«Binnen Augenblicken war der Markt weg»: kein Entkommen bei der Flutkatastrophe in NepalDie riesige Flutwelle riss im Himalaja ganze Ortschaften fort, die Zahl der Vermissten steigt auf bis zu 1400. Auslöser könnte der Abbruch eines Gletschers gewesen sein. Die Sturzflut war so heftig, dass sie eine Erschütterung der Stärke 5,2 auslöste.27.08.2026, 11.00 Uhr5 LeseminutenEin Junge schaut auf die Schlammmassen, die die Sturzflut auf den Strassen seines Heimatorts hinterlassen hat.Niranjan Shrestha / APZerstörte Häuser, verschüttete Strassen, weggerissene Brücken: Die Sturzflut an der Grenze zwischen Nepal und China hat entlang des Trishuli-Flusses eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Die Masse aus Wasser, Eis, Schlamm und Geröll ergoss sich wie Flüssigbeton das Tal hinab. Über eine Strecke von mehr als 60 Kilometern begrub sie ganze Siedlungen unter sich. Für die Anwohner gab es vielerorts kein Entkommen: Die meterhohe Flutwelle bewegte sich mit einer solchen Geschwindigkeit, dass Fliehen aussichtslos war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rajendra Dhungana, der Leiter des Zolls am nepalesischen Grenzübergang in der Ortschaft Timure, sagte der «Kathmandu Post», er habe zunächst an ein Erdbeben geglaubt. Als er hinausgerannt sei, habe er jedoch eine 100 Meter hohe Wand aus Wasser gesehen, die das Tal hinabgestürzt sei. «Binnen Augenblicken war der Markt weg», sagte Dhungana der Zeitung. Auch 300 Lastwagen und andere Fahrzeuge am Grenzübergang in Timure seien fortgerissen worden.Auch einen Tag nach der Katastrophe waren viele Orte nicht erreichbar. Mindestens 19 Brücken und 40 Kilometer Strasse wurden laut den Behörden weggespült. Zu dem Grenzübergang Gyirong zwischen Nepal und China, der von der Sturzflut mit voller Wucht getroffen worden war, gab es auch am Donnerstagmorgen keinen Kontakt. Mindestens ein Dutzend Dörfer am Trishuli-Fluss wurden verwüstet, Tausende Häuser wurden fortgerissen oder verschüttet.Der Trishuli-Fluss entspringt im tibetischen Hochland und fliesst durch Nepal nach Indien in den Ganges. Am Oberlauf wird er in Nepal auch Bhotekoshi genannt, was «tibetischer Fluss» heisst. Die Sturzflut kam aus dem Lhende-Fluss, der am Grenzübergang in den Trishuli mündet. Die «Freundschaftsbrücke», die dort die beiden Länder verbindet, war bereits vor einem Jahr bei einer Sturzflut zerstört worden. Über die Brücke verläuft Nepals wichtigste Handelsroute nach China.Fast 1400 Menschen werden in Nepal und China vermisstIn der Katastrophenregion befanden sich am Mittwoch Hunderte Pilger, Bergsteiger und andere Touristen, unter ihnen viele Ausländer. Hunderte Hindu-Pilger aus Indien und Nepal waren auf dem Weg zum heiligen Berg Kailash und zum Mansarovar-See in Tibet. Nepal teilte mit, es würden 823 Menschen vermisst, unter ihnen 579 Touristen. Unter ihnen waren nach Angaben der nepalesischen Behörden fast 300 Inder sowie Dutzende Amerikaner, Australier, Kanadier, Briten und Ukrainer. China gab die Zahl der Vermissten mit 558 an.Bis zum Donnerstag stieg die Zahl der Toten in Nepal auf 177 an. China bestätigte zunächst nur den Tod von drei Menschen. Die tatsächliche Opferzahl dürfte aber weit höher liegen. Ein Video von der chinesischen Seite des Grenzübergangs zeigt, wie die riesige Flutwelle Dutzende fliehende Menschen überholt und unter sich begräbt. Auch Dutzende Busse, Lastwagen und Autos wurden hinweggefegt. Auch in anderen Orten dürfte es kaum Überlebende geben.Ein Video aus der Ortschaft Bidur, rund 55 Kilometer flussabwärts von der Grenze, zeigt, wie die Flutwelle erst eine Stahlbrücke fortreisst und dann eine ganze Reihe von Häusern ins Wasser zieht. In einem anderen Video ist zu sehen, wie die grauen Wassermassen auf den Pilgerort Betrawati Bazar einige Kilometer weiter nördlich hereinbrechen. Vielen Einwohnern des Flusstals blieb nur, die Hügel hinaufzurennen, um sich in Sicherheit zu bringen.Angehörige erkundigen sich nach der Flutkatastrophe vor einem Spital in der Hauptstadt Kathmandu nach Verletzten.Sabrina Dangol / ReutersDie Sturzflut löste eine Erschütterung der Stärke 5,2 ausDer Auslöser der Sturzflut war womöglich der Abbruch eines Gletschers oberhalb des Lhende-Flusses. Durch den Sturz der Eismassen aus grosser Höhe könnten diese sich zu Wasser verwandelt haben. Möglich ist aber auch ein Gletscherseeausbruch. Laut einer Studie der Umweltschutzorganisation Icimod gab es 2020 im Himalaja-Gebirge in Nepal, Tibet und Indien 3624 Gletscherseen, von denen 47 genau überwacht werden müssen, da sie leicht brechen können und somit eine Gefahr darstellen.Die Annahme von Nepals Regierung, dass ein Erdbeben die Flut ausgelöst habe, erwies sich dagegen als falsch. Die amerikanische Erdbebenwarte teilte mit, dass eine am Mittwochmorgen um 8 Uhr 37 in der Region registrierte Erschütterung der Stärke 5,2 kein Erdbeben gewesen sei, sondern durch die Sturzflut selbst ausgelöst worden sei. Die genaue Ursache der Katastrophe wird sich aber wohl erst später klären.Der Himalaja liegt an der Grenze zweier tektonischer Platten. Erdbeben sind daher häufig in dem Gebirgszug, in dem sich einige der höchsten Berge der Welt befinden. Zudem gibt es regelmässig Lawinen, Erdrutsche, Sturzfluten und Gletscherseeausbrüche, vor allem während des Monsuns in den warmen Sommermonaten, wenn es in den Bergen oft zu heftigen Gewittern und Sturzregen kommt. Vor der jetzigen Sturzflut gab es jedoch keine starken Regenfälle in der Region.Wie Flüssigbeton ergoss sich der Schlamm durch die Strassen am Ufer des Trishuli-Flusses in Nepal.Navesh Chitrakar / ReutersDie Behörden schickten die erste Warnmeldung um 9 Uhr 15Die für die Überwachung der Wasserpegel zuständige nepalesische Behörde erhielt nach eigenen Angaben um 9 Uhr 5 Informationen über eine drohende Flutwelle aus Tibet. Zuvor hatte eine Wassermessstation unterhalb der Ortschaft Timure aufgehört, Daten zu schicken. Wie die «Kathmandu Post» schreibt, wurden die Anwohner im Flusstal um 9 Uhr 15 per SMS zur Wachsamkeit aufgerufen. Fünf Minuten später erreichte die Flutwelle bereits die Ortschaft Betrawati rund 45 Kilometer flussabwärts von der Grenze.Die Warnsysteme haben sich in Nepal in der Vergangenheit wiederholt als unzureichend erwiesen. Nach der Sturzflut vergangenes Jahr, welche die «Freundschaftsbrücke» an der Grenze zerstörte, vereinbarten Kathmandu und Peking einen verstärkten Informationsaustausch, doch fehlt noch ein operatives Warnsystem. Nach der Katastrophe entbrannte in den Medien umgehend eine Diskussion darüber, wie das Frühwarnsystem und der Informationsaustausch verbessert werden können.Die am schwersten betroffenen Gebiete sind die Bezirke Rasuwa und Nuwakot. Laut dem Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha) der Vereinten Nationen benötigen nun 10 000 Haushalte dringend Hilfe. Das nepalesische Rote Kreuz mobilisierte 200 Helfer, um in den betroffenen Siedlungen Planen, Decken, Matten und Erste-Hilfe-Pakete zu verteilen. Indien, China und die USA sagten Hilfe zu. Die Schweizer Hilfsorganisation Helvetas, die seit vielen Jahren in Nepal aktiv ist, prüft ebenfalls, wie sie den Betroffenen helfen kann.Nepalesische Polizisten suchen nach der Sturzflut im Bezirk Nuwakot mit Spürhunden nach Toten in den Schlammmassen.Niranjan Shrestha / APPassend zum Artikel
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