PfadnavigationHomeWissenschaftKatastrophe in NepalWas in den Bergen des Himalaja vor der verheerenden Sturzflut passierteStand: 11:02 UhrLesedauer: 4 MinutenEine Flutwelle rast durch den Himalaja, reißt Brücken und Häuser mit und überrascht Menschen innerhalb weniger Minuten. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Geomorphologe Niels Hovius erklärt die Naturgewalten – und den Einfluss des Klimawandels.Mehr als 1300 Menschen werden nach der Sturzflut im Himalaja vermisst. Zunächst war ein Erdbeben als Ursache für die Katastrophe vermutet worden. Was sich hoch oben in den Bergen wirklich abspielte.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDie verheerende Sturzflut in Nepal ist nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS von einem Gletscherabbruch ausgelöst worden. Die USGS, die zunächst ein Erdbeben als Ursache für das Unglück vermutet hatte, erklärte am Donnerstag, die gemessene seismische Aktivität sei auf die abgehende Eis- und Gerölllawine zurückzuführen gewesen.Die USGS hatte am Mittwochmorgen zunächst ein Erdbeben der Stärke 4,4 nahe der Grenze zwischen Nepal und China gemeldet. Am Donnerstag erklärte sie dann, in der Grenzregion habe sich am Mittwoch um 8.37 Uhr Ortszeit „ein seismisches Ereignis der Stärke 5,2 ereignet“. Weitere Analysen hätten ergeben, dass es dabei nicht um ein Erdbeben gehandelt habe, sondern um einen Gletscherabbruch mit anschließender Eis- und Gerölllawine und „katastrophalen Folgen“.Auch das Internationale Zentrum für integrierte Bergentwicklung (Icimod) in Kathmandu geht davon aus, dass eine Lawine aus Eis und Geröll von einem Gletscher die Sturzflut auslöste. Die Lawine habe erst den Fluss Lhende blockiert und dann die gigantische Flutwelle freigesetzt, sagte der Icimod-Experte Saswata Sanyal.Bei der Sturzflut waren am Mittwoch mindestens 160 Menschen ums Leben gekommen. Sie zerstörte nach Angaben von Helfern ganze Ortschaften im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet. Nepals Behörden meldeten 157 Tote, die chinesischen Behörden meldeten drei Tote in Tibet.Mehr als 1300 Menschen werden inzwischen vermisst. Allein in Nepal stieg die Zahl dem örtlichen Katastrophenschutz zufolge auf 826, darunter fast 580 Touristen. Die Sturzflut traf unter anderem die Ortschaft Syabrubesi, die der Ausgangspunkt populärer Trekkingrouten ist.Lesen Sie auchNepalesische Behörden hatten zuvor 403 Vermisste gemeldet, darunter 341 Ausländer. Nach Angaben des Tourismusamtes stammten 133 von ihnen aus Indien und waren auf einer Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash in Tibet. Zudem wurden 55 Malaysier, 47 US-Amerikaner, 34 Australier, 33 Briten und 24 Kanadier sowie acht Deutsche vermisst.Lesen Sie auchDas Flusssystem Lhende Khola trat innerhalb von nur 14 Monaten bereits zum zweiten Mal über die Ufer. Dieses Mal habe eine Eis- und Gerölllawine den Fluss blockiert und anschließend eine plötzliche Flutwelle flussabwärts ausgelöst, sagte der Katastrophenschutzexperte Saswata Sanyal. Frühwarnsysteme seien angesichts eines sich erwärmenden Himalajas besonders wichtig.Das Himalaja-Gebirge ist mit seinen steilen Hängen und Tälern besonders anfällig für Überschwemmungen und Erdrutsche. Extreme Wetterereignisse wie starke Monsune und das Abschmelzen der Gletscher treten infolge der vom Menschen verursachten Erderwärmung häufiger auf.Forschungen aus Kathmandu ergaben Anfang des Jahres, dass die Gletscher in der Region Hindu Kush Himalaja schneller schmelzen. Seit 2000 hat sich die Geschwindigkeit des Eisverlusts demnach verdoppelt.Auch Europas Berge zunehmend instabilAuch Gletscher-Experte Simon Cook von der Universität Dundee in Schottland sagte gegenüber der BBC, er und sein Team seien „alle geschockt von dem Ausmaß“ der Katastrophe. Er fügte hinzu, dass es in den vergangenen Jahren mehrere ähnliche Vorkommnisse im Himalaja, aber auch in den Schweizer Alpen sowie den Dolomiten in Italien gegeben habe. „Wenn man sich die Muster dieser Ereignisse anschaut, kann man denken, dass der Klimawandel einen Einfluss darauf hat“, sagte Cook. Er erklärt, dass die globale Erwärmung möglicherweise den Permafrost auftaut, der die Berghänge teilweise zusammenhält. Dies „destabilisiere diese Hochgebirgs-Landschaften“, was zu mehr Erdrutschen, Schmelzwässern von Gletschern, Seeausbrüchen und Gletscherrutschen führe.Nirgendwo anders zeigt sich der Klimawandel so deutlich wie im Eis der Berge. In den Alpen etwa schreitet bereits seit 1850 eine unerbittliche Gletscherschmelze voran. Bis 2035 dürften etwa die vier letzten Gletscher Deutschlands verschwunden sein. Weltweit hat sich der Rückgang der 275.000 verbliebenen Gletscher im vergangenen Jahrzehnt um mehr als ein Drittel beschleunigt. Auch in Österreich und der Schweiz sieht es trotz der höheren Berge nicht besser aus.Entsprechend werden etwa in der Schweiz Schutzmaßnahmen ergriffen wie am Gorner-Gletscher, einst Teil des zweitgrößten Gletschersystems der Alpen. Dort soll bald eine 85 Meter hohe Staumauer mit 245 Metern Bogenlänge eine Bergschlucht verschließen – und neben der Stromgewinnung aus Schmelzwasser auch die Gemeinde Zermatt im Tal darunter schützen. Denn darüber wird allmählich ein Schmelzsee entstehen, der bis zur Mitte des Jahrhunderts bis zu 50 Millionen Kubikmeter Wasser fassen könnte. Sollte es zu Erdrutschen kommen, könnte dieser See tsunamiartig aus seiner natürlichen Fassung ausbrechen und sich ins Tal ergießen. Staumauern dieser Art könnten diese Risiken möglicherweise eindämmen. Kritiker und Naturschützer befürchten dagegen, dass mit solchen Projekten die letzten unberührten Naturlandschaften der Alpen zerstört werden könnten.lpi mit AFP, AP