will auch die guten Seiten des Wachstums sehen, etwa den Ausbau der Schule samt Bibliothek.Der Gemeindepräsident gerät ins Schwärmen. Er habe sich bei Diskussionen um das Neubaugebiet immer gefragt, wie er selbst am liebsten wohnen würde. Das neue Quartier bekomme einen Supermarkt, ein Seniorenheim und ein Gesundheitszentrum. All das komme der gesamten Bevölkerung Orons zugute. «Man muss auch die guten Seiten des Wachstums sehen!»Trotzdem hat Olivier Sonnay ein mulmiges Gefühl, als die Gemeinde Ende Mai die Nachbarn des Neubaugebiets zu einer Info-Veranstaltung an eine neue Bushaltestelle einlädt. Denn in der Planungsphase war es vereinzelt hitzig geworden, es gab einige Einsprachen.Schliesslich geht es nicht viel anders zu als samstags auf dem Wochenmarkt in Oron-la-Ville: Die Gemeinde schenkt ihren Hauswein aus, Anwohner und Immobilienplaner kommen mit einem Glas in der Hand ins Gespräch, und mittendrin steht der erleichterte Olivier Sonnay. Hinterher erzählt er lachend, er sei bis 23 Uhr geblieben, die Letzten sogar bis um 1 Uhr.Das Wachstum und die Debatte darüber, so scheint es, bringen zumindest in Oron die Leute zusammen.Passend zum Artikel