KommentarDie Welt verändert sich gerade dramatisch, die Schweizer aber denken daran, die Mauern hochzuziehen. Und machen sonst so bequem weiter, als sei nichts passiert.24.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAugen zu vor den Realitäten: Auch in einem Rebberg in Bavois im Kanton Waadt hängt Wahlplakat der SVP für die 10-Millionen-Initiative.Jean-Christophe Bott / KeystoneDie Schweiz kann Weltklasse sein. Das konnte sehen, wer vergangenes Wochenende den Eurovision Song Contest in Wien verfolgte, die grösste Gesangsbühne der Welt. Er war von einem so bodenlosen Niveau, dass man nicht einmal mehr über die ulkigen Kostüme lachen mochte, die so wenig wie möglich verhüllten. Jeder Song aus rezykliertem Plastik, ein Moderationsduo, das problemlos durch zwei Roboter hätte ersetzt werden können. Und das im Heimatland von Beethoven, Mozart, Schubert, Falco, Udo und Voodoo Jürgens. Im Vergleich war die letztjährige Ausgabe in Basel eine Augen- und Ohrenweide.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn ich allerdings an die geistige Verfasstheit meiner Heimat denke, kann ich keinen Jubel anstimmen. Nehmen wir zum Beispiel die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative, die die Wohnbevölkerung bei einer Einwohnerzahl von 10 Millionen einfrieren will. Rund die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer will laut Umfragen am 14. Juni ihre Zustimmung bekunden.Damit setzt jeder und jede Zweite dieses Landes ohne wirkliche Not viel aufs Spiel. Zum Beispiel die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union. Oder den bislang einigermassen funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen Eingewanderten und Alteingesessenen. Und sie spielen einmal mehr das ewige Rösslispiel der SVP mit.Die Initiative ist natürlich so vage formuliert, dass sie bei der Umsetzung zur üblichen Ratlosigkeit führen und im parlamentarischen Prozess zur Unkenntlichkeit zerbröseln wird. Worauf die SVP wieder in die gut eingeübte Schnappatmung verfallen wird, von wegen, der Volkswille werde missachtet. Man schafft Probleme, indem man Probleme schafft. Was für ein schäbiges, aber leider erfolgreiches Geschäftsmodell, diese stetige Spalterei der Gesellschaft in die Guten und die Bösen.Bloss ein paar Fragen: Dürfen die über 800 000 Auslandschweizer, die meisten von ihnen in den Nachbarländern Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich lebend, nicht mehr in der EU arbeiten, wenn die Personenfreizügigkeit gekündigt wird? Und, oh Schreck, dürften sie überhaupt in ihre Heimat zurückkehren, wenn dort schon mehr als 10 Millionen Menschen leben? Oder muss man zuerst Platz schaffen, indem man ein paar Ausländer ausschafft – und welche genau?Offenbar sind wir von allen guten Geistern verlassen, dass wir mithilfe unseres politischen Systems so einen Schindluder betreiben. Die Initiative ist Ausdruck einer grassierenden Wohlstandsverwahrlosung, die sich auch in anderen Volksbegehren äussert, die vor allem zum Ziel haben, den Staat immer mehr bezahlen zu lassen: sei es, den öffentlichen Verkehr oder den Eintritt zu Schwimmbädern gratis zu machen. Als ob wir nicht Dringenderes zu tun hätten. Wir leben in kriegerischen Zeiten, in denen das Land angewiesen wäre auf Zusammenhalt, Einigkeit und Sparsamkeit. Ziehen wir bloss diese eine Lehre aus unserer Geschichte, dass wir, einmal mehr, verschont bleiben?Man kann es gar nicht glauben. Aber statt uns mehr anzustrengen, machen wir uns einen Lenz. Die Arbeitszeit sinkt, die Fehlzeiten in den Betrieben steigen – vor allem bei den Jüngeren. Die Frühpensionierung (bei gleichzeitiger stetig steigender Lebenserwartung) wurde so oft in Anspruch genommen, dass der Bundesrat sich genötigt sah, einzugreifen. Jeder vierte Erwerbstätige verabschiedet sich heute bereits vor dem 63. Altersjahr in den Ruhestand. Bald sollen Vorbezüge von Pensionskassengeld erst ab 63 möglich sein, und neue Steuern darauf drohen auch. Aber immer noch wollen sich rund 40 Prozent der Werktätigen frühpensionieren lassen. Zudem arbeitet niemand ausser den Niederländern in Europa so häufig Teilzeit wie die Schweizerinnen und Schweizer.Das alles kann man nicht allein mit einer mangelhaft ausgebauten Kinderbetreuung, der Zunahme von Alleinerziehenden und gestiegenen Lebenshaltungskosten erklären. Es scheint ein gewisser Schlendrian Einzug gehalten zu haben. Manche sagen, sie wollten das Leben halt mehr geniessen und sich der Qual der Erwerbsarbeit entziehen. Viele, vielleicht zu viele, können es sich leisten. Und die Älteren, die goldene Generation, vermögender als jede vor ihr, sind auch kein Vorbild mehr. Sie nehmen jede staatliche Vergünstigung ohne jeden Dank in Anspruch, gerne auch mehr AHV-Rente. Man gönnt sich ja sonst schon alles. Wo bleibt die Volksinitiative für die Abschaffung aller Vergünstigungen für Senioren, eingereicht von ihnen selbst?Die Welt hat sich dramatisch verändert, viele von uns aber benehmen sich so, als sei nichts weiter passiert.Es ist ein wenig gespenstisch, was sich in diesem Land abspielt. Die Welt hat sich dramatisch verändert, viele von uns aber benehmen sich so, als sei nichts weiter passiert. Man schickt seinen Nachwuchs ins Austausch- und Zwischenjahr und sich selbst regelmässig ins Sabbatical, gönnt sich Flüge auf die Malediven, nach Japan, Kanada (die USA sind nicht mehr so chic) oder weiss de Gugger wohin. Viele sind sich halt dieses Kissens gewiss, auf das sie ihr Haupt bequem betten können, man nennt es auch Erbschaft.Nirgendwo wird so viel pro Kopf hinterlassen wie in diesem Land, vor allem in der sogenannten Elite. Dynamisch macht das nicht. Für die Innovation und den Steuersegen sorgen heute, überspitzt formuliert, die Expats von Google und Co., die man jetzt lieber wieder weghaben möchte, weil sie in den Städten die Preise in die Höhe treiben. Und die am Ende der Nahrungskette, meist Eingewanderte oder deren Kinder, die müssen halt schauen, wie sie kutschieren – und die Jobs übernehmen, die die Schweizer nicht mehr erledigen wollen. Diese stellen wir im Notfall mit Ergänzungsleistungen ruhig. Das Geld ist ja da. Kim de L’Horizon, für den Debütroman «Blutbuch» mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, hat dafür den Begriff des «Überhedonismus» geprägt.Meinen wir, wir könnten unser Wohlstandsparadies bewahren, indem wir uns darin einmauern? Indem wir die anderen, «die Ausländer», für unsere Problemchen verantwortlich machen – und nicht sehen, dass wesentlich wir es sind, die immer mehr Platz, Geld und Freizeit wollen? Ja, die Schweiz wirkt heute wie ein Land, das sich vor der Gegenwart fürchtet, indem es sich dieser zu entziehen sucht. Man kann das ja angesichts all der modernen Wirrnisse verstehen. Nützlich ist es nicht. Und klappen wird es ohnehin nicht.Um diese Realitätsverweigerung zu erklären, muss man wohl das Genie eines Dr. Freud bemühen: «Der Neurotiker wendet sich von der Wirklichkeit ab, weil er sie – ihr Ganzes oder ein Stück derselben – unerträglich findet.»Sigmund Freud war übrigens Österreicher. Was er wohl zum ESC gesagt hätte? Vielleicht wäre er ganz milde gestimmt gewesen: «Unser aller Beruf ist es, Mensch zu sein. Aber wer hat schon den Ehrgeiz?»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»59 KommentareChristian Hess vor 1 Stunde4 EmpfehlungenWenn schon Vergleiche, dann bitte richtig: Das Wachstum der Schweiz mit 23% seit dem Abkommen zur Personenfreizügigkeit auf die übrigen EU-Länder anwenden. z.B. ist Deutschland im gleichen Zeitraum um 1% gewachsen, etc.