Statistiken statt Stimmungen: Wie die SVP die «10-Millionen-Initiative» als zahm verkauft – und wie ihr Abweichler aus der Mitte dabei helfenBeobachtungen aus dem Abstimmungskampf.16.05.2026, 05.29 Uhr4 LeseminutenWenn die SVP für ihre Nachhaltigkeitsinitiative wirbt, verzichtet sie auf ihr Parteilogo.Gian Ehrenzeller / KeystoneBenjamin Fischer stemmt seinen linken Arm in die Hüfte, lässt seinen Blick durch den Raum schweifen, geht ein paar Schritte zu seinem Laptop und drückt die Pfeiltaste, damit auf der Leinwand hinter ihm eine neue Powerpoint-Folie erscheint.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf der linken Hälfte der Folie stehen nun Begriffe wie «Kennzahl», «Brutto-Total», «Netto-Saldo» oder «Bestand per 31. 12.». Rechts sind etliche Zahlen aufgelistet, sie werden addiert, subtrahiert, summiert. Wie bei einer Bilanz.An diesem Montagabend im Mai kann einem sein, als sässe man in einer Wirtschaftsvorlesung. Man könnte sich gut vorstellen, wie Fischer sagt: «Zuhören, das ist jetzt prüfungsrelevant.»Doch Fischer ist nicht Dozent. Er ist Nationalrat der SVP. An diesem Abend tritt er bei der Veranstaltungsreihe «SVP bi de Lüt» in einem Mehrzweckraum der reformierten Kirche in Zollikon an der Zürcher Goldküste auf. Seine Aufgabe: die SVP-Basis auf die Abstimmung über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» einzuschwören. Der «Bestand per 31. 12.» meint keine flüssigen Mittel, sondern die in der Schweiz lebenden Ausländer.Die Abstimmung über die SVP-Initiative ist eine der wichtigsten der vergangenen Jahre. Und nun verbreitet die Partei mehr Statistiken als Stimmungen. Was ist passiert?Globi auf der AlpSchon das Abstimmungsplakat kommt vergleichsweise harmlos daher. Es zeigt das Matterhorn, umgeben von blauem Himmel. Vor einem Chalet spaziert eine Familie über eine grüne Wiese mit einer Kuh darauf. Einzig die grosse Verbotstafel mit der Aufschrift «10 Millionen» verhindert, dass man sich im Globi-Band 91 («Globi auf der Alp») wähnt. Auf dem Plakat fehlt sogar das Parteilogo.Das sah in der Vergangenheit auch schon anders aus. Minarettinitiative 2009: Schwarze Gebetstürme verdunkeln das Schweizerkreuz. Ausschaffungsinitiative 2010: Ein weisses Schaf kickt ein schwarzes aus dem Land. Masseneinwanderungsinitiative 2014: Schwarze Schuhe trampeln auf dem Schweizerkreuz herum. Einmal verbreitete die SVP auch ein Plakat mit der Aufschrift: «Kosovaren schlitzen Schweizer auf.» Zwei Parteifunktionäre wurden daraufhin wegen Rassendiskriminierung verurteilt.Doch dieses Mal ist vordergründig niemand schuld: kein Kosovare, keine Minarette, keine Burka.«Tschüss Netto-Null?», fragt die SVPFischer schaltet zur nächsten Folie. Thema: Wohnungsnot. Es wimmelt von Tabellen und Diagrammen, Balken und Säulen. In der Schule lernt man, dass eine Präsentation nur das Nötigste zeigen soll. Aber Fischer kleistert seine Folien voll. Zahlen, Zahlen, Zahlen, bis der scharfe Initiativtext gar nicht mehr so scharf schmeckt.Das Wohnen etwa ist eigentlich ein Thema der SP. Auf einer Folie behauptet Fischer, pro Sekunde werde ein Quadratmeter Grünfläche zugebaut. «Tschüss Netto-Null?», heisst es in einem Slide. Der Naturschutz: ein Thema der Grünen. Genauso wie die Nachhaltigkeit, die die SVP kurzerhand gekapert und umfunktioniert hat: als Titel der «Nachhaltigkeitsinitiative». Die SVP nimmt geschickt Anliegen auf, für die sie bisher nicht wirklich bekannt war.Freilich tritt die Partei da und dort weiterhin mit ihren gewohnten Parolen auf. Man braucht nur einen Blick in die Abstimmungszeitung zu werfen, wo namhafte Parteivertreter vor Zugschubsern, Kopftüchern und Barber-Shops warnen.Alles nicht so schlimmAber die eigenen Wählerinnen und Wähler muss die SVP dieses Mal kaum mehr überzeugen. Migration, Dichtestress, die Verträge mit der EU: Das sind Themen, die die Partei seit Jahrzehnten bewirtschaftet. Es ist offensichtlich, dass die SVP deshalb versucht, die Leute in der politischen Mitte zu erreichen. Indem sie bisweilen demonstrativ harmlos auftritt. Es gibt Parteifunktionäre, die das schon eingeräumt haben.Die Umsetzung dieser Weisung war beispielsweise vor zwei Wochen zu bestaunen, als SRF einen «Club» zur Nachhaltigkeitsinitiative veranstaltete. Eingeladen war unter anderem der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter, einer der Väter der Initiative. Matter sagte, sie sei «massvoll» und habe überdies auch «keinen Deckel». Als ihm die freisinnige Schwyzer Ständerätin Petra Gössi ins Wort fiel, lächelte Matter verständnisvoll und sagte: «In den nächsten 24 Jahren können ja immer noch fast eine Million Menschen netto zuwandern.» Der Subtext: alles nicht so schlimm.Sowohl Matter als auch der SVP-Präsident Marcel Dettling haben mehrfach betont, dass die Initiative politisch so breit wie möglich wirken solle. Nun hat die Urner Mitte-Ständerätin Heidi Z’graggen angekündigt, der Initiative zuzustimmen. Kürzlich gab auch der Innerrhoder Mitte-Ständerat Daniel Fässler bekannt, ein Ja einzuwerfen. Das Anliegen der SVP ist also auch in der Mitte anschlussfähig.Die SVP hat den Vorteil der GegenwartFischer überspringt nun ein paar Folien. Sie sind offenbar nicht prüfungsrelevant. Dafür eine Tabelle zum Bevölkerungswachstum: Von 2000 bis 2025 stieg die Einwohnerzahl von 7,2 auf 9,1 Millionen. Fischer rundet ein bisschen und sagt: «In zwanzig Jahren eigentlich fast 2 Millionen mehr.» Ein Mann im Publikum stöhnt auf: «Jessesgott.»Die SVP hat den Vorteil der Gegenwart. Das diffuse Gefühl von Enge ist weit verbreitet. Die Partei muss es nur noch in Zahlen und Grafiken übersetzen. Und sie kann glaubhaft versichern, dass die Annahme der Initiative unmittelbar keine massiven Folgen habe.Die Gegner der Initiative haben den Nachteil der Zukunft. Sie müssen vor Problemen warnen, die erst in ein paar Jahren oder Jahrzehnten auftreten könnten. Dann, wenn dem Land wegen der tiefen Geburtenrate ausländische Arbeitskräfte fehlen könnten. Oder wenn der Bundesrat die Personenfreizügigkeit mit der EU aufkündigen müsste. In ihrer Ratlosigkeit haben die Gegner das Vokabular der SVP übernommen und bekämpfen die Vorlage mit Emotionen. «NEIN zur Chaos-Initiative», steht auf ihren Plakaten. Es klingt wie ein Schrei in die Zukunft: Achtung, 2037 oder 2041 oder 2047 bricht das Chaos aus.Irgendwann an diesem Abend sagt Fischer zu den 29 Besucherinnen und Besuchern: «Sie alle müssen in Ihrem Umfeld die Leute an die Urne bewegen.» Die Lerninhalte sollen ins ganze Land getragen werden. Danach ist die Vorlesung vorbei. Die Prüfung findet am 14. Juni statt.Passend zum Artikel
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Beobachtungen aus dem Abstimmungskampf.











