GastkommentarMichael HermannIn der Debatte über die 10-Millionen-Initiative zeigt sich eine seltsame Lust zur nationalen Selbstkasteiung. Diesmal von rechtsIn der Debatte um die 10-Millionen-Initiative reden ausgerechnet patriotische Kreise dieses Land schlecht, wie kaum je seit den Debatten über das Bankgeheimnis und nachrichtenlose Vermögen. Eine Gastkolumne.31.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Zustand des Landes ist besser, als es die SVP wahrhaben will: Arbeiter flicken auf der Schwägalp eine überdimensionierte Schweizer Flagge.Gian Ehrenzeller / KeystoneJe näher der Abstimmungssonntag rückt, desto düsterer wird über den Zustand der Schweiz geschrieben. Manchmal frage ich mich, ob ich im selben Land lebe. Habe ich eine verzerrte Wahrnehmung, weil ich nicht in erster Linie Probleme sehe, sondern eine beeindruckende Dynamik?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das dicht getaktete ÖV-System der Schweiz ist Weltklasse, das Gesundheitswesen zwar kostspielig, aber exzellent. Ich sehe ein Land, das die Krisen des 21. Jahrhunderts erfolgreich gemeistert hat – von der Finanzkrise bis zur Pandemie. Tiefgreifende Strukturprobleme, an denen unsere Nachbarn nagen, kennen wir nicht. Noch nicht.Die Lebensqualität in den Schweizer Städten gehört im globalen Vergleich zu den höchsten. Die hiesigen Ballungsräume zeichnen sich aus durch kurze Wege, attraktive öffentliche Räume, eine starke Nahversorgung mit vielfältigen Angeboten bis in die Aussenquartiere. Durchgrünte Strassenzüge setzen dem Grau etwas entgegen, genauso wie aufgewertete Naherholungsräume.Obwohl die Schweiz viel mehr Zuwanderung zu bewältigen hat als ihre Nachbarländer, gelingt ihr die Integration meist besser. Menschen, die vor zwei Jahrzehnten noch als Teil eines kaum lösbaren «Balkanproblems» galten, sind längst zu aufstiegshungrigen Leistungsträgern geworden. Soziale Brennpunkte wie in Schweden, England oder Belgien gibt es hier kaum.Das alles macht mich stolz auf dieses Land, und es macht mich zum Patrioten. Umso befremdlicher ist es, dass ausgerechnet jene Kreise, die sich eigentlich als besonders schweizerisch und patriotisch verstehen, dieses Land und seinen Weg nun in einem Ausmass schlechtreden, wie ich es seit den Debatten über das Bankgeheimnis und die nachrichtenlosen Vermögen nie mehr erlebt habe. Es ist eine neue Lust an der nationalen Selbstkasteiung. Nur kommt sie diesmal nicht von links, sondern von rechts. Es ist eine Art konservative Abstiegserzählung, wie wir sie aus den USA kennen. Frei übersetzt: Make Switzerland great again!Um die hohen Zuwanderungszahlen der Schweiz zu kritisieren, verweisen die Befürworter der 10-Millionen-Initiative gerne auf die viel tieferen Zahlen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern und damit ausgerechnet auf jene vermeintlich maroden Staaten, die sie sonst als Teil eines «sinkenden Schiffs» namens EU kritisieren. Diese sollen nun auf einmal Vorbild sein?Ist es nicht gerade die fehlende innereuropäische Zuwanderungsdynamik in unseren Nachbarländern, die zu deren strukturellen Problemen beiträgt? In Deutschland ist nur die Region München ähnlich gewachsen wie die Schweiz. Und München ist wahrlich nicht der Problem-Hotspot Deutschlands.Es stimmt: Auch in der Schweiz kämpfen wir mit steigenden Lebenshaltungskosten. Das Wachstum kommt bei den Menschen nicht immer an, zumindest nicht immer in gewünschter Weise. Wahrgenommen wird eher das Plus an Konkurrenz statt jenes im Portemonnaie. Nur ist die Erschwinglichkeitskrise kein Schweizer Phänomen und erst recht keine simple Folge der Zuwanderung. Sie ist das globale Symptom moderner, gesättigter Volkswirtschaften.Unter schwindender Kaufkraft leidet die Familie in den amerikanischen Appalachen genauso wie das junge Paar bei der Wohnungssuche in Toronto. Und das, obwohl die USA keine Personenfreizügigkeit kennen und Kanada genau jenes Punktesystem nutzt, das hiesige Zuwanderungsskeptiker so gerne als Allheilmittel preisen. Die globalen Herausforderungen scheren sich nicht um nationale Grenzen.Dass die Schweiz diesen Herausforderungen gewachsen ist, liegt an ihren ganz eigenen Stärken: an ihrer basisdemokratischen Kultur, am dualen Bildungssystem und an der Arbeitsmoral, aber eben auch an ihrer besonderen Zuwanderungstradition. Bereits in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg hat ein langanhaltender Zuwanderungsschub, vor allem aus Italien, der Schweiz die Kraft für ihren einzigartigen wirtschaftlichen Aufstieg gegeben. Seit Anfang des neuen Jahrhunderts die Personenfreizügigkeit schrittweise eingeführt worden ist, zeigt sich die Schweiz so viel resilienter im Umgang mit den Herausforderungen der Zeit als ihre Nachbarländer. Auch die Zuwanderung und die damit verbundene Integrationsleistung gehören zum Schweizer Erfolgsmodell.Wenn die Schweiz nun Ja sagt zu einem harten Zuwanderungsdeckel, werden die alten Zeiten, die beileibe nicht immer nur «great» waren, nicht wieder zurückkommen. Womöglich verspielen wir uns mit einem Ja aber genau das, was dieses Land überhaupt erst erfolgreich und besonders gemacht hat: seine Schubkraft und seine Resilienz.Michael Hermann leitet das Zürcher Forschungsinstitut Sotomo.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Die seltsame Lust der SVP, die Schweiz schlechtzureden
In der Debatte um die 10-Millionen-Initiative reden ausgerechnet patriotische Kreise dieses Land schlecht, wie kaum je seit den Debatten über das Bankgeheimnis und nachrichtenlose Vermögen. Eine Gastkolumne.










