PfadnavigationHomeWissenschaftSturzflut in NepalUm 8.37 Uhr brach ein gewaltiger Teil der Bergflanke am Nordhang des Langtang Lirung abStand: 17:49 UhrLesedauer: 5 MinutenEine Flutwelle rast durch den Himalaja, reißt Brücken und Häuser mit und überrascht Menschen innerhalb weniger Minuten. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Geomorphologe Niels Hovius erklärt die Naturgewalten – und den Einfluss des Klimawandels.Mehr als 1300 Menschen werden nach der Sturzflut im Himalaja vermisst. Zunächst war ein Erdbeben als Ursache für die Katastrophe vermutet worden. Was sich hoch oben in den Bergen wirklich abspielte.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDie verheerende Sturzflut in Nepal ist nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS von einem Gletscherabbruch ausgelöst worden. Die USGS, die zunächst ein Erdbeben als Ursache für das Unglück vermutet hatte, erklärte am Donnerstag, die gemessene seismische Aktivität sei auf die abgehende Eis- und Gerölllawine zurückzuführen gewesen.Die USGS hatte am Mittwochmorgen zunächst ein Erdbeben der Stärke 4,4 nahe der Grenze zwischen Nepal und China gemeldet. Am Donnerstag erklärte sie dann, in der Grenzregion habe sich am Mittwoch um 8.37 Uhr Ortszeit „ein seismisches Ereignis der Stärke 5,2 ereignet“. Weitere Analysen hätten ergeben, dass es dabei nicht um ein Erdbeben gehandelt habe. Stattdessen sei am Mittwochmorgen zum Zeitpunkt der heftigen Erschütterungen ein Teil der Bergflanke mit einem Gletscher vom Nordhang des Langtang Lirung abgerutscht – mit „katastrophalen Folgen“. Mit gut 7200 Metern handelt es sich um den höchsten Gipfel der nepalesischen Region Langtang. Bei dem mehr als 1000 Meter tiefen Abrutschen ließ die – etwa durch Reibung frei werdende – Energie das Eis fast augenblicklich schmelzen. So stark war die Erschütterung beim Aufprall, dass das Erdbebennetzwerk des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung (GFZ) sogar ein Erdbeben der Stärke 5,7 aufzeichnete.Auch das Internationale Zentrum für integrierte Bergentwicklung (Icimod) in Kathmandu geht davon aus, dass eine Lawine aus Eis und Geröll von einem Gletscher die Sturzflut auslöste. Die Lawine habe erst den Fluss Lhende blockiert und dann die gigantische Flutwelle freigesetzt, sagte der Icimod-Experte Saswata Sanyal.Lesen Sie auchBei der Sturzflut waren am Mittwoch mindestens 160 Menschen ums Leben gekommen. Sie zerstörte nach Angaben von Helfern ganze Ortschaften im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet. Nepals Behörden meldeten 157 Tote, die chinesischen Behörden meldeten drei Tote in Tibet.Mehr als 1300 Menschen werden inzwischen vermisst. Allein in Nepal stieg die Zahl dem örtlichen Katastrophenschutz zufolge auf 826, darunter fast 580 Touristen. Die Sturzflut traf unter anderem die Ortschaft Syabrubesi, die der Ausgangspunkt populärer Trekkingrouten ist.Nepalesische Behörden hatten zuvor 403 Vermisste gemeldet, darunter 341 Ausländer. Nach Angaben des Tourismusamtes stammten 133 von ihnen aus Indien und waren auf einer Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash in Tibet. Zudem wurden 55 Malaysier, 47 US-Amerikaner, 34 Australier, 33 Briten und 24 Kanadier sowie acht Deutsche vermisst.Lesen Sie auchDas Flusssystem Lhende Khola trat innerhalb von nur 14 Monaten bereits zum zweiten Mal über die Ufer. Dieses Mal habe eine Eis- und Gerölllawine den Fluss blockiert und anschließend eine plötzliche Flutwelle flussabwärts ausgelöst, sagte der Katastrophenschutzexperte Saswata Sanyal. Frühwarnsysteme seien angesichts eines sich erwärmenden Himalajas besonders wichtig.Niels Hovius, Leiter der GFZ-Sektion Geomorphologie, geht davon aus, dass das Wasser der Flutwelle vor allem vom Gletscher selbst stammte. In dem engen Tal fegt die Sturzflut aus Wasser und Schlamm mit schätzungsweise 40 Metern pro Sekunde – umgerechnet etwa 144 Kilometer pro Stunde – abwärts.Gerade die Geländeform erklärt für Hovius die verheerende Wucht der Sturzflut: „Das Tal ist sehr eng und sehr steil“, sagte der Experte. „Dadurch konnten sich die Wassermengen derart auftürmen.“ Weitere Details waren vorerst unklar, auch weil es durch die derzeitige Monsunsaison anfangs keine Satellitenbilder aus der Region gab.„Alarmierend ist, dass es überall im Himalaja Gletscher und Gletscherseen gibt“, sagte Hovius. „Und es gibt unterschiedlichste Prozesse, die letztlich das gleiche Endresultat haben.“ Hier war es ein Gletscherabbruch, aber auch das Bersten von Gletschersee-Dämmen und Geröll-Lawinen können Flutwellen auslösen.Das Himalaja-Gebirge ist mit seinen steilen Hängen und Tälern besonders anfällig für Überschwemmungen und Erdrutsche. Extreme Wetterereignisse wie starke Monsune und das Abschmelzen der Gletscher treten infolge der vom Menschen verursachten Erderwärmung häufiger auf.Forschungen aus Nepals Hauptstadt Kathmandu ergaben Anfang des Jahres, dass die Gletscher in der Region Hindu Kush Himalaja schneller schmelzen. Seit 2000 hat sich die Geschwindigkeit des Eisverlusts demnach verdoppelt.Ob der Klimawandel zur Katastrophe beigetragen hat, lasse sich nicht eindeutig sagen, meinte Niels Hovius vom GFZ. Solche Ereignisse habe es auch zu anderen Zeiten gegeben. Allerdings: „Gletscher schmelzen, Permafrost taut, die Null-Grad-Grenze steigt – und der Himalaja ist schwer betroffen“, so der Experte. „Diese Umweltbedingungen erhöhen das Risiko von Destabilisierungen.“ Das gelte auch für andere Hochgebirgsregionen, etwa die Anden – und auch für die Alpen.Auch Europas Berge zunehmend instabilAuch Gletscher-Experte Simon Cook von der Universität Dundee in Schottland sagte gegenüber der BBC, er und sein Team seien „alle geschockt von dem Ausmaß“ der Katastrophe. Er fügte hinzu, dass es in den vergangenen Jahren mehrere ähnliche Vorkommnisse im Himalaja, aber auch in den Schweizer Alpen sowie den Dolomiten in Italien gegeben habe. „Wenn man sich die Muster dieser Ereignisse anschaut, kann man denken, dass der Klimawandel einen Einfluss darauf hat“, sagte Cook. Er erklärt, dass die globale Erwärmung möglicherweise den Permafrost auftaut, der die Berghänge teilweise zusammenhält. Dies „destabilisiere diese Hochgebirgs-Landschaften“, was zu mehr Erdrutschen, Schmelzwässern von Gletschern, Seeausbrüchen und Gletscherrutschen führe.Nirgendwo anders zeigt sich der Klimawandel so deutlich wie im Eis der Berge. In den Alpen etwa schreitet bereits seit 1850 eine unerbittliche Gletscherschmelze voran. Bis 2035 dürften etwa die vier letzten Gletscher Deutschlands verschwunden sein. Weltweit hat sich der Rückgang der 275.000 verbliebenen Gletscher im vergangenen Jahrzehnt um mehr als ein Drittel beschleunigt. Auch in Österreich und der Schweiz sieht es trotz der höheren Berge nicht besser aus.Entsprechend werden etwa in der Schweiz Schutzmaßnahmen ergriffen wie am Gorner-Gletscher, einst Teil des zweitgrößten Gletschersystems der Alpen. Dort soll bald eine 85 Meter hohe Staumauer mit 245 Metern Bogenlänge eine Bergschlucht verschließen – und neben der Stromgewinnung aus Schmelzwasser auch die Gemeinde Zermatt im Tal darunter schützen. Denn darüber wird allmählich ein Schmelzsee entstehen, der bis zur Mitte des Jahrhunderts bis zu 50 Millionen Kubikmeter Wasser fassen könnte. Sollte es zu Erdrutschen kommen, könnte dieser See tsunamiartig aus seiner natürlichen Fassung ausbrechen und sich ins Tal ergießen. Staumauern dieser Art könnten diese Risiken möglicherweise eindämmen. Kritiker und Naturschützer befürchten dagegen, dass mit solchen Projekten die letzten unberührten Naturlandschaften der Alpen zerstört werden könnten.lpi mit AFP, AP, dpa