PfadnavigationHomePanoramaNach SturzflutZahl der Vermissten im Himalaja steigt auf mehr als 1300 – auch Deutsche darunterStand: 06:58 UhrLesedauer: 5 MinutenNur wenige Sekunden bebt die Erde vor dem Unglück, dann bricht die Flut los. Wie bei einer Explosion schießen Wasser, Schlamm und Geröll in Richtung Tal.Mit zerstörerischer Wucht hat eine Geröll- und Schlammlawine in Nepal Straßen und Dörfer unter sich begraben. Das Schicksal von mehr als 1300 Menschen gilt als ungewiss. Viele von ihnen sind Ausländer.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenNach der verheerenden Sturzflut in der Grenzregion zwischen Nepal und China ist die Zahl der Toten in Nepal auf mindestens 162 gestiegen. Das berichtete die nepalesische Polizei in einem Beitrag auf X. 41 Verletzte wurden demnach in Krankenhäusern behandelt. Chinesische Behörden meldeten zunächst drei Tote in Tibet.Mehrere hundert Menschen werden in Nepal noch vermisst, darunter auch zahlreiche Ausländer. Die Zahlen steigen rasant. In Nepal werden nach Behördenangaben noch 823 Menschen vermisst – darunter seien mindestens 579 Touristen aus dem In- und Ausland, teilte die Katastrophenschutzbehörde am Donnerstag mit. Zuvor war vom nepalesischen Tourismusministerium noch von 468 vermissten Reisenden die Rede.In China stieg die Zahl der Vermissten im Südwesten Tibets von 265 auf 558, darunter nach Angaben des Staatssenders CCTV 260 Ausländer. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping ordnete laut Staatsmedien umfassende Such- und Rettungsmaßnahmen an und forderte eine Verbesserung der Frühwarnsysteme. Damit steigt die Gesamtzahl der Vermissten auf mehr als 1300.Nach Angaben von Trekkingagenturen befänden sich unter den Vermissten jedoch acht deutsche Staatsangehörige, wie der Chef der nepalesischen Touristenpolizei, Bishow Raj Adhikari, der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Das Auswärtige Amt erklärte auf dpa-Anfrage, dass die deutsche Botschaft in Kathmandu mit den lokalen Behörden in engem Kontakt stehe. „Zum jetzigen Zeitpunkt hat das Auswärtige Amt keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen“, hieß es aus Berlin. Die weiteren Vermissten kommen laut nepalesischer Tourismusbehörde aus Indien, den USA, Malaysia, Großbritannien, Australien, den Niederlanden, Portugal, Südkorea, Südafrika und Italien. Auch nepalesische Reisende seien unter den Vermissten. Australiens Premierminister Anthony Albanese erklärte, unter den Vermissten seien 34 Australier. Die Sturzflut traf unter anderem die Ortschaft Syabrubesi, die der Ausgangspunkt populärer Trecking-Routen ist. Der Leiter der Polizei der Provinz Bagmati betonte, es werde noch einige Zeit dauern, bis das genaue Ausmaß der Schäden und die Zahl der Vermissten feststehe. Videoaufnahmen zeigten Wassermassen, die Häuser mit sich rissen, und in Schlamm versunkene Gebäude. Das Unglück betrifft den Trishuli-Fluss, der für Wildwasser-Rafting und seine gute Erreichbarkeit bekannt ist. Auch das könnte die hohe Zahl betroffener Touristen erklären.Die Wasser- und Schlammmassen richteten große Zerstörungen in Ortschaften und an Infrastruktur entlang des Flusses Bhotekoshi an, der im Hochland von Tibet entspringt und die nepalesische Provinz Bagmati durchfließt. Ganze Dörfer seien weggespült worden. Zudem wurden Straßen, Brücken, Wasserkraftwerke und weitere Infrastruktur beschädigt oder zerstört. Mehrere Fernstraßen waren blockiert. Chinesischen Medienberichten zufolge brachen im Grenzgebiet außerdem die Stromversorgung und Kommunikationsnetze zusammen. Die Such- und Rettungsarbeiten liefen auf Hochtouren. „Ganze Dörfer und Märkte sind von der Karte ausradiert“, sagte David Fisher von der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC). Die Organisation lieferte eigenen Angaben zufolge Hilfsgüter, darunter Decken, Erste-Hilfe-Sets, Tragen und Leichensäcke. Die nepalesische Armee setzte Hubschrauber und Rettungstrupps in der Katastrophenregion ein.Auch weitere chinesische Rettungskräfte sind in das Katastrophengebiet aufgebrochen. Wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete, erreichte ein Flugzeug mit 111 Experten der Feuerwehr aus Sichuan und Peking den Flughafen in Tingri. Mit Autos würden sie von dort noch fünf bis sechs Stunden zum von der Flut überspülten Grenzübergang Gyirong benötigen, hieß es weiter.Die Flut setzte den Angaben zufolge am Mittwochmorgen gegen 9 Uhr ein. Die Behörden warnten die Bevölkerung in mehreren Bezirken, die Ufer der Flüsse zu meiden. Für flussabwärts gelegene Gebiete wurde zudem eine Katastrophenwarnung ausgegeben. Nepals Regierung bat die Nachbarländer Indien und China um Unterstützung. „Wir haben sowohl Indien als auch China gebeten, uns bei den Rettungsmaßnahmen zu helfen“, sagte Regierungssprecher Sasmit Pokharel.Die USA sagten dem Himalaya-Staat 500.000 Dollar (429.000 Euro) an Nothilfe zu. Das US-Außenministerium sprach den Hinterbliebenen der Toten in einer Erklärung sein „tiefstes Mitgefühl“ aus. Gletscherabbruch ist UrsacheBei der Suche nach der Ursache sind sich unterschiedliche Instanzen mittlerweile weitgehend einig. Die nepalesische Katastrophenschutzbehörde vermutete nach ersten Analysen von Satellitenbildern, eine Gletscherlawine könnte zunächst einen Zufluss des Bhotekoshi blockiert haben, wie die Zeitung „The Kathmandu Post“ berichtete. Dadurch habe sich ein vorübergehender See gebildet, der anschließend über die Ufer getreten sei. Eine Flutwelle aus Wasser, Eis und Geröll sei dann flussabwärts im Himalaya-Staat vorgerückt.Auch die US-Erdbebenwarte USGS geht von einem Gletscherabbruch aus. Die USGS, die zunächst ein Erdbeben als Ursache für das Unglück vermutet hatte, erklärte am Donnerstag, die gemessene seismische Aktivität sei auf die abgehende Eis- und Gerölllawine zurückzuführen gewesen. Die USGS hatte am Mittwochmorgen zunächst ein Erdbeben der Stärke 4,4 nahe der Grenze zwischen Nepal und China gemeldet. Am Donnerstag erklärte sie dann, in der Grenzregion habe sich am Mittwoch um 8.37 Uhr Ortszeit „ein seismisches Ereignis der Stärke 5,2 ereignet“. Weitere Analysen hätten ergeben, dass es dabei nicht um ein Erdbeben gehandelt habe, sondern um einen Gletscherabbruch mit anschließender Eis- und Gerölllawine und „katastrophalen Folgen“.Auch das Internationale Zentrum für integrierte Bergentwicklung (Icimod) in Kathmandu geht davon aus, dass eine Lawine aus Eis und Geröll von einem Gletscher die Sturzflut auslöste. Die Lawine habe erst den Fluss Lhende blockiert und dann die gigantische Flutwelle freigesetzt, sagte der Icimod-Experte Saswata Sanyal.Experten verweisen zudem auf die zunehmenden Folgen des Klimawandels: Der Himalaja erwärme sich schneller als viele andere Regionen der Erde und sei deshalb besonders anfällig für Starkregen, Überschwemmungen, Erdrutsche und das Abschmelzen von Gletschern. Lesen Sie auchForschungsergebnisse zeigen, dass extreme Wetterereignisse in der Region in den vergangenen Jahren häufiger geworden sind. Nach Untersuchungen des ICIMOD hat sich der Eisverlust in den Gletschern der Hindukusch-Himalaja-Region seit dem Jahr 2000 aufgrund steigender Temperaturen etwa verdoppelt. „In einem sich erwärmenden Himalaja sind Frühwarnsysteme die wichtigste Anpassungsmaßnahme“, sagte Sanyal.Die Region war bereits im August vergangenen Jahres von einer ähnlichen Katastrophe betroffen. Damals trat nach hohen Temperaturen in der Gebirgsregion ein Gletschersee im benachbarten Tibet über die Ufer. Neun Menschen kamen ums Leben, zudem wurde eine wichtige Brücke zwischen Nepal und China beschädigt.AP/Reuters/AFP/dpa/kami/lfb/lay/luwi