PfadnavigationHomeWissenschaftSturzflut in Nepal„Die Dimensionen müssen wir erst noch vollständig erfassen. Ich bin schockiert“Von Martin SteineggerStand: 11:13 UhrLesedauer: 4 MinutenDie Schlammlawine hinterließ kilometerlange Verwüstungen aus Fels, Eis und GeröllQuelle: Li Jian/XinHua/dpaDer Bergsturz im Himalaya zählt zu den schwersten Naturkatastrophen der vergangenen Jahre. Eine Schweizer Glaziologin erklärt, warum die Schlammlawine eine derart enorme Zerstörungskraft auslösen konnte.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenTausende Vermisste, Hunderte Todesopfer und gewaltige Zerstörungen: Das ist die vorläufige Bilanz des Bergsturzes, der sich am Mittwoch im Grenzgebiet zwischen Nepal und China ereignet hat.Etwa 20 Kilometer nordöstlich des Rasuwagadhi-Grenzübergangs lösten sich im Hochgebirge riesige Eis- und Gesteinsmassen und donnerten in die eng eingeschnittenen Flusstäler auf der nepalesischen Seite. Die Schlammlawine wälzte sich in der Folge mehr als 100 Kilometer südwärts.Die an der ETH Zürich forschende Glaziologin Mylène Jacquemart sagt auf Anfrage, dass das Ereignis selbst für Himalaya-Verhältnisse nicht normal sei. „Die Dimensionen müssen wir erst noch vollständig erfassen, aber ich bin schockiert von den Bildern, die wir zu sehen bekommen“, sagt sie.Lesen Sie auchAnhand von Satellitenbildern und Aufnahmen von Drohnen aus dem Gebiet könne der Hergang der Katastrophe mittlerweile relativ gut rekonstruiert werden, sagt Jacquemart. Demnach ereignete sich ein großer Felssturz im Bereich einer Bergkette im Gebirgsmassiv Langtang Himal. Die Gipfel in diesem zentralen Bereich des Himalaya erreichen Höhen um 7000 Meter. Auf dem Fels lag gemäß der Glaziologin zudem noch ein Gletscher, der gleich mit abstürzte. Dieses „Paket“ donnerte talwärts, was ein Erdbeben der Magnitude 5,2 auslöste.Lesen Sie auchBesonders verheerend machte den Bergsturz aber, dass sich der Murgang aus Eis und Fels mit sehr viel Wasser vermischte. „Diese Masse kam dann im ersten Talabschnitt kurzfristig zum Stillstand und staute sich auf“, sagt Mylène Jacquemart.Selbst Dämme hatten keine ChanceSchließlich wälzte sich das Ganze mit unglaublicher Zerstörungskraft und Geschwindigkeit die Täler hinunter. Wie Videos aus den betroffenen Talabschnitten zeigen, konnten selbst massive Bauten wie Dämme und Kraftwerke dem nicht standhalten. Sie wurden einfach mitgerissen. Ein Frühwarnsystem gibt es in der betroffenen Region nach dem Wissen von Mylène Jacquemart nicht.Wie groß das Volumen der abgestürzten Felsmasse mit aufliegendem Gletscher beim Ereignis in Nepal war, ist laut Einschätzung von Mylène Jacquemart noch nicht klar. Es stellt den Berg- und Gletschersturz in Blatten im Schweizer Kanton Wallis vom 28. Mai 2025 aber mit Sicherheit deutlich in den Schatten. In Blatten stürzten rund zehn Millionen Kubikmeter Eis und Gestein talwärts.Sucht man nach Katastrophen von ähnlichem Ausmaß in der Schweiz, muss man zwei Jahrhunderte zurückblicken. Der Felssturz von Goldau im Schweizer Kanton Schwyz entsprach gemäß Mylène Jacquemart in etwa derselben Größenordnung wie jener in Nepal.Lesen Sie auchDieser ereignete sich am 2. September 1806 und gilt als eine der größten Naturkatastrophen der Schweiz in historischer Zeit. Dreht man das Rad der Geschichte noch etwas weiter zurück, dann finden sich im Alpenraum Bergstürze, die noch viel extremer waren. So gilt der Flimser Bergsturz als einer der größten weltweit. Er ereignete sich etwa 7500 vor Christus, also in der Mittelsteinzeit. Damals stürzten zwischen neun und zwölf Kubikkilometern Gestein talwärts. Umgerechnet entspricht diese Masse etwa zwölf bis 13 Matterhörnern. Die Trümmer türmten sich auf einer Höhe von bis zu 750 Metern auf und bedeckten eine Fläche von 52 Quadratkilometern. Der heutige Ferienort Flims befindet sich am Übergang der Gleitfläche im Norden zur Schuttmasse im Süden. Verantwortlich für diesen Erdrutsch waren vermutlich die Folgen einer deutlichen Klimaerwärmung, die einen Rückzug der Alpengletscher bewirkte. Wissenschaftler vermuten, dass die Auslösung des Flimser Bergsturzes letztlich auf das Auftauen von Permafrost zurückzuführen war, der zuvor während der Eiszeit mehrere Hundert Meter tief in den Fels eingedrungen war. Auch heute geht die Wissenschaft davon aus, dass die Klimaerwärmung bei Bergstürzen eine Rolle spielt. Steigende Temperaturen lassen den Permafrost in höheren Lagen tauen. Das beeinträchtigt die Stabilität des Untergrundes. Das gilt nicht nur für die Alpen, sondern auch für das Himalaya-Gebirge. Gemäß Mylène Jacquemart müssten im Fall des Bergsturzes in Nepal weitere Daten gesammelt werden, um Genaueres zur Ursache sagen zu können. Dieser Artikel erschien zuerst im Schweizer „Tages-Anzeiger“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance (LENA).
Sturzflut in Nepal: „Die Dimensionen müssen wir erst noch vollständig erfassen. Ich bin schockiert“ - WELT
Der Bergsturz im Himalaya zählt zu den schwersten Naturkatastrophen der vergangenen Jahre. Eine Schweizer Glaziologin erklärt, warum die Schlammlawine eine derart enorme Zerstörungskraft auslösen konnte.













